Sudan: "Frauen sind überall dort, wo protestiert wird"

Staat reagiert mit Festnahmen

Von Reem Abbas | 23.07.2013

Khartum. Im Sudan nimmt die Regierung in dem Bemühen, kritische Stimmen mundtot zu machen, auch zunehmend Frauen ins Visier. Die Anwältin Asma Ahmed, Mitglied der verbotenen Sudanesischen Volksbefreiungsfront – Nord (SPLM–N), kam am 14. Juni nach fünf Wochen Haft auf freien Fuß. Sie ist nur eine von vielen Betroffenen.

Nach Meindung von Asma Ahmed geht die Regierung verstärkt gegen Frauen vor, weil deren politisches und soziales Engagement zunimmt. "Vor meiner Festnahme wurde mein Haus tagelang überwacht. Meiner Familie teilten Agenten des nationalen Geheimdienstes NISS mit, dass sie mich vorgeladen hätten", erzählt Ahmed. "Ich fand mich daraufhin zum Verhör im Norden von Khartum ein, von dem ich erst Mal nicht nach Hause zurückkehrte." Die Rebellenorganisation SPLM–N wurde 2011 verboten, nachdem sie sich gegen die Regierungstruppen in den Bundesstaaten Süd-Kordofan und Blauer Nil erhoben hatte.

Die internationale Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' kritisiert, dass das Nationale Sicherheitsgesetz aus dem Jahre 2010 Polizei und Militär mit weitreichenden Vollmachten ausstattet, um Menschen festzunehmen und festzuhalten. Folter und andere Misshandlungen seien nach wie vor verbreitet.

Im April hatte 'Human Rights Watch' in einer Mitteilung geschrieben, dass die Unterdrückung der politischen und zivilgesellschaftlicher Gruppen im Sudan weiter zunehme. So hätten die Sicherheitsbehörden im Dezember die Büros von vier zivilgesellschaftlichen Gruppen mit der Begründung geschlossen, die Organisationen hätten ausländische Gelder in Empfang genommen. Auch Nuba-Kulturvereinigungen wurden dicht gemacht und den Medien neue Beschränkungen auferlegt.

Nach Erkenntnissen des Sudanesischen Rats zum Schutz von Rechten und Freiheiten, eine aus Menschenrechtlern, Anwälten und Politikern bestehende unabhängige Vereinigung, befinden sich schätzungsweise 600 SPLM–N-Mitglieder in Haft, unter ihnen viele Frauen.

Hollywoodgleiche Verfolgung

Die staatlichen Einschüchterungstaktiken treffen regimekritische Sudanesinnen gleichermaßen wie die Männer. Als bisheriger Höhepunkt gilt die Jagd auf die Oppositionspolitikerin Entisar Al-Agali. Sie war bei ihrer Rückfahrt am 7. Januar von einem Treffen in Uganda von einem NISS-Fahrzeug verfolgt worden. Als man versuchte, sie in Khartum anzuhalten, gab sie Gas und versuchte zu entkommen. Sie wurde von ihren Verfolgern gerammt. "Weil ich einen Unfall vermeiden wollte, hielt ich an", sagt Al-Agali im IPS-Gespräch.

Die Politikerin hatte in der ugandischen Hauptstadt Kampala an dem Treffen teilgenommen, auf dem die 'Charta für den Neubeginn' ('New Dawn Charter') verfasst und von sudanesischen Oppositionsparteien, Rebellen- und zivilgesellschaftlichen Gruppen des Landes am 6. Januar unterzeichnet wurde. Das Papier beinhaltet Strategien, um die sudanesische Regierung zu Fall zu bringen und dem kriegszerrissenen Land eine Übergangsregierung zu geben.

