Somalia: Terroranschlag in Kenia als Warnung

Experten warnen vor Unterschätzung der geschwächten Al-Shabaab

Von William Lloyd-George | 08.10.2013

Addis Abeba. In Somalia geht die Sorge um, dass ein hartes Vorgehen gegen die Al-Shabaab-Miliz nach dem Terroranschlag auf ein Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi die Islamisten am Ende sogar noch stärken wird. Diplomaten befürchten unterdessen, dass eine neue Anschlagserie bevorstehen könnte.

Viele Somalier leben in der Angst, dass es zu mehr Gewalt in ihrem Land kommen könnte. "Wenn solche Anschläge verübt werden, sind es am Ende immer wir, die dafür bezahlen", meint ein 23-jähriger Student aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Seinen Namen gibt er am Telefon nur mit 'Mohammed' an. "Wenn sich Politiker und Armee bekämpfen, wird unser Leiden beiseitegeschoben."

In Somalia befindet sich die Al-Shabaab seit einiger Zeit in der Defensive. Unterstützung von der zunehmend unter Druck geratenden Diaspora und der leidgeprüften somalischen Bevölkerung kann sie kaum noch erwarten. In den letzten Monaten wurden die Extremisten aus zwei Hochburgen, dem Bakara-Markt in Mogadischu und dem weiter südlich gelegenen Hafen Kismaayo, vertrieben. Beide Orte waren für die Miliz von besonderer strategischer Bedeutung und sicherten ihnen die erforderlichen finanziellen Mittel.

Viele politische Beobachter sehen Anzeichen für eine Schwächung der Gruppe, auch wenn es in Mogadischu zunehmend zu Bombenanschlägen und Morden an Journalisten kommt. Auch die Gerichte und das Gelände des UN-Entwicklungsprogramms UNDP sind attackiert worden.

Die Föderale Somalische Übergangsregierung (TFG) wurde dafür gelobt, dass sie dem Land neue Stabilität gebracht habe. Viele Somalier sind inzwischen aus dem Exil zurückgekehrt, nachdem wieder eine gewisse Normalität eingekehrt ist.

Mehrheit der Somalier hat genug von Extremisten

"Die Unterstützung für Al Shabaab ist in Somalia gering", erklärt Ahmed Soliman vom 'Royal Institute of International Affairs' im 'Chatham House' in London. "Die Taktik der Miliz, unschuldige Zivilisten zu ihren Zielscheiben zu machen, kommt bei den Menschen nicht gut an." Ethnische Somalier in Kenia seien es zudem leid, mit den Gewalttätern in Verbindung gebracht zu werden.

Soliman warnt aber zugleich davor, dass "eine Minderheit im eigenen Land und im Ausland durch den jüngsten Anschlag bestärkt werden und daher Al Shabaab zur Seite stehen könnte." Der Angriff auf die Westgate Mall in Nairobi könnte der Al-Shabaab dazu dienen, aus ihrer Schwäche Kapital zu schlagen und die Gründe für ihre Entstehung in den Vordergrund rücken.

Nach der US-gestützten Invasion von Truppen aus Äthiopien und anderen afrikanischen Staaten 2006 wurde die von Geistlichen und Milizenchefs unterstützte Union Islamischer Gerichte (ICU), die in Somalia den größten Einfluss ausübte, aus der somalischen Hauptstadt vertrieben. Ein junger Flügel der ICU, der inzwischen als Al-Shabaab (Jugend) bekannt ist, griff daraufhin zu den Waffen, um die Invasoren zu bekämpfen. Bis heute geht er gegen ausländische Truppen vor.

Seit Äthiopien 2011 zahlreiche Soldaten entsandte, um den Armeen Kenias und der Afrikanischen Union Verstärkung zu leisten, musste Al-Shabaab einige strategische Rückschläge hinnehmen. Daraufhin brach in den eigenen Reihen ein Machtkampf aus. Mehrere hochrangige Mitglieder wollten offenbar nicht hinnehmen, dass sich die Gruppe der globalen Dschihad-Bewegung und dem Terrornetzwerk Al-Qaeda zu sehr annäherte.

Al-Shabaab-Führer Mukhtar Abu Zubeyr, auch bekannt als 'Godane', rückte in diesem Sommer an die Spitze der Bewegung vor und drängte gemäßigtere Rivalen ins Abseits ab. Mehrfach betonte Zubeyr seine Treue gegenüber dem von US-Soldaten erschossenen Extremistenführer Osama bin Laden und der Al-Qaeda.

Miliz mit Terrornetzwerk Al-Qaeda verbunden

"Der Angriff in Nairobi zeigt, dass Al-Shabaab unter Führung von Godane ernst genommen werden muss und dass sie ein treuer Verbündeter von Al-Qaeda ist", erklärt Stig Jarle Hansen, Autor des Buches 'Al-Shabaab in Somalia'. In den Augen von Al-Qaeda gewinnen Godane und seine Gruppe dadurch an Stärke. Dennoch könnte das Netzwerk von Al-Shabaab in Kenia ausgedünnt werden, da die kenianischen Behörden schärfer gegen Somalier vorgingen, die ihren Wohnsitz in dem ostafrikanischen Land haben.

Nach Ansicht von Hansen versucht die Miliz wahrscheinlich den Umstand für sich zu nutzen, dass die kenianische Unterstützung für den in der somalischen Region Jubaland dominierenden Ogadeni-Clan bei den Somalier zunehmend Zorn auslöst. Mit kenianischer Hilfe will sich die Region im äußersten Südwesten vom Rest Somalias abspalten. Laut Hansen könnte Godane insofern von der Attacke auf die Westgate Mall profitieren, als ihm dadurch Handlungsfähigkeit anerkannt wird.

Andererseits sei damit zu rechnen, dass die internationale Staatengemeinschaft ihre finanzielle und politische Unterstützung für Militäraktionen gegen Al-Shabaab erhöhe, meint Hansen. Solche Vorstöße seien vor allem von den USA und von europäischen Ländern zu erwarten. Zugleich warnte der Experte vor der damit verbundenen Gefahr einer zunehmend korrupten Polizei und Armee. In einem solchen Fall hätte es die Al-Shabaab leichter, die Sicherheitskräfte zu bestechen.

Mogadischu soll Fehler der Bush-Regierung vermeiden

"Der größte Fehler, den die Regierung in Mogadischu begehen könnte, wäre wie einst die Bush-Regierung in den USA davon auszugehen, dass Terrorismus das Werk einer begrenzten Zahl von Akteuren ist und dass das Problem gelöst werden kann, wenn sie festgenommen oder getötet werden", sagt der Somalia-Experte Alula Iyasu. "Der Vorfall in Nairobi sollte Mogadischu und die Geberländer jedoch von der Notwendigkeit überzeugen, mehr Jobs im Land zu schaffen und mehr für die Bildung und andere Bereiche zu tun."

Der Angriff auf das Einkaufszentrum ist daher als Warnung zu verstehen, dass Al-Shabaab trotz der in jüngster Zeit erlittenen Rückschläge durchaus in der Lage ist, weitere verheerende Terrorangriffe in Somalia und im Ausland zu verüben. Da die Gruppe näher an die Al-Qaeda herangerückt ist, fürchten Diplomaten, dass der Anschlag in Kenia erst der Beginn einer neuen Serie sein könnte. (afr/IPS)

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