Simbabwe: 18.000 Zwangsevakuierte leben in überfülltem Lager

Beobachter warnen vor einer humanitären Katastrophe

Von Davison Mudzingwa und Francis Hweshe | 04.07.2014

Masvingo. Der Mond scheint schwach, während eine Gruppe von Menschen um ein Lagerfeuer hockt und sich erzählt, wie alles begann. Als der alte Mann die Stimme erhebt, hören alle zu. "Das war damals das erste Mal, dass ich in einem Hubschrauber mitgeflogen bin", sagt John Moyo. "Wir alle wurden von Soldaten mit Gewehren gezwungen, mitzukommen."

Anfang Januar waren in dem Gebiet heftige Niederschläge gefallen, die zum Bruch des Dammes des 1,8 Milliarden Kubikmeter fassenden Tokwe-Mukosi-Stausees führten. Die Wassermassen rissen Häuser und Vieh mit sich. 

John Moyo (Name von der Redaktion geändert) versuchte den Soldaten klar zu machen, dass seine Hütte nicht von der Flut bertroffen war. Vergeblich. Für den 70-Jährigen und weitere 18.000 Menschen, die im Chivi-Becken in der simbabwischen Provinz Masvingo zu Hause waren, begann eine lange und deprimierende Reise.

Überschwemmung als Deckmantel für Zwangsumsiedlung

Mit Unterstützung von Hilfsorganisationen leitete die Regierung eine Rettungsaktion ein. Doch selbst Gebäude, die nicht von den Überschwemmungen betroffen waren, wurden von der Armee geräumt. Moyo, der ein intaktes Haus verlassen musste, meint, dass der Regierung die Fluten gelegen kamen. Sie habe die Menschen im Chivi-Becken schon vorher umsiedeln wollen, um dort ein Bewässerungssystem und einen Wildpark anzulegen.

Itai Mazanhi, Vater von drei Kindern, ist der gleichen Ansicht. Die Überschwemmungen seien für die Regierung ein guter Anlass gewesen, um die Menschen von ihrem traditionellen Land zu entfernen. "Dort befinden sich die Gräber meiner Vorfahren", sagt der 33-Jährige, der seinen richtigen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will.

Die Bauern und Viehzüchter aus dem Chivi-Becken sind seither gezwungen, mit Böden zurechtzukommen, die nicht so fruchtbar sind wie daheim. Auch fehlt es ihnen an Wasser und Weiden für ihr Vieh.

Nachdem man sie vorübergehend in die sicheren Gebiete Gunikuni and Ngundu in der Provinz Masvingo evakuiert hatte, wurden die mehr als 3.000 Familien zur staatlichen Nuanetsi-Ranch im Gebiet Chingwizi, rund 150 Kilometer von ihren einstigen Dörfern entfernt, verfrachtet. Chingwizi ist eine trockene und heiße Region in der Nähe von 'Triangle Estates', einer Plantage des Zuckertycoons Tongaat Hulett.

Das Lager in Chingwizi ist riesig. So weit das Auge reicht, sind von dem Aussichtspunkt am Eingang des Camps aus Zelte und behelfsmäßige Zinkblechhütten zu sehen. Nachts flackern in der Ferne kleine Feuer, und ein Wirrwarr aus Stimmen mischt sich mit Musik aus solar- und batteriebetriebenen Radios. Man glaubt, ein Lager von Kriegsflüchtlingen vor sich zu haben.

Zuckerrohr-Plantage zur Biosprit-Produktion

Die vertriebenen Familien beunruhigt, dass sie nun in einem Gebiet leben, das für die Biosprit-Produktion vorgesehen ist. Das Projekt wird von dem Unternehmen 'Zimbabwe Bio-Energy' durchgeführt, einer Partnerschaft zwischen dem Simbabwischen Entwicklungsfonds und privaten Investoren. Die staatliche Zeitung 'The Herald' berichtete unter Berufung auf den Projektleiter Charles Madonko, dass umgesiedelte Familien Zuckerrohr zur Ethanol-Erzeugung anbauen könnten.