"Ich brachte 87 Tage im Omdurman-Frauengefängnis zu, davon75 Tage in Isolationshaft", berichtet Al-Agali, ein führendes Mitglied der oppositionellen ' Socialist Unionist Nasserist Party' (Nasserismus - Idee einer arabischen Nation vom Atlantik bis zum Persischen Golf). Al-Agali war die einzige Frau, die im Rahmen der Verhaftungswelle nach Unterzeichnung der New Dawn Charter festgenommen wurde. Doch ist sie nur eine von vielen weiblichen Häftlingen.

Im November 2012 wurden 34 mutmaßliche Mitglieder der SPLM–N, die meisten von ihnen Staatsbedienstete, in Kadugli, der Hauptstadt des umkämpften Bundesstaates Süd-Kordofan, festgenommen. Am 26. April kamen 14 wieder frei. Die restlichen 20 sitzen nach wie vor hinter Gittern.

Khadija Mohamed Badr gehörte zu denen, die freigelassen wurden. Sie ist bei ihrer Familie in Khartum. "Sie ist schwer verletzt, sie hat sich bei einem Sturz im Gefängnis zwei Rückenwirbel gebrochen. Für die medizinische Behandlung muss sie selbst aufkommen", berichtet ein Aktivist, der sich Anonymität ausbat. Er sammelt derzeit Spendengelder für die erforderliche medizinische Versorgung.

Misstrauen gegenüber staatlicher Menschenrechtskommission

In der Zwischenzeit versucht die Staatliche Nationale Menschenrechtskommission (NHRC), sich als Sprachrohr der politischen Gefangenen zu positionieren. Doch der Menschenrechtsanwalt Abdelmoniem Mohamed hält die NHRC für wenig glaubwürdig, zumal sie sich im Fall von Jalila Khamis viel zu passiv verhalten habe, sagt er.

Die Lehrerin und Menschenrechtsaktivistin war im März 2012 im Zusammenhang mit einem Video über den Krieg in den Nuba-Bergen in Süd-Kordofan festgenommen worden. Die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und der SPLM–N sind seit Juni 2011 im Gang. Khamis drohte zunächst lebenslange Haft. Sie wurde im Januar jedoch nach einem langen Verfahren freigelassen.

"Ich musste mich langen Verhören stellen", berichtet sie gegenüber IPS. "Doch am schlimmsten war für mich, als man damit drohte, meinen Sohn zu töten - und das zu einer Zeit, als bei mir Bluthochdruck diagnostiziert wurde." Bis heute wird sie von den Sicherheitskräften überwacht.

Die Zahl der Frauen, die derzeit im Gefängnis sitzen, ist unbekannt. Nach Ansicht einer Aktivistin, die ihren Namen ebenfalls aus Sicherheitsgründen geheim hält, sind es viele. Sie hat nach eigenen Angaben von Angehörigen einer in der Stadt Kosti südlich von Khartum einsitzenden politischen Gefangenen eine Liste mit unzähligen Frauennamen erhalten. "Das bedeutet, dass es viele weibliche Gefängnisinsassen gibt, über die wir gar nichts wissen."

Laut Fatima Ghazzali, einer Pro-Demokratie-Aktivistin und Journalistin, die für die Politikseite der Zeitung 'Al-Jareeda' schreibt, bilden Frauen die Speerspitze im Kampf um Demokratie und Freiheiten im Sudan. "Frauen stellen die Mehrheit der Vertriebenen in diesem Land. Sie sind die Hauptleidtragenden des Krieges. Deshalb überrascht es mich nicht, dass sie besonders an demokratischen Verhältnissen im Sudan interessiert sind", so Ghazzali. "Denn nur in einer Demokratie könnten Frauen von ihren Rechten Gebrauch machen."

Die zunehmende Teilnahme weiblicher Aktivisten an den Protesten und Kampagnen ist sogar der Polizei aufgefallen, die bereits darauf hingewiesen hat, dass Frauen überall dort anzutreffen seien, wo protestiert werde, berichtet Ghazzali, die selbst 2011 im Gefängnis saß, weil sie über die Gruppenvergewaltigung einer Gefangenen geschrieben hatte. (afr/IPS)

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