Somalia: Krieg innerhalb der Al-Shabaab

Experte sieht Aufspaltung in Mini-Kampfgruppen

Von Muhyadin Ahmed Roble | 25.10.2013

Nairobi. Jahrelang erschien Al-Shabaab als in sich geschlossene und einflussreichste Islamisten-Miliz in Somalia. Innere Machtkämpfe lassen die Strukturen der Gruppe jetzt aber einstürzen wie ein Kartenhaus, erklärt der Politologe Abdiwahab Sheikh Abdisamad von der kenianischen Kenyatta-Universität. Das sei eine Chance für die somalische Regierung.

"Die Bewegung spaltet sich in Mini-Kampfgruppen auf, die sich aufgrund ideologischer Differenzen untereinander bekriegen", sagt Abdisamad, der selbst aus Somalia stammt. "Al-Shabaab steht am Rande eines internen Bürgerkriegs."

Al-Shabaab hatte sich zu dem Terrorangriff auf das Einkaufszentrum 'Westgate Shopping Mall' und der anschließenden Geiselnahme im September bekannt, die mehr als 70 Todesopfer forderten. Zwei Somalier wurden zudem bei einem Bombenanschlag in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba am 13. Oktober getötet. Die Miliz, die sich seit 2012 formell als Verbündete des Terrornetzwerk Al Qaeda ausgibt, hat sich inzwischen aber in eine Gruppe globaler Dschihadisten und in lokal operierende nationalistische Kämpfer aufgesplittert.

Abdisamad sieht diese Entwicklung als große Chance für die somalische Regierung, die gemäßigteren nationalen Kräfte ins Boot zu holen. Sollte die Staatsführung diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, würden die globalen Dschihadisten gewinnen und an Stärke zulegen, warnte er. "In diesem Fall wäre die Zukunft Somalias ungewiss und die Stabilität der Region und auch der ganzen Welt gefährdet."

Prominente Islamistenführer ermordet

Wie er weiter erklärt, hat die Ermordung der beiden Al-Shabaab-Gründer Ibrahim Haji Jama und Moalim Burhan im Juni durch Mitglieder der Miliz dazu geführt, dass der Krieg innerhalb der Gruppe offen und in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird. Auf Jama hatten die USA ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt. Seit er in Al-Qaeda-Camps in Afghanistan ausgebildet worden war, trug er den Spitznamen 'Ibrahim Al-Afghani'.

Al-Shabaab-Sprecher Sheikh Abdiaziz Abu Musab streitet jedoch ab, dass die Gruppe gespalten sei. Die beiden Führer seien vorsätzlich bei einer Schießerei getötet worden, nachdem sie sich einem Haftbefehl eines Scharia-Gerichts widersetzt hätten. Zwei ausländische Dschihadisten, der gebürtige US-Amerikaner Omar Hammami alias Abu Mansoor Al-Amriki und Osama al-Britani, ein Brite pakistanischer Herkunft, waren im September ebenfalls von Al-Shabaab-Kämpfern ermordet worden.

Al-Amriki stand auf der FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher. Auf seine Ergreifung war eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt. Da er in englischsprachigen Dschihad-Rap-Videos auftrat, war er der wohl der bekannteste Al-Shabaab-Propagandist. 2012 sprach er als erstes Mitglied öffentlich von einer Aufspaltung der Miliz. In einem kurzen Videoclip, das im Internet kursierte, erklärte er, sein Leben sei in Gefahr.

Al-Amriki überlebte zunächst mehrere Mordanschläge der Al-Shabaab-Geheimdiensteinheit 'Amniyat', die von Ahmed Abdi Godane alias Sheikh Mukhtar Abu Zubeyr geführt wird, dem obersten Chef von Al-Shabaab. Laut Abdisamad ist Godane ein Verfechter des globalen Dschihad und der Meinung, dass Somalia allen Muslimen der Welt gehöre. "Seine Anhänger wollen den Islam von Somalia aus bis nach China, Chile, Südafrika und Kanada verbreiten", sagt er.

Sheikh Hassan Dahir Aweys, ein weiteres Mitglied der Gruppe, das wie Jama dem nationalistischen Flügel verbunden war, entkam aus dem größten verbliebenen Al-Shabaab-Stützpunkt in Barawe, etwa 180 Kilometer südlich von Mogadischu. Er hat sich der somalischen Regierung nach den Morden an Jama und Burhan ergeben.

Wie Abdisamad erklärt, gelten Aweys und seine Gefolgsleute als gemäßigt. Ihre Absicht sei es, einen islamischen Staat innerhalb der Grenzen von Somalia zu errichten und die Nachbarländer dabei außer Acht zu lassen. "Der religiös-nationalistische Flügel von Al-Shabaab ist dagegen, den Somalia-Konflikt zu exportieren und jeden zu töten, der die Kämpfer nicht unterstützt", sagt der Experte. "Seit Jahren versuchen diese Mitglieder vergeblich, Godane zu ersetzen."

Durch Grabenkämpfe geschwächt

Es gibt einige Politikanalysten, die der Meinung sind, dass die Grabenkämpfe der Islamisten dazu geführt haben, dass sie die Kontrolle über strategisch wichtige Städte im Süden und im Zentrum des ostafrikanischen Landes verloren haben.

Der Bakara-Markt in der Hauptstadt Mogadischu war das Finanzzentrum von Al-Shabaab. Dort nahm die Gruppe Millionen Dollar durch die Erhebung von Abgaben sowie die Erpressung von Telekommunikationsfirmen und anderen Unternehmen ein. 2011 wurde Al-Shabaab von somalischen Soldaten und Truppen der Somalia-Mission der Afrikanischen Union (AMISOM) aus Mogadischu vertrieben.

Genau ein Jahr später verlor die Gruppe ihre letzte Hochburg, die Hafenstadt Kismayo im Süden. Nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen erwirtschaftete Al-Shabaab in Kismayo und dem ebenfalls im Süden gelegenen Hafen Marko jährlich zwischen 35 und 50 Millionen Dollar. Beide Häfen stehen inzwischen unter der Kontrolle von somalischen und AMISOM-Truppen. Wie der somalische Journalisten Mohamed Abdi erklärte, haben sich wegen des Verlustes der Einnahmequellen und der Spaltung von Al-Shabaab Hunderte Kämpfer der Regierung ergeben. (afr/IPS)

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