Sudan: Brandanschlag auf Dorf

Satellitenbilder belegen Gräuel von Regierungstruppen

Von Carey L. Biron | 30.07.2012

Washington. Sudanesische Soldaten haben laut einer unabhängigen US-Organisation im November 2011 ein Dorf im Süden des afrikanischen Landes niedergebrannt. Das von Hollywood-Star George Clooney mitbegründete 'Satellite Sentinel Projekt' (SSP) untermauert seine Anschuldigungen mit Satellitenaufnahmen, Videos und Augenzeugenberichten.

"Zivilisten durch Brände aus ihren Häusern zu vertreiben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", erklärte Clooney in einer am 20. Juli veröffentlichten Mitteilung. "Wir haben unumstößliche und sichtbare Beweise dafür, dass im vergangenen Jahr ein Massengräuel in einem Dorf begangen wurde, das auf den meisten Landkarten gar nicht vorkommt."

Politisch motivierter Angriff

Die Ortschaft Um Bartumbu, in der früher etwa 250 Familien aus Süd-Kordofan lebten, befindet sich in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan. Diese Region wird von der Regierung in Khartum besonders ins Visier genommen, weil die lokale Bevölkerung verdächtigt wird, die Rebellenbewegung SPLM-N zu unterstützen. Die SPLM-N ist eine Splittergruppe der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee, die nun die Regierung im unabhängigen Südsudan stellt.

Laut Jonathan Hutson von dem unabhängigen 'Enough Project', das sich mit Völkermorden befasst und eng mit SSP zusammenarbeitet, führen die Bewohner von Um Bartumbu den Angriff darauf zurück, dass sie alle für die politische Partei der SPLM-N gestimmt haben.

SSP und Bürgerjournalisten von der Gruppe 'Eyes and Ears Nuba' haben den Verlauf der Ereignisse rekonstruiert. Demnach tauchten im November 2011 sudanesische Soldaten in dem Dorf auf und gaben sich als Mitglieder einer 'Streichholz-Brigade' ('Match Battalion', auf Sudanesisch: 'Kabita Kabreet') aus.

Der Name der Gruppe wird als Anspielung auf das Abbrennen von zivilen Strukturen im südlichen Sudan verstanden. In einem undatierten Handy-Video, das Eyes and Ears Nuba Mitte Juni zuging, sagt ein Soldat offenbar: "Streichhölzer, wo sind die Streichhölzer? Brennt das Haus ab!"

Infrarot-Bilder zeigen Spuren von Bränden

Hutson erklärt, dass SSP-Mitarbeiter Infrarot-Satellitenbilder untersuchten und darauf Hinweise fanden, die auf eine Serie von Brandanschlägen schließen lassen. "Auf Fotos von Anfang November erkennt man gesunde, nicht verbrannte Bäume zwischen offensichtlich zivil genutzten Strukturen. Auf Bildern vom darauffolgenden Januar ist das Gelände zu 90 Prozent verkohlt."

Nach dem Brandanschlag soll die Streichholz-Brigade zwischen Ende März und Mitte Juni erneut zu Plünderungen nach Um Bartumbu zurückgekehrt sein. Die Soldaten hatten es auf Generatoren und Zinkdächer abgesehen.

"Die Vertriebenen leiden noch heute", sagt Hutson. "Sie flohen zu Verwandten in der Nähe. Alle hungern jedoch, weil die Regierung von Sudan eine humanitäre Blockade verhängt hat. Es kommen kaum Hilfsgüter durch." Die Menschen haben demnach nur die Wahl, dort zu bleiben, wo sie sind, und zu verhungern oder zu Fuß zu fliehen. Zu dem nächstgelegenen Flüchtlingscamp sind sie allerdings mindestens sieben Tage unterwegs.

Aufgrund der massiven Gewalt und einer verheerenden Dürre sind in den vergangenen Monaten Hunderttausende Flüchtlinge vom südlichen Sudan aus in den Südsudan und andere Nachbarstaaten geflohen. "Es ist an der Zeit, dass die internationale Staatengemeinschaft ihrer Verantwortung nachkommt, Zivilisten zu schützen, die durch Brände aus ihren Häusern vertrieben werden und die fast täglich mit Bombenangriffen ihrer eigenen Regierung rechnen müssen."

Mit den Aufnahmen aus Um Bartumbu hat SSP bereits zum sechsten Mal Beweismittel für Gräueltaten längs der Grenze im südlichen Sudan vorgelegt. Die Organisation, die sich selbst als weltweit erstes Frühwarnsystem für die Menschenrechte bezeichnet, veröffentlichte am 18. Juli eine Bilanz der ersten 18 Monate ihrer Arbeit.

"Gegen die kontinuierlichen Bombenangriffe und das Aushungern der Einwohner der Bundesstaaten Süd-Kordofan und Blauer Nil muss der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit größerer Vehemenz vorgehen", forderte der Mitbegründer von SSP und des 'Enough Project', John Prendergast. Auf ein Abkommen zwischen dem Sudan und dem Südsudan zu dringen, genüge nicht. Man müsse sich auch mit den politischen Missständen in den beiden Regionen sowie in Darfur und im Osten des Landes befassen.

Kein Durchbruch bei Verhandlungen zwischen Sudan und Südsudan erwartet

Mitte Juli hatten die Präsidenten des Sudan und des Südsudan, Omar Al Bashir und Salva Kiir, direkte Gespräche aufgenommen. Das war die erste Annäherung seit es Ende April im Streit um ein Erdölfeld beinahe zu einem Krieg zwischen den beiden Ländern gekommen wäre.

Politische Beobachter zweifeln daran, dass die Verhandlungen weitreichende Konsequenzen haben werden. Die Staatschefs hätten die Folgen eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs im Blick. Beide Länder bewegten sich auf eine verheerende Hyperinflation zu, sagte der Sudan-Experte Eric Reeves vom US-amerikanischen 'Smith College'.

"Solange Khartum nicht die Notwendigkeit für Verhandlungen mit der SPLM-N sieht, wird der Flüchtlingsstrom vermutlich nicht abreißen. Der Sudan setzt indes seinen brutalen Krieg fort."

Reeves befürchtet, dass Attacken wie die der Streichholz-Brigade den Hunger in der Region noch erheblich verschlimmern. Auch wenn Dörfer zerstört und Äcker nicht mehr nutzbar seien, wüssten die Menschen im Süden des Sudan nicht, wohin sie sonst gehen sollten. Im Herbst würden sie aber schon die dritte Pflanzperiode verpassen und näherten sich damit weiter dem Hungertod. (afr/IPS)

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