Simbabwe: Ausbeutung durch Gelegenheitsarbeit

Befristet Beschäftigte sind weitgehend rechtlos

Von Michelle Chifamba | 15.10.2014

Harare. Ethel Maziriri hat vor vier Jahren an der Universität von Simbabwe ihr Examen in Sozialarbeit abgelegt. Allerdings arbeitet sie nicht in diesem Beruf, sondern als Kassiererin für eines der größten Textilunternehmen des Landes. Zufrieden ist sie damit nicht. Die massiven Wirtschaftsprobleme in dem südafrikanischen Staat ließen der 27-Jährigen jedoch kaum eine andere Wahl.

Casual workers in Zimbabwe usually work for long hours without safety clothing. Labour unions say that many employees are hiring people as casual staff to avoid providing benefits. Credit: Michelle Chifamba/IPSBefristet Beschäftigte sind in Simbabwe weitgehend rechtlos. Gewerkschaftsvertreter kritisieren Gelegenheitsarbeit als eine neue Form der Ausbeutung. (Bild: Michelle Chifamba/IPS)

In Zeiten, in denen ständig Unternehmen schließen oder ihr Personal reduzieren, haben viele Menschen in dem Land keinen Job mehr. Maziriri gehört also zu den Glücklichen, die überhaupt noch etwas verdienen. Die Arbeitsbedingungen sind aber alles andere als ideal. Seit einem Jahr sitzt sie an Werktagen zehn Stunden lang an der Kasse und bringt im Monat umgerechnet etwa 80 US-Dollar nach Hause. Eine langfristige Anstellung hat sie nicht.

Die meisten Mitarbeiter der Firma werden auf der Basis von Zeitverträgen für nur jeweils sechs Wochen beschäftigt. Manchmal würden Verträge sogar vorzeitig aufgelöst, wenn in dem Geschäft Geld oder Kleidung abhanden kämen, berichtet Maziriri. Löhne und Sozialbeiträge würden dann nicht weitergezahlt. "Man muss sehr aufpassen. Diejenigen, die gerade Schicht haben, müssen für den Schaden aufkommen und verlieren ihre Arbeit", sagt sie.

Maziriri sieht über die Schikanen hinweg, solange sie Geld verdienen kann. "Vertragsarbeiter müssen nicht unbedingt in einer Gewerkschaft sein", findet sie. "Ich hätte auch gar nicht genug Geld, um die Beiträge zu zahlen. Ich mache meinen Job gern. Nach einer Entlassung würde ich so lange zu Hause warten, bis ich wieder solch eine Arbeit fände."

Ständige Mitarbeiter sind Firmen zu teuer

Der Gewerkschaftsverband FFWUZ, der mehr als 50.000 Beschäftigte in der nahrungsverarbeitenden Industrie vertritt, kritisierte hingegen Gelegenheitsarbeit als eine neue Form von Ausbeutung. "Arbeitgeber bevorzugen kurzzeitig Beschäftigte, weil ständige Mitarbeiter mehr kosten", sagt der Rechtsexperte Gift Maoneka, der für die Gewerkschaft tätig ist.

Seit Januar haben demnach mehr als sechs Unternehmen Personal abgebaut. Jede Woche landeten etwa 450 Beschäftigte auf der Straße. "Die meisten Firmen nutzten die Gelegenheit, um durch den Personalabbau feste Mitarbeiter loszuwerden. Und es gibt keine Möglichkeit, rechtlich dagegen vorzugehen", erklärt er.

Laut FFWUZ haben die Wirtschaftskrise in Simbabwe und rückläufige Investitionen Unternehmen zu Rationalisierungsmaßnahmen gezwungen. Viele Firmen wollen demnach keine längeren Beschäftigungsverhältnisse mehr eingehen und stellten daher nur befristet ein, um Sozialbeiträge, etwa für Gesundheitsversorgung, Rente und Bestattungen, zu umgehen.

"Gelegenheitsarbeiter sind jahrelang beschäftigt, ohne Leistungen bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses, Renten sowie medizinische Versorgung für sich selbst und ihre Familien zu erhalten", sagt Maoneka. Auch wenn die Verträge befristet seien, bleiben die meisten Mitarbeiter jahrelang einer Firma verbunden.

In dem jüngsten Bericht über menschliche Entwicklung des UN-Entwicklungsprogramms UNDP wird dargelegt, dass es auf der ganzen Welt formelle Arbeitsverhältnisse gibt, die keinen sozialen und rechtlichen Schutz bieten. Demnach arbeitet etwa die Hälfte aller Beschäftigten unter solch prekären Bedingungen ohne arbeitsrechtliche und soziale Absicherung.

Furcht vor Schikanen nach Gewerkschaftsbeitritt

Laut FFWUZ haben viele befristet Beschäftigte Angst, Gewerkschaften beizutreten. Weil sie selbst wenig Ahnung von Arbeitsrecht haben, wehren sie sich nicht gegen Rechtsverstöße. Viele nähmen lange Arbeitszeiten und niedrige Bezahlung in Kauf, sagt Maoneka.

Auf die Beschäftigten könnten nun weitere Härten zukommen. Im vergangenen Dezember erklärte Finanzminister Patrick Chinamasa bei der Vorstellung des neuen Haushalts, dass die Regierung über eine Reform des Arbeitsrechts berate, um die Einstellung von Arbeitskräften zu erleichtern. "Der Arbeitsminister sollte ernsthaft über Gesetzesänderungen nachdenken, die Arbeit mit Produktivität verbinden. Außerdem ist es notwendig, dass Arbeitskräfte flexibel eingestellt werden können", sagte er. Lohnanpassungen müssten im Verhältnis zur Arbeitsleistung stehen.

Nach bisher geltendem Recht ist es schwierig, fest Angestellte zu entlassen. Beschäftigte müssen zuerst mehrmals angehört werden. Theoretisch können Betroffene vor Gericht ziehen, doch der simbabwische Gewerkschaftskongress betrachtet die Beschäftigten als rechtlos, wenn es um Rationalisierungsmaßnahmen geht. Zudem bestehe die Gefahr, dass sie von den Arbeitgebern beeinflusst würden.

Auch chinesische Unternehmer der Ausbeutung bezichtigt

FFWUZ weist auch darauf hin, dass von chinesischen Unternehmern Beschäftigte ebenfalls unter gesetzeswidrigen Bedingungen arbeiten müssten. Ausländische Arbeitgeber zögen sich oft darauf zurück, die Sprache nicht zu beherrschen, wenn die Gewerkschaft sie zu Gesprächen über arbeitsrechtliche Bestimmungen und unfaire Kündigungen auffordere, sagt Maoneka.

Gareth Makaripe, der gelegentlich für einen chinesischen Backwarenhersteller im Industriegebiet Msasa in Harare arbeitet, kann nur bestätigen, dass die Arbeitsbedingungen unmenschlich sind. "Die Leute sind Sklaventreiber und schüchtern die Arbeiter ein. Wir müssen nachts schuften, ohne dass uns Handschuhe, Arbeitsschuhe oder Overalls gestellt würden." (afr/IPS)

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