Simbabwe: Frauen flechten sich in ein besseres Leben

Kooperative sichert Einkommen und nachhaltige Waldbewirtschaftung

Von Busani Bafana | 10.06.2015

Lupane. Grace Ngwenya ist 77 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. Auch die Augen spielen noch mit, was für die Korbflechterin mit hohen Qualitätsansprüchen besonders wichtig ist. Sie zwirbelt Palmfasern zu Fäden zusammen, zieht sie glatt, und verwebt sie. Hin und wieder taucht sie drei Finger der rechten Hand in eine Schale Wasser, um die Fasern geschmeidiger zu machen.

Seventy-seven-year-old Grace Ngwenya weaves a 60-cm tray. She is a member of a women’s collective in western Zimbabwe that is empowering women in a drought-prone district. Credit: Busani Bafana/IPSGrace Ngwenya flechtet einen 60 Zentimeter großen Korb. Sie ist Mitglied einer Frauenkooperative, die Frauen zu einem besseren Leben verhilft (Bild: Busani Bafana/IPS).

Langsam nimmt der Korb Gestalt an. Wie sie betont, legt sie größten Wert auf Details, Sorgfalt und Kreativität. Wenn sie sich erst einmal für die Form und die Farben eines Korbes entschieden habe, brauche sie sieben Tage, um ihr Werk zu wollenden. Dann wird er einer Qualitätskontrolle unterzogen, liebevoll verpackt und zum Kunden in Übersee verschickt.

Ngwenya verdient mit der Korbmacherei um die 50 US-Dollar im Monat – ein kleines Vermögen in einer Region, in der viele Frauen schon froh sind, wenn sie im Laufe mehrerer Wochen ein paar Dollar zusammen bekommen.

Ngwenya lebt in Shabula, einem Dorf im 15. Bezirk des ariden Distrikts Lupane in der Provinz Matabeleland Nord im äußersten Westen Simbabwes. Die nächste größere Stadt ist Bulawayo, gut 170 Kilometer entfernt.

Lupane, eine von Dürren und Hunger heimgesuchte Region mit rund 90.000 Einwohnern, hat sich inzwischen als Standort einer innovativen Frauenkooperative einen Namen gemacht. Die Mitglieder generieren Einkünfte, bewahren traditionelle Fähigkeiten und leisten einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an den Klimawandel.

Aus klein wird groß

Das Projekt hatte 1997 klein angefangen. Damals fand sich eine Gruppe von Frauen zu dem Experiment zusammen, aus den Produkten der nahegelegenen Wälder Körbe und andere Kunsthandwerksgegenstände herzustellen, um sie am Straßenrand auf der Strecke zwischen Bulawayo und den Viktoriafällen an Touristen zu verkaufen.

2004 gründeten die Frauen mit Hilfe einer Freiwilligen des US-amerikanischen 'Peace Corps' das Lupane-Frauenzentrum (LWC). Damals zählte die Organisation gerade einmal 14 registrierte Mitglieder. Ein gutes Jahrzehnt später sind es 3.638.

Alle diese Frauen stammen aus 28 Bezirken Lupanes. Ihr Durchschnittsverdient ist von monatlich einem Dollar auf 50 Dollar gestiegen. Im Mai erzielte ein Mitglied sogar 700 Dollar mit dem Verkauf ihrer Produkte. Ein großes Glück in einer Region, in der es schwierig ist, täglich drei Mahlzeiten zu organisieren.

"Die Herstellung von Korbwaren hat mein Leben verändert", erzählt Ngwenya und zeigt auf ein halbfertiges Zwei-Zimmer-Haus aus Stein ganz in der Nähe – in einem armen Dorf wie Shabula der pure Luxus.

"In diesem Jahr läuft das Geschäft zwar nicht ganz so gut, doch so Gott will, wird das Haus im nächsten Jahr fertig werden. Die Fenster sind schon bezahlt und ich werde es selbst verputzen und streichen", berichtet die Seniorin stolz.

