Simbabwe: Kostenlose Grundschule bleibt ein ferner Traum

Regierung scheitert bislang an Umsetzung des Entwicklungsziels

Von Jeffrey Moyo | 19.01.2015

Harare. Simbabwe gehört zu den afrikanischen Staaten mit der höchsten Alphabetisierungsrate. Dennoch bleibt die universelle Grundschulbildung ein ferner Traum und wirft das Land in dem Bemühen zurück, die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) zur Armutsbekämpfung fristgerecht bis Ende 2015 doch noch zu erreichen.

Primary school children like the ones pictured here in Zimbabwe's capital Harare. Credit Jeffrey Moyo IPS.Viele Grundschulen in Simbabwe verzeichnen eine hohe Drop-Out-Quote, da sich Eltern das Schulgeld für ihre Kinder nicht leisten können (Bild: Jeffrey Moyo/IPS).

Das Bildungs-MDG, eines von acht UN-Zielen, verlangt den Staaten ab, bis spätestens Ende 2015 allen Kindern den Zugang zu einer kostenfreien Primärbildung zu ermöglichen. Doch mehr als 34 Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ist Simbabwe weit davon entfernt, dieses Ziel umzusetzen.

"Nach der Unabhängigkeit hatte die simbabwische Regierung zunächst den kostenfreien Grundschulunterricht eingeführt, was zu Massenanmeldungen an den Schulen führte", erinnert sich Thabo Hlalo, ein ehemaliger Lehrer aus der Provinz Midlands. "Ohne eine solche kostenlose Primärbildung kommt es zu vorzeitigen Schulabbrüchen."

Die Abschaffung der Schulgebühren im Anschluss an die Unabhängigkeit 1980 wurde mit den Jahren wieder rückgängig gemacht. Für arme Familien bedeuten die Schulgebühren jedoch eine hohe finanzielle Belastung. Viele sehen sich außerstande, die Gebühren aufzubringen geschweige denn für Schuluniformen, Hefte und andere Kosten aufzukommen.

Anfang 2014 hatte Simbabwe die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien um finanzielle Hilfe gebeten, um den Grundschulabbruch von einer Million Kinder zu verhindern. Das wirtschaftlich angeschlagene Land sieht sich außerstande, das BEAM-Schulförderprogramm für arme Kinder zu finanzieren. Die britische Regierung hat zwar über ihre Entwicklungsbehörde zehn Millionen US-Dollar bereitgestellt, gleichzeitig jedoch angedeutet, dass dies der letzte Beitrag sein könnte.

Fast alle Bürger für Gratis-Grundschulausbildung

Simbabwes Bildungsminister Lazarus Dokora ist ein rigoroser Befürworter von Schulgebühren. Er soll einmal erklärt haben, dass Eltern, die für das Schulgeld nicht aufkämen, vor Gericht gehörten. Doch mindestens 95 Prozent der Simbabwer haben in einem Referendum im März 2013 für eine neue Verfassung gestimmt, in der eine freie Grundschulbildung für alle vorgesehen ist.

Obwohl in Artikel 75 der neuen Verfassung das Recht auf eine vom Staat getragene Grundschulbildung festgeschrieben ist, wird noch immer vielen Kinder der Primärunterricht vorenthalten. Zu ihnen gehört der neunjährige Tobias Chikota, der mit seiner Familie in Caledonia, einem Slum rund 30 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Harare, lebt. Er geht seit einem Jahr nicht mehr zu Schule, "weil meine Eltern arbeitslos sind und das Schulgeld nicht mehr bezahlen können", weiß der Junge.

Simbabwes Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werfen der Regierung vor, bei der Zuweisung der Haushaltsgelder nicht die richtigen Prioritäten zu setzen. "Obwohl die Frist für die Umsetzung des MDG-Ziels abläuft, verhält sich die Regierung, was die Finanzierung des Bildungssektors angeht, widersprüchlich", meinen Bildungsexperten. "Dadurch wird die Umsetzung des Ziels erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht."

Anfang 2014 hatte die simbabwische Regierung für den Bildungshaushalt 2015 rund 919 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. "Leere Versprechen", meint dazu Catherine Mukwapati vom 'Youth Dialogue Action Network', einer Pro-Demokratie-Gruppe. "Die Ankündigung existiert, wie üblich, nur auf dem Papier."

Mit Hilfe des 'Education Transition Fund' (ETF) des Weltkinderhilfswerks UNICEF konnten die Grundschulen des Landes im Jahr 2010 mit 13 Millionen Schulbüchern ausgestattet werden. Auf diese Weise konnte jeder einzelne Schüler eine Grundausstattung von vier Büchern in Empfang nehmen.

Lehrermangel

Zwei Jahre später kam ein Bericht des parlamentarischen Bildungsausschusses zu dem Schluss, dass die Lehrer in den ländlichen Gebieten hoffnungslos überfordert sind. Auf einen Lehrer kommen demnach 60 Schüler. Dem Kinderhilfswerk 'Save the Children' zufolge stehen mehr als 3,2 Millionen simbabwischen Kindern in den Grund- und weiterführenden Schulen gerade einmal 102.000 Lehrer zur Seite.

Laut einem 2012 veröffentlichten UNICEF-Bericht über den Stand der Frauen- und Kinderrechte in Simbabwe verlassen mindestens 197.000 Schüler jedes Jahr die Grundschule vorzeitig. Dieser Umstand ist nach Ansicht von Entwicklungsexperten verantwortlich dafür, dass Simbabwe das MDG Grundschulbildung für alle bis Ende 2015 nicht erreichen wird.

"Dass immer mehr Kinder die Schulen verlassen müssen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können, ist eine Krankheit, die sich von Jahr zu Jahr verschlimmert", meint der unabhängige Entwicklungsexperte Evans Dube. Es sei somit völlig unrealistisch damit zu rechnen, dass Simbabwe das UN-Bildungsziel bis Ende 2015 erreiche.

Die Bildungskrise im Lande wurde auch durch die Tatsache verschärft, dass 20.000 Lehrer auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in den Jahren 2007 bis 2009 das Land verlassen haben.

Die extrem niedrigen Gehälter haben der Lehrergewerkschaft PTUZ zufolge die Arbeitsmoral der Pädagogen und somit die Bildungsqualität ausgehöhlt. Ein Lehrer verdient in Harare durchschnittlich 400 Dollar im Monat. Als arm gelten jedoch bereits fünfköpfige Familien, denen monatlich weniger als 511 Dollar zur Verfügung stehen.

"Dass Simbabwe das Bildungs-MDG nicht erreichen wird, hat gerade mit den miserablen Gehältern der Lehrer zu tun", versichert der PTUZ-Generalsekretär Raymond Majongwe. "Angesichts der Tatsache, dass es bis Ablauf der Frist nur noch zwölf Monate sind, ist eine universelle Grundschulbildung für alle bis dahin unvorstellbar." (afr/IPS)

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