Sierra Leone: Ebola gefährdet Entwicklungsziele

Patienten meiden Krankenhäuser, Bauern verlassen ihre Farmen

Von Lansana Fofana | 24.11.2014

Freetown. Der Ausbruch der Ebola-Epidemie in Sierra Leone hat dazu geführt, dass das westafrikanische Land entscheidende Entwicklungsziele nicht erreichen wird. Am schlimmsten getroffen hat die Viruserkrankung die Landwirtschaft, das Rückgrat der sierraleonischen Wirtschaft. Viele Bauern sind an den Folgen der Infektion gestorben, andere haben aus Angst vor der Ansteckung ihre Farmen verlassen.

School children in Freetown walking with their parents. Ebola has badly affected the country’s education. Credit: Lansana Fofana/IPSDer Ebola-Ausbruch in Sierra Leone hat das Bildungssystem hart getroffen: Schulen wurden geschlossen, unterrichtet wird via TV und Radio. Experten meinen aber, dass dieses System weitgehend wirkungsslos sei. (Bild: Lansana Fofana/IPS)

"Wir haben bereits hunderte Bauern an Ebola verloren, da ausgerechnet Agrarregionen wie Kailahun im Osten und Bombali im Norden zu den Epizentren der Pandemie geworden sind", erläutert der Minister für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit, Joseph Sam Sesay. Mit Stichtag 16. November zählte das Land 1.571 Ebola-bedingte Todesopfer. Insgesamt sind bislang mehr als 5.700 Menschen an der Seuche verstorben.

Sesay zufolge waren 60 Prozent der sechs Millionen Einwohner in der Landwirtschaft aktiv. Doch aufgrund der Krise sind viele nun arbeitslos. Der Sektor hatte zudem 60 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.

Angesichts der derzeitigen Krise wird das Land kaum in der Lage sein, die Millenniumsziele der Vereinten Nationen zur Hunger- und Armutsbekämpfung bis 2015 zu erreichen. "Vor dem Ebola-Problem konnten wir bemerkenswerte Erfolge vorweisen", berichtet der Minister. Die Produktivität sei erheblich gestiegen, und auf den lokalen Märkten seien ausreichend Nahrungsmittel vorhanden gewesen. "Wir hatten sogar damit begonnen, einige Nahrungsmittel wie Reis und Kakao in unsere Nachbarländer zu exportieren. Doch all das war umsonst."

Landwirtschaft am Boden

Als Staatspräsident Ernest Bai Koroma 2007 an die Macht kam, machte er die Landwirtschaft zum Eckpfeiler seines Entwicklungsfahrplans 'Agenda für Wandel und Wohlstand'. Bilaterale Partner einschließlich China und Indien schenkten dem Land hunderte Traktoren und andere Agrarmaschinen, um dem Land bei der Ernährungssicherung zu helfen. Doch inzwischen haben die Bauern ihre Arbeit eingestellt, und Experten gehen davon aus, dass das Land auf eine Ernährungskrise zusteuert, wenn die Ebola-Epidemie nicht bald besiegt wird.

"Ich habe die Landwirtschaft vorübergehend eingestellt", bestätigt Musa Conteh, ein Bauer aus dem nördlichen Bezirk Bombali. "Mehr als 15 meiner Kollegen sind bereits an Ebola gestorben, und ich will mich nicht auch noch in Lebensgefahr begeben", sagt er. "Die Lage ist beängstigend."

Auch der Gesundheitssektor ist angeschlagen. Obwohl die medizinische Versorgung von Kindern unter fünf Jahren sowie schwangeren Frauen und stillenden Müttern kostenlos ist, weigern sich die Menschen, die Gesundheitszentren und Hospitäler aufzusuchen. Sie fürchten, als Ebola-krank diagnostiziert und unter Quarantäne gestellt zu werden.

Doch ist die Versorgung in den Zentren ohnehin schwierig, weil viele Ärzte und Pflegekräfte aus Angst, sich zu infizieren, erst gar nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Bisher hat das Land fünf Ärzte und mehr als 60 Schwestern und Gesundheitsarbeiter an Ebola verloren.

"Das ist eine wirklich schlimme Krise, die wir durchleben. Mit unserem schwachen Gesundheitssektor sind wir für eine solche Epidemie überhaupt nicht gewappnet", sagt der sierraleonische Gesundheitsminister Abubakar Fofana im IPS-Gespräch. "Vielleicht gelingt es uns mit unseren internationalen Partnern, die Seuche doch noch unter Kontrolle zu bekommen."

Gesundheitsminister befürchtet Anstieg der Säuglingssterblichkeit

Gesetzt den Fall, dass die Krankheit besiegt wird, muss das Land mit einem Anstieg der Säuglingssterblichkeit rechnen, da die Kleinkinder derzeit nicht gegen Killerkrankheiten immunisiert werden können. "Die Situation ist wahrlich beunruhigend", so Fofana.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs 2002 gehörte Sierra Leone mit 267 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten zu den Ländern mit den welthöchsten Säuglingssterblichkeitsraten. Zehn Jahre später konnte die Rate auf 110 Todesfälle pro 1.000 Lebendgeburten mehr als halbiert werden. Dank der von der Koroma-Regierung eingeführten kostenlosen Gesundheitsversorgung gelang es, die Säuglingssterblichkeitsrate weiter zu drücken. Doch Ebola droht sämtliche Erfolge in diesem Bereich zunichte zu machen.

Auch an der Bildungsfront ist der Notstand ausgebrochen. Sämtliche Schulen und Lehranstalten sind geschlossen. Die Regierung ist außerstande, einen Termin für die Wiederaufnahme des Unterrichts zu nennen.

Mit dem Bildungssystem stand es schon vor Ausbruch der Pandemie nicht zum Besten, was auf den niedrigen Standard des Bildungssystems und häufige Lehrerstreiks zurückgeführt wird. Dem Bildungsminister Minkailu Bah zufolge werden Bildungsprogramme derzeit über Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlt. Doch Experten zufolge ist die Initiative weitgehend wirkungslos. (afr/IPS)

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