Gegen den Plan protestierte die Hilfsorganisation 'Human Rights Watch' in einem im Mai veröffentlichten Bericht. "Die simbabwische Armee hat 3.000 Familien aus dem überfluteten Tokwe-Mukorsi-Becken in ein Camp auf einer Zuckerrohr-Plantage gebracht, wo ein Ethanol-Projekt gemeinsam von der Regierungspartei ZANU-PF und dem Geschäftsmann und Parteifreund Billy Rautenbach vorangetrieben wird", heißt es in dem Report.

Der Zuckerrohr-Plantage wird Wasser aus dem Tokwe-Mukosi-Stausee zugeleitet. Nach seiner Fertigstellung können durch das dann größte Reservoir des afrikanischen Landes mehr als 25.000 Hektar Fläche bewässert werden.

Auch die zivilgesellschaftliche Gruppe 'Community Tolerance Reconciliation and Development' (COTRAD) in Masvingo übt massiv Kritik an der Zwangsevakuierung. Die Menschen seien von der Gnade der Regierung und privater Firmen abhängig. "Sie fühlen sich wie Ausgestoßene, nicht mehr wie Simbabwer", sagt der COTRAD-Programmmanager Zivanai Muzorodzi. Das Gebiet im Umkreis des Stausees sei von Einzelpersonen aufgekauft worden, die meisten von ihnen Mitglieder der ZANU-PF. "Nur ZANU-PF-Bonzen profitieren."

Katastrophale Hygiene

Hilfsorganisationen wie 'Oxfam International' und 'Care International' stellen den 3.000 Familien sauberes Wasser und provisorische Toiletten bereit. "Dennoch bahnt sich eine Katastrophe an", warnt ein regionaler Regierungsbeamter, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Die Latrinen sind nur einen Meter tief. Ansteckende Krankheiten könnten sich rasch verbreiten."

Spiwe Chando, eine Mutter von vier Kindern, deren wahre Identität ebenfalls geheim gehalten werden soll, hat ähnliche Befürchtungen. Während die 23-Jährige schweißgebadet ihre persönlichen Habseligkeiten sortiert, die sie in einem winzigen blauen Zelt ausgebreitet hat, berichtet sie, dass vor einer Woche ein Kind an Diarrhö gestorben sei. "Ich hoffe, wir kommen hier bald weg und können auf einem eigenen Stück Land ein neues Leben beginnen."

Die Gesundheitsgefahren haben für Spannungen in dem überfüllten Lager gesorgt. Mit jedem Tag steigt der Frustpegel. Eine Ministerialdelegation, die dem Camp im Mai einen Besuch abstattete, wurde feindselig empfangen. Die vertriebenen Bauern werfen der Regierung vor, sie zu getäuscht zu haben und ihre Landversprechen nicht einzuhalten. Jeder Familie war ein Hektar Land in einem Gebiet etwa 17 Kilometer von dem Durchgangslager entfernt zugesagt worden. Im Chivi-Becken besaßen die Menschen größere Grundstücke.

Mazanhi beispielsweise hatte ein zehn Hektar großes Feld. Von dem Anbau konnte sich die Familie ernähren und obendrein Überschüsse verkaufen, um die Ausbildung der Kinder zu finanzieren. Mazanhi gehört zu den Wenigen, die bereits eine Entschädigung von der Regierung erhalten haben. Allerdings sind ihm bisher lediglich 900 der vereinbarten 3.000 US-Dollar ausgezahlt worden. Ob er den Rest je bekommen wird, steht in den Sternen. Denn in der zuständigen Behörde grassiere die Korruption, sagt er.

COTRAD sieht die Vorfälle als Anzeichen dafür, dass immer mehr Land geraubt wird und die Ungleichheit in der Bevölkerung weiter zunimmt. (afr/IPS)

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