Mit den Einnahmen aus dem Geschäft konnte sie bereits eine Ziege kaufen und den Wall für ihren 'Schlüssellochgarten' bezahlen, einer in Afrika verbreiteten Anbautechnik. Dabei handelt es sich um ein kreisrundes Hochbeet von mehreren Metern Durchmesser, das von außen und von innen – über einen Zugang zum Mittelpunkt des Beetes – zugänglich ist.

Die Korbflechterei hat auch das Leben anderer Frauen zum Positiven verändert. Nur einen Steinwurf entfernt lebt Ngwenyas Schwester Gladys mit ihrem Mann Misheck Ngwenya. Das Paar konnte sich dank der Einkünfte aus dem Korbwarenverkauf eine Solaranlage leisten. "Früher waren wir so arm, dass ich manchmal meine Nachbarinnen um Zucker bitten musste", erinnert sich Gladys Ngwenya. "Doch das ist jetzt Geschichte."

Es ist kein Zufall, dass das Projekt im ariden Bezirk Lupane seinen Anfang nahm. Das Gebiet ist für jeden Bauern ein Alptraum. Hier, mit jährlichen Niederschlägen zwischen 450 und 600 Millimetern, gedeihen hauptsächliche dürreresistente Agrarpflanzen wie Sorghum und Fingerhirse – Mais nur in geringen Mengen.

Dürre- und Hungergebiet

Bei lang anhaltenden Dürren geht es den ländlichen Gemeinden extrem schlecht. Zahlen des Landwirtschaftsministeriums belegen, dass es in Lupane alljährlich zu Nahrungsmittelengpässen kommt. Im Dürrejahr 2008 litt der Bezirk unter einem Getreideproduktionsdefizit von mehr als 10.000 Tonnen. Der Bedarf lag bei 13.900 Tonnen.

Die Situation hat sich nicht verbessert. So sind auch heute noch unzählige Menschen vom Hunger bedroht, weil in diesen Jahr nur mit der Hälfte der erforderlichen Ernte von 10.900 Tonnen Getreide gerechnet wird. Bauernfamilien sind somit gezwungen, Nahrungsmittel dazuzukaufen. Da es vielen an Einkommensmöglichkeiten fehlt, steht zu befürchten, dass sie ohne Nahrung dastehen werden.

Simbabwe sieht sich in diesem Jahr zum Import von 700.000 Tonnen Mais gezwungen, um die Defizite eines weiteren ernteschwachen Jahres zu schließen. Der landesweite jährliche Maisbedarf liegt bei 1,8 Millionen Tonnen.

Das Frauenzentrum in Lupane will zur Lösung dieser Doppelproblematik – Hunger und fehlende Einkommensmöglichkeiten – beitragen, indem sie Frauen zu Brotverdienerinnen macht. Wie die Zentrumsmanagerin Hildegard Mufukare erläutert, haben die Mitgliederinnen mit ihren Einnahmen Nutztiere angeschafft und finanzieren alles, was die familiäre Landwirtschaft so braucht.

Seine Betriebskosten finanziert das Zentrum zu rund einem Drittel aus den Mitgliedsbeiträgen. Die restlichen zwei Drittel kommen von internationalen Gebern wie der Liechtensteiner Entwicklungsbehörde. Doch die Frauen wollen ihre finanzielle Abhängigkeit progressiv verringern. So wollen sie ein Restaurant, ein Konferenzzentrum und eine Farm aufbauen, die noch mehr Nahrungsmittel abwerfen soll.

Da sie für die internationalen Märkte produzieren, sind sie zuversichtlich, die erforderlichen Gelder für die Projekte zuammenzubekommen. Schon jetzt ist es den Mitgliedern gelungen, sich Kunden in Ländern wie Australien, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und den USA zu erschließen. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Korbwaren haben sich in einem Zeitraum von zwei Jahren mehr als verdreifacht: von 10.000 Dollar 2012 auf 32.000 Dollar 2014.

Das Angebot ist vielfältig und soll noch erweitert werden. So denken die Frauen inzwischen darüber nach, sogar Särge aus den Pflanzenfasern herzustellen. Noch gibt es keine Reaktionen auf den Vorschlag, den sie als einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit verstanden wissen wollen.

