Somaliland: Friede und Stabilität

Selbst ernannter Staat erntet die Früchte

Von Matthew Newsome | 07.12.2012

Hargeisa. Während sich Somalia nur langsam aus dem Sumpf von Instabilität und Chaos herauszieht, ist der selbst ernannte Staat Somaliland dabei, die Früchte von 20 Jahren Stabilität und Frieden zu ernten. Im November unterzeichnete die seit 1991 abtrünnige Provinz im Norden Somalias ihr erstes Erdölförderabkommen.

Somaliland hat dem anglo-türkischen Unternehmen 'Genel Energy' eine Explorations- und Förderlizenz erteilt, nachdem der Konzern Investitionen in Höhe von 40 Millionen US-Dollar angekündigt hatte. "Somaliland bietet eine spannende geologische Gelegenheit, und wir freuen uns darauf, in der Region die Arbeit aufzunehmen", erklärte ein Firmensprecher.

Genel Energy ist das erste ausländische Unternehmen, das eine derart signifikante Investition in den Energiesektor Somalilands tätigt. Aus einer Mitteilung der Firma geht hervor, dass vor Ort "zahlreiche Erdölaustritte" auf ein "funktionierendes Kohlenwasserstoffsystem" schließen lassen. Der vom ehemaligen BP-Geschäftsführer Tony Hayward geleitete Konzern will noch vor Ende des Jahres mit den Explorationsarbeiten beginnen.

Die treibende Wirtschaftskraft in dieser 'Republik' am Horn von Afrika ist traditionell die Viehzucht. Der Handel mit Nutztieren, die die 3,5 Millionen Einwohner zählende Bevölkerung von Somaliland um das Dreifache übersteigen, erwirtschaftet 65 Prozent des somaliländischen Bruttoinlandsproduktes (BIP), wie Planungsminister Saad Shire gegenüber IPS erklärte.

Kapitalzufluss

Die mit einem begrenzten nationalen Budget in Höhe von 120 Millionen Dollar ausgestattete Regierung erhält inzwischen von Investoren dringend erforderliche Mittel, um die Entwicklung von Somaliland voranzubringen. Die lokalen Erdöl- und Erdgasreserven wecken auch die Begehrlichkeiten anderer großer Unternehmen wie 'Ophir Energy' aus Südafrika, 'Jacka Resources' aus Australien und 'Petrosoma', einer Niederlassung von 'Prime Resources' mit Sitz in Großbritannien. Sie alle haben bereits Investitionsbereitschaft signalisiert.

Somaliland leidet jedoch darunter, kein unabhängiger Staat zu sein. Aufgrund seiner ungeklärten rechtlichen Identität sind nur wenige Versicherungsunternehmen bereit, die Aktivitäten ausländischer Firmen in Somaliland gegen mögliche Risiken abzusichern. Dies führt dazu, dass die Konzerne bislang einen großen Bogen um den selbsternannten Staat gemacht haben. Aus dem gleichen Grund konnte Somaliland auch nicht mit der Hilfe der internationalen Finanzorganisationen wie Weltbank und IWF rechnen.

Seit diesem Jahr jedoch macht sich ein Wandel bemerkbar. Anfang 2012 wurde die erste britisch-somaliländische Investment-Konferenz zugunsten einer Anerkennung des bilateralen Handels abgehalten. Und ein Konglomerat aus Dschibuti eröffnete im Mai in Somaliland eine 17 Millionen Dollar teure Coca-Cola-Fabrik, die nicht nur die bisher größte Investition in Somaliland seit 1991 darstellte, sondern an andere Anleger die Botschaft vermittelte, dass das Investitionsklima in der 'Republik' unternehmerfreundlich sei.

Den Erwartungen zufolge wird auch der somaliländische Berbera-Hafen in den kommenden Jahren Investitionen anziehen. Während des kalten Krieges von der Sowjetunion gebaut, ist er für den lokalen Viehexport von großer Bedeutung. Die Chancen, auch noch zu einer Drehscheibe für die Erdöl- und Gas-Exporte anderer landeingeschlossener Länder zu werden, sind groß. "Berbera liegt strategisch günstig", erläuterte Shire. "30.000 Schiffe aus Europa, Nahost und Asien kommen hier jedes Jahr vorbei. Wir könnten aus Berbera eine große Hafenstadt wie Singapur machen – mit Containerterminals, Freizonen, Erdölraffinerien und Dienstleistungen."

Dem Hafenmanager Ali Omar Mohamed zufolge könnte Berbera zum Brückenkopf des Seehandels zwischen Afrika und der Region Nahost werden. "Dieser Hafen könnte so groß und erfolgreich werden wie Dschibuti. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor die nötigen Investitionen einfließen, um den Hafen zu modernisieren und auszudehnen, sodass wir über die notwendigen Kapazitäten verfügen, die wir brauchen, um wirtschaftlich potent zu sein", meinte er.

"Was Singapur schafft, schaffen wir auch"

Shire ist überzeugt: "Sollte Somaliland ein stärkeres kommerziell-rechtliches Rahmenabkommen hervorbringen, mit entsprechenden Sicherheiten für potenzielle Investoren, dann sind die Weichen für den Wohlstand gestellt. Wir sind politisch stabil und können einen Zugang zum Meer vorweisen. Wir haben das, was sich Investoren wünschen. Was Singapur geschafft hat, schaffen wir auch."

Dass sich ausländische Investoren nicht gegen Investitionsrisiken versichern könnten, sei ein großes Problem, meinte J. Peter Pham vom 'Michael S. Ansari Africa Center', das sich für einen anderen Ansatz der USA und Europa im Umgang mit Afrika einsetzt. "Ohne die internationale Anerkennung und den damit verbundenen Zugang zu den internationalen Finanzinstitutionen kann sich Somaliland wirtschaftlich nicht so entwickeln, wie es einem solch politisch stabilen und demokratischen Teil der Welt eigentlich zukäme."

Es gehe nicht allein um den Zugang zu Entwicklungshilfe und internationalen Krediten, sondern um ein rechtliches Rahmenwerk, das den privaten Unternehmen die Chance gebe, sich vor Investitionsschäden abzusichern, sagte er. Pham zufolge wird Somaliland ohne die Anerkennung als souveräner Staat niemals das ganze Potenzial seiner natürlichen Ressourcen ausschöpfen können. "Der Schatz an fossilen Brennstoffen, Mineralien und Fisch kann in Abwesenheit einer Resolution in der Frage der Souveränität nicht wirklich gehoben werden."

Den Bedarf an ausländischen Investitionen hat die Regierung in dem Ende 2011 vorgestellten Investitionsplan 2012 bis 2016 verdeutlicht. Darin wird der Ausbau der Infrastruktur wie Straßen und Müllhalden betont. Die komplette Umsetzung des Plans würde 1,19 Milliarden Dollar erforderlich machen. Shire zufolge wird der Großteil der Mittel aller Voraussicht nach aus externen Quellen – von Gebern und Auslandsinvestoren – kommen.

Pham zufolge stellt die Trägheit, mit der die internationale Gemeinschaft auf den Wunsch von Somaliland nach politischer Souveränität reagiert, eine Gefahr dar. "Die wachsende Bevölkerung junger Menschen, deren Möglichkeiten durch die Entwicklungshindernisse begrenzt werden, könnte der islamistischen Terrororganisation 'Al-Shabaab' und nicht ihren politischen Führern Gehör schenken, die Somaliland aus den Ruinen des ehemaligen Somalias gerettet haben." (afr/IPS)

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