Simbabwe: Straßen-Shona auf dem Vormarsch

Nationalsprache öffnet sich den 'Urban Grooves'

Von Hilary Siyachitema | 16.06.2014

Harare. 'Ndipei sand dzangu' ('Gib mir meine Hämmer'), singt der simbabwische Musiker Winky D in Shona, einer von 80 Prozent der Landesbevölkerung gesprochenen Sprache. Doch durch die Slang-Elemente, die er in seinen Songs verwendet, ist sein Shona anders. Frei übersetzt bedeutet die Liedzeile: Wer etwas Außergewöhnliches zustande bringt, sollte dafür auch gewürdigt werden.

Das Straßen-Shona hat das klassische Shona, das seinen Ursprung in den Bantu-Sprachen mit all ihren Dialekten wie dem Zezuru, Korekore, Ndau und Manyika hat, nachhaltig beeinflusst. Es ist zu einem Synonym für den 'Zimbabwean Urban Grooves' geworden. Seine Popularität verdankt der Musikstil der staatlichen Anweisung an die Rundfunksender, zu 75 Prozent lokal produziertes Material auszustrahlen.

"Unsere Sprache, das Shona, hat sich weiterentwickelt. Wir haben eine andere Ebene erreicht", meint dazu Tazvitya Kaseke, ein junger Städter, der in Harare lebt. Auch wenn Urban Grooves eine Musikrichtung sei, die vor allem junge Simbabwer anspreche, habe eine Vielzahl von Wörtern und Begriffen Eingang in die Alltagssprache gefunden.

Als Beispiel führt Kaseke die in Harare inzwischen etablierte Redensart 'wotoshaya kuti zviri kufamba seyi' an. Sie bedeutet soviel wie 'keine Ahnung, warum sich die Dinge entwickeln, wie sie sich entwickeln' und soll von dem lokalen Comedian Richard Matimba stammen.

Sprache der Townships

Wie Stanley Maniste, ein junger Mann aus Chitungwiza, einer Satellitenstadt südlich von Harare, erklärt, stammt das Straßen-Shona aus den armen Townships, wurde aber durch den Urban Grooves populär gemacht. "Musik ist ein Vehikel aktueller Entwicklungen", meint er. "Das Straßen-Shona stammt aus Chitungwiza, Mbare und den anderen Townships."

Für McDonald Nyathi, einen jungen Künstler aus Chitungwiza, ist das Straßen-Shona ein Produkt der Gesellschaft. Seiner Meinung nach schaffen Musik und Medien die Plattformen für gesellschaftliche Ansichten. "Was die Gesellschaft kreiert, wird von den Künstlern und den Medien aufgegriffen und verbreitet. Manchmal ist es andersherum. Dann sind es die Künstler, die vorgeben, was sich auf der Straße durchsetzt."

Dem Musikproduzenten Lloyd Goredema zufolge erklärt sich die Verbreitung des Straßenslangs aus dem wirtschaftlichen Niedergang des Landes. "Wenn die Gesellschaft am absoluten Tiefpunkt angekommen ist, müssen die Menschen neue Wege beschreiten, um zu überleben. Das hat im Fall Simbabwe zur steigenden Zahl von Künstlern geführt, die sich als 'Urban Groovers' einen Namen machten."

Doch auch Goredema ist der Meinung, dass die 2002 eingeführte Local-Content-Strategie den eigentlichen Beitrag zur Entwicklung des Straßen-Shonas geleistet hat. "Dem Staat fehlte das Geld für den Import von Titeln internationaler Interpreten. So wurde der Äther von der Musik über das Leben in den simbabwischen Townships beherrscht."

Nyathi zufolge ist der Eindruck entstanden, als sei das Straßen-Shona urplötzlich entstanden. Tatsächlich jedoch habe er lange vor 2002 existiert.

Es gibt aber noch eine Vielzahl anderer Quellen, aus denen sich das Straßen-Shona speist. Dazu gehören nicht zuletzt die vielen Kundenanwerber, die in den simbabwischen Städten häufig in der Nähe von Taxiständen anzutreffen sind. Auch die Werbebranche mit ihren eingehenden Sprüchen hat zu dem Hype beigetragen. So wurde beispielsweise die Redensart 'zva zvinhu' ('das hat sich bewährt') zum geflügelten Wort. Ursprünglich diente sie dazu, eine Brotsorte anzupreisen.

Shumirai Nyota und Rugare Mareva sind der Frage 'Was ist neu am Shona-Straßenslang?' in einer gleichnamigen Untersuchung nachgegangen. "Das Shona besteht aus höchst informellen Wörtern oder Wortgebilden, die sich aus der Vermischung mehrerer Sprachen ergeben. Shona-Sprecher verwenden sie in informellen Gesprächen über Politik, Sozioökonomie und HIV", heißt es in der Untersuchung. Auch E-Mails, SMS, Shona-Chatrooms und Urban-Grooves-Musik wirkten inspirierend.

Auch in den Dörfern angekommen

Gesprochen wird der Shona-Slang nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Gebieten, was Tawanda Huhlu, ein Musiker aus Harare, auf die zunehmende Mobilität und die neuen Medien zurückführt.

Nicht nur in Simbabwe, auch in anderen afrikanischen Ländern befassten sich Wissenschaftler mit dem Siegeszug der Umgangssprache. "Sheng, eine Mischung aus Kiswahili und Englisch, ist eine Sprachvarietät, die junge Leute in Nairobi entwickelt haben, während das Camfranglais, eine Verschmelzung aus Französisch, Englisch und afrikanischen Sprachen, vorwiegend von kamerunischen Städtern gesprochen wird", schreibt die deutsche Afrikawissenschaftlerin Flora Veit-Wild in ihrer Studie ' Zimbolicious – The Creative Potential of Linguistic Innovation: The Case of Shona-English in Zimbabwe' aus dem Jahre 2009.

"Diese Art der Sprache verbindet ein Land", meint Goredema. "Weil sie für alle eine Identität schafft." (Ende)

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