Staatliche Klimapolitik drastisch unterfinanziert

Gemeindegeführte Projekte im Kampf gegen den Klimawandel sind dringend erforderlich in einem Land wie Simbabwe, in dem 14,5 Millionen Menschen Klimarisiken wie Überschwemmungen und Dürren ausgesetzt sind. Da es der Regierung in Harare nicht gelungen ist, sich den Zugang zu einer adäquaten Klimafinanzierung zu sichern, sah sich das Land gezwungen, das Budget des Umweltministeriums von 93 Millionen Dollar 2014 auf 52 Millionen Dollar für dieses Jahr zu stutzen.

Der finanzielle Engpass hat die Möglichkeiten Simbabwes, auf Naturkatastrophen zu reagieren, erheblich eingeschränkt. Sogar die Gelder für die meteorologischen Dienste müssten gekürzt werden. Das bedeutet, dass im Fall von Naturkatastrophen die entlegenen Gemeinschaften weitgehend auf sich selbst gestellt sein werden.

Die Frauen in Lupane sind auf eine solche Realität mehr als vorbereitet. Siduduzile Nyoni, Mutter dreier Kinder, ist der Kooperative im Dürrejahr 2008 beigetreten. Wie sie berichtet, hat sich die Korbmacherei für sie und ihre Familie als Rettungsanker herausgestellt.

Von ihren Ersparnissen hat sie eine Ziege und Hühner gekauft und einen Gemüsegarten angelegt. Spielt das Wetter mit, reicht die Eigenproduktion zur Ernährung der Familie. Ist das nicht der Fall, helfen die Ersparnisse über die Durststrecke hinweg.

Zusammen mit drei anderen Frauen hat sie ihr eigenes kleines Mikrokreditsystem auf die Beine gestellt. Jedes Mitglied zahlt monatlich fünf Dollar in einen Gemeinschaftsfonds. Nach jedem Quartal und nach dem Rotationsprinzip kommen die Frauen in den Genuss von jeweils 20 Dollar.

Andere Frauen widmen sich dem Kartoffelanbau, der Bienenzucht und der Kerzenproduktion, wieder andere verdienen sich mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und der Hühnerzucht ein Zubrot. Die lokale Bevölkerung profitiert, indem sie weniger abhängig von den zentral organisierten Nahrungsmittellieferungen wird.

Wie Lisina Moyo betont, die dem Zentrum seit 2012 angehört, sollten alle Familien einen eigenen Schlüssellochgarten besitzen. Sie verdient mit ihrem Gemüse monatlich 15 Dollar dazu. Die Einnahmen investiert sie in die Schulausbildung ihrer Kinder und in einem Sparverein, der ihr in Krisenzeiten über die Runden hilft.

Die Wälder retten

Und was vielleicht noch wichtiger ist: Die tausenden Frauen, die der Frauenkooperative angehören, tragen mit einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung zur Rettung der lokalen Wälder bei.

Die Kunst des Korbflechters aus den Fasern der Ilala-Palme und aus Sisal, der Faser eines Agavengewächses, aus denen sich besonders stabile Seile und Kordeln herstellen lassen, wird von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Die Menschen beziehen aus ihren umliegenden Wäldern ihre Heilpflanzen, ihr Feuerholz und Beeren – Grund genug, diese artenreichen Gebiete zu schützen. Angesichts der vom Weltumweltprogramm UNEP mit 327.000 Hektar angegebenen Waldverluste im Zeitraum 1990 bis 2010 kommt den lokalen Waldwächtern somit eine wichtige Rolle zu.

Landesweit operieren etwa 66.250 Holzhändler, denn Millionen ländliche Familien sind auf Feuerholz angewiesen. Allein schon aus diesen Gründen ist der nachhaltige Umgang mit den Wäldern ein Muss. Auch in dieser Hinsicht sorgen die Frauen von Lupane vor, indem sie kleine Baumschulen mit Ilala-Palmen anlegen und für den Schutz dieser Baumart werben.

Wie die Frauen berichten, gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt ihres neuen Lebens, der ihnen ans Herz gewachsen ist: das Miteinander. So sagt Moyo: "Dass wir Frauen zusammengewachsen sind, stärkt den Geist der Gemeinschaft.” (afr/IPS)

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