Sierra Leone: Von der Hand in den Mund war einmal

Mit Bauern-Kooperativen zu Überschüssen

Von Damon van der Linde | 11.05.2012

Lambayama. Das Tuckern einer Motorfräse ist in der Landgemeinde Lambayama im Osten von Sierra Leone ein Indiz für Fortschritt. Einheimische Kleinbauern sind dabei, mit Hilfe des Maschinenparks ihrer Kooperative neue Reisfelder anzulegen.

Ein staatliches Entwicklungsprogramm (SCP), das von der Europäischen Union und anderen Entwicklungspartnern unterstützt wird, setzt gezielt auf den Erhalt und den Ausbau der traditionellen Landwirtschaft. Die Subsistenzfarmer sollen lernen, ihre Erträge zu steigern, um Überschüsse zu erwirtschaften und nicht wie bislang von der Hand in den Mund leben zu müssen.

Die Förderung des Reisanbaus steht im Mittelpunkt des 'Smallholder Commercialisation Programme' (SCP). Reis ist das Grundnahrungsmittel des westafrikanischen Agrarlandes. Eine Gewinn abwerfende Landwirtschaft soll vor allem die jungen Bauern aufs Land zurückbringen, die vor dem langen Bürgerkrieg (1991-2002) in den Schutz der übervölkerten Hauptstadt Freetown geflohen waren und dort kaum Arbeit finden.

Das Programm versorgt die bislang 108 Kooperativen, so genannte 'Agricultural Business Centres' (ABCs), mit Saatgut und Dünger, bietet ihnen eine fachliche Ausbildung in der Lagerung und der Verarbeitung ihrer Ernten und ermöglicht ihnen das Ausleihen von Maschinen für die Feldbestellung. Außerdem lernen die Kleinbauern, sich im Rahmen von Kooperativen selbst zu verwalten und zu vermarkten.

Rückkehr in die Dörfer

Fünf Jahre nach dem Start des Förderprogramms entdecken immer mehr Kleinbauern, dass sich auch mit Landwirtschaft Geld verdienen lässt. "Seit ich gelernt habe, wie man mit diesen Maschinen umgeht, verdiene ich mehr für mich und meine Familie", berichtet Emmanuel Kargbo. "Eine andere Arbeit kann ich mir nicht mehr vorstellen", betonte der 26-Jährige aus Lambayama.

Auch Zainab Makabu, die mit dem Reisanbau begonnen hat, um ihre vier Kinder durchzubringen, hat die kooperativ organisierte Landwirtschaft überzeugt. "Früher reichte unsere Ernte gerade mal, um satt zu werden. Heute können wir einen Teil der Ernte verkaufen und, anders als früher, das Schulgeld für die Kinder aufbringen."

Ein einheimisches Sprichwort lautet: "Ein Tag ohne eine Reismahlzeit fühlt sich an, als habe man gar nichts gegessen." Entsprechend hoch ist der Reiskonsum in Sierra Leone. Weil die einheimische Produktion bei weitem nicht ausreicht, müssen nach Angaben des privaten, gemeinnützigen 'Soros Economic Development Fund' aus dem Jahr 2009 mindestens 40 Prozent des Bedarfs aus Pakistan, Thailand und dem benachbarten Guinea importiert werden.

Ergiebigere einheimische Reisernten können nicht nur für stabilere Preise sorgen, auch die Nahrungsmittelversorgung wird sicherer. Sierra Leones Landwirtschaft erwirtschaftet die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes und beschäftigt 75 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.

Der für Lambayamas Landwirtschaft zuständige Distriktbeamte Joseph Tholly erklärt: "Früher gab es für die Kleinbauern keinerlei fachliche Ausbildung, die ihnen eine Produktionssteigerung ermöglicht hätte. Außerdem fehlte ihnen der Geschäftssinn."

In seinem Bezirk zeigten sich bereits deutliche Erfolge der Bemühungen, abgewanderte Kleinbauern zur Rückkehr aufs Land zu bewegen. "Zu Beginn des SCP-Programms verdienten hier knapp zehn Prozent der Einheimischen ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Heute sind es fast 60 Prozent", berichtet Tholly.

Gemeinsam investieren

Jeder Bauer liefert einen Teil seiner jährlichen Reisernte an das lokale ABC ab, das den Reis in eigener Regie verkauft und den Erlös in den Maschinenpark und seine Wartung investiert. Lambayamas Finanzmanager Joseph Fecah berichtet, man habe bereits so viel verdient, dass mit dem Gewinn eine zweite Lagerhalle gebaut werden konnte. "Es läuft gut, ständig kommt Geld in die Kasse", erklärte er.

Die Europäische Union, die in Sierra Leone seit 40 Jahren Entwicklungshilfe leistet, unterstützt auch das nationale Agrarförderprogramm für Kleinbauern. Über den Europäischen Fonds für ländliche Entwicklung (EAFRD) stellt sie jährlich 16 Millionen Euro für Ausbildungs- und Investitionsinitiativen wie das SCP zur Verfügung.

Das auf 25 Jahre angelegte Programm hatte auch mit Problemen zu kämpfen und ist auch nicht vor Schwierigkeiten gefeit. Derzeit benötigen die Bauern zusätzliche Finanzhilfen für den organisierten Transport ihrer Erzeugnisse und für bessere Verpackungsmöglichkeiten, damit ihre Produkte länger verkäuflich bleiben. (afr/IPS)

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