Simbabwe: Kaum Schmerzlinderung für Krebskranke

Morphium für viele unbezahlbar

Von Busani Bafana | 22.01.2013

Bulawayo. Erst nach zwei Wochen hatte Gily Ncubes Tochter genug Hühner verkauft, um für umgerechnet 18 US-Dollar Morphiumtabletten zu kaufen, die ihre krebskranke Mutter alle vier Stunden gegen ihre starken Schmerzen einnehmen muss. In Simbabwe ist dieser Preis für 60 Tabletten mit je zehn Milligramm Morphin für die meisten Menschen viel zu hoch.

Die Arbeitslosenrate wird in Simbabwe auf 70 Prozent geschätzt. Für 18 Dollar sind in dem südafrikanischen Land etwa 18 Laib Brot erhältlich. Einige Kranke erhalten Hilfe vom Bulawayo-Inselhospiz, einer der ältesten medizinischen Einrichtungen, die auch Arme betreuen. Die Familie von Gily Ncube, die auf dem Land lebt, hatte keine Wahl. Ohne Morphium kann die schwerkranke Frau nicht mehr schlafen. Ncube, die eigentlich anders heißt, leidet an Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium und kann kaum noch das Bett verlassen. Sie erwartet keine Heilung mehr, wünscht sich aber eine Linderung ihrer Schmerzen. "Die Schmerzen sind unvorstellbar", klagt sie. Das Krankenhaus, in dem sie behandelt wurde, hat ihr lediglich ein Röhrchen mit Paracetamol, einem leichten Schmerzmittel, mitgegeben.

Durch die tägliche Einnahme von etwa 40 Gramm Morphium kann sich Ncube zumindest wieder aufsetzen und sogar einige kleinere Hausarbeiten verrichten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht erzählt Ncube, dass sie bereits seit einem halben Jahr auf den Beginn der Strahlentherapie im Mpilo-Krankenhaus in Bulawayo wartet. Die zweitgrößte Stadt liegt etwa 430 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Harare. Monatelang war das Bestrahlungsgerät kaputt, ein neues ist erst kürzlich in Betrieb genommen worden.

Termin beim Onkologen kommt oft zu spät

Dennoch hat Ncube im Vergleich zu den meisten der nach staatlichen Schätzungen etwa 7.000 Krebspatienten in Simbabwe noch Glück im Unglück. Immerhin bekommt sie Hilfe und hin und wieder auch etwas Morphium aus dem Bulawayo-Inselhospiz, das seit 1982 arme Patienten unterstützt. Mitarbeiter des Hospizes berichten, dass das simbabwische Gesundheitswesen so schlecht funktioniert, dass viele Kranke sterben, noch bevor sie einen Termin beim Onkologen erhalten. Viele haben am Ende fürchterliche Schmerzen, selbst wenn sie ein Rezept für Morphium bekommen.

Schwester Adelaide Nyathi, die in dem Hospiz arbeitet, betreut mehr als 90 Krebspatienten. Sie besucht sie einmal in der Woche, bringt ihnen Schmerzmittel und etwas zu essen, vor allem aber ein freundliches Lächeln, Zuwendung und Hoffnung.

Die Einrichtung sei auf Morphiumspenden angewiesen, um die Kranken versorgen zu können, sagt sie. "Die meisten Patienten haben Krebs im fortgeschrittenen Stadium, in dem nicht-opioide Schmerzmittel keine Wirkung mehr zeigen", erklärt sie. "Die Menschen sagen mir, dass sie sich an die Schmerzen zu gewöhnen versuchen. Das ist aber nicht einfach."

Medizinische Helfer gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Krebskranken noch weit über den von der Regierung geschätzten 7.000 Personen liegt. Viele von ihnen würden sterben, noch bevor die Diagnose gestellt sei, sagen sie.

Das Bulawayo-Inselhospiz, ein Hoffnungsschimmer für die Armen, ist nun in Gefahr geschlossen zu werden. Die hohen Betriebskosten können durch die spärlichen Spenden nicht mehr gedeckt werden. Lediglich fünf Krankenschwestern kümmern sich um fast 200 Krebskranke in der gesamten Stadt und besuchen diese einmal pro Woche.

Sekezai Dziva, deren Familie ihren richtigen Namen nicht genannt sehen will, erfuhr 2010, dass sie einen bösartigen Tumor im Hals hat. Danach hatte sie große Beschwerden. Ihre Söhne arbeiteten rund um die Uhr, um ihr für umgerechnet 84 Dollar eine Chemotherapie zu ermöglichen, die sie nur knapp am Leben erhielt. Wenn in der Familie das Geld ausging, krümmte sich die Frau tagelang vor Schmerzen. Als sie vor sechs Monaten starb, hinterließ sie drei Kinder im Teenager-Alter.

Flüssiges Morphium wäre preisgünstigere Alternative

Obwohl auch in Simbabwe inzwischen Morphium-Tabletten und -injektionen hergestellt werden, sind sie für viele Menschen nicht erschwinglich. Experten sind überzeugt, dass die Verabreichung von Morphium in flüssiger Form eine Lösung wäre. Gesundheitsmitarbeiter könnten dazu ausgebildet werden, diese Lösung aus Morphiumpulver selbst herzustellen.

"Wir wissen, dass 18 Dollar für die meisten Patienten unbezahlbar sind", sagt der Leiter des 'Island Hospice Service' in Harare, Dickson Chifamba. Monatlich könnten die Kosten rasch auf über 50 Dollar steigen, selbst bei Patienten, die alle vier Stunden nur niedrig dosierte Tabletten einnehmen.

"Flüssiges Morphium ist eine gute Option, wenn Helfer im Krankenhaus lernen können, es selbst herzustellen", meint er. Apotheker seien oft nicht dazu bereit, weil diese Aufgabe zu viel Zeit koste. Zurzeit werde versucht, im In- und Ausland Partner zu finden, die medizinisches Personal in diesem Bereich fortbilden könnten.

Nach Angaben der Gesundheitskontrollbehörde MCAZ dürfen Hospitäler und Apotheken Morphiumpulver zur Herstellung des flüssigen Präparats lagern. Dieses ist nicht nur preisgünstiger, sondern überdies den schwerkranken Patienten besser zu verabreichen als Tabletten.

Laut MCAZ-Generaldirektor Gugu Mahlangu wurden im vergangenen Jahr in Simbabwe nur insgesamt 3,6 Kilo des mehr als elf Kilogramm bereitgestellten Morphiums verwendet. Er führt dies vor allem darauf zurück, dass die meisten Gesundheitsarbeiter zu wenig Erfahrung mit Schmerzmitteln haben.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO werden jährlich insgesamt etwa 4,8 Millionen Menschen trotz starker Krebsschmerzen nicht behandelt. Der Suchtkontrollrat INCB hat festgestellt, dass fast 80 Prozent des weltweit verwendeten Morphiums in Industriestaaten verabreicht werden. (afr/IPS)

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