Sierra Leone: Agrarinvestoren willkommen

Vier Millionen Hektor Land im Angebot

Von Grit Porsch | 05.06.2012

Berlin. Der Farmer und Landbesitzer Tommy Silman aus Kortumahun im Distrikt Pujehun im Südosten von Sierra Leone hatte gehofft, ein gutes Geschäft zu machen, als er vor einem Monat der Regierung sein 3,04 Hektar großes Land für die Dauer von 50 Jahren verpachtete. Wie viele andere Farmer bedauert er inzwischen den Deal.

"Das war kein fairer Handel", klagte er. Eine Quittung hat er nicht erhalten, die den Vertrag bestätigte. Jetzt steht er nach eigenen Angaben ohne alles da. Mit seinen Ölpalmen und den jährlichen drei Ernten hatte er bislang im Jahresdurchschnitt immerhin 860 US-Dollar verdient.

Wie viele Nachbarländer bemüht sich auch Sierra Leone um Investoren, die die Wirtschaft des armen Landes ankurbeln und besonders in ländlichen Gebieten die Entwicklung in Gang bringen sollen. Nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg (1991-2002) rangiert das westafrikanische Land auf dem UN-Index menschlicher Entwicklung unter 187 Ländern auf Platz 180.

Köder für ausländische Unternehmen

Die staatliche Förderagentur für Investition und Export (SLIEPA) bietet Interessenten mehr als 4,3 Millionen Hektar Ackerland. Sie stellt ihnen hohe Absatzmöglichkeiten auf dem heimischen Nahrungsmittelmarkt in Aussicht und gute Chancen für die Produktion von Biotreibstoff für den Weltmarkt.

Nach Angaben des Agrarministeriums stehen Investoren außerhalb geschützter Waldgebiete rund 70 Prozent des Ackerlands zur Verfügung. "Ausländische Investitionen in Land sind eine gute Sache", betonte der Ministerialbeamte William Farmer, gegenüber dem UN-Informationsdienst IRIN. "Die Zivilgesellschaft macht zwar viel Lärm um Land Grabbing. Doch gut geplant kann ein solches Investitionsprojekt Arbeitsplätze schaffen und die Lebensbedingungen verbessern."

Das 'Oakland Institute', eine US-amerikanische Denkfabrik, hatte 2011 in seinem Länderbericht für Sierra Leone 15 umfassende Verpachtungen von insgesamt einer halben Million Hektar registriert. Darin heißt es, dass die Aktivitäten der Firma Socfin – wie dies in Fällen von Land Grabbing üblich sei – auf den Widerstand der lokalen Bevölkerung stießen.

Im Februar 2012 unterzeichnete die Regierung mit der chinesischen Holding 'Hainan Natural Rubber Industry' einen Pachtvertrag über weitere 135.000 Hektar Land, auf dem Reis- und Gummibaumplantagen entstehen sollen. Die Chinesen versprachen, auf 35.000 Hektar Reis für den einheimischen Markt anzubauen und vor Ort eine Kautschukfabrik mit fast 100.000 Arbeitsplätzen zu errichten. Die Kautschukplantagen erstrecken sich von Norden bis Südwesten über 100.000 Hektar über die Distrikte Moyamba, Tonkolili und Port Loko.

Doch je mehr Investoren sich im Land niederlassen, umso größer ist bei vielen einheimischen Farmern die Enttäuschung, dass der von ihnen erhoffte Nutzen der Landdeals ausbleibt. "Das Problem besteht darin, dass es sich bei den Unternehmen und den lokalen Gemeinden nicht um gleich starke Vertragspartner handelt", betonte Joseph Rahall, Direktor der Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Green Scenery' in Sierra Leone. "Die Gemeinden können sich keinen Rechtsbeistand leisten, und die Regierung stellt ihnen keinen Anwalt zur Verfügung."

Derzeit gibt es in Sierra Leone keine gesetzliche Regelung für landwirtschaftliche Pachtverträge. Die Richtlinien des Agrarministeriums sehen die Zahlung von 12,36 Dollar pro Hektar und Jahr für Landbesitzer vor, die ihr Land für die Dauer von 50 Jahren verpachten wollen – mit der Option, den Vertrag um weitere 21 Jahre zu verlängern.

"Das ist zu wenig", kritisierte Sahid Abu-Dingie, Experte für Landreformen beim UN-Entwicklungsprogramm (UNDP). "Selbst wenn die Unternehmen die volle Pacht bezahlen, kassieren der Distriktrat, der traditionelle Gemeindeführer und, in Form von Steuern, die Zentralregierung die Hälfte. Von dem, was übrig bleibt, kann nicht mal die Kernfamilie leben, ganz zu schweigen vom Familienverband, der ebenfalls Rechte an dem verpachteten Land besitzt."

Landreform gefordert

"Das ganze Verfahren ist unklar. Wäre es transparent, dann würde sich niemand beschweren", stellte Abu-Dingie gegenüber IRIN fest. Das UNDP fordert zunächst einmal eine Landreform, erst dann könnten auch lokale Gemeinden von großen Pachtverträgen profitieren. Dem Parlament liegt ein entsprechender Gesetzentwurf vor.

Als im Oktober 2011 etliche Bewohner der Gemeinde Malen den Betrieb von Socfin blockierten, weil sie gegen Tageslöhne von 2,3 US-Dollar und gegen zu niedrige Entschädigungen für ihr Land protestieren wollten, verstand der Socfin-Generalmanager Gerben Haringsma die Welt nicht mehr. "Das, was wir tun, ist gut für die Menschen und für die Interessen unserer Gesellschaft", erklärte er. Doch die Stimmung in Malen ist schlecht. Inzwischen warten 15 Protestierende auf ihren Prozess.

Socfin habe für die Gemeinde einen Krankenwagen gekauft, 22 Brunnen gegraben, Schulen renoviert sowie zwei Brücken gebaut und Zubringerstraßen angelegt, berichtete Haringsma. Zudem sollten jährlich 75.000 Dollar in die kommunale Entwicklung investiert werden, doch noch fehle ein regionales Komitee, das über die Verwendung des Geldes entscheidet, bedauerte er.

Nach Ansicht von Entwicklungsorganisationen müssen solche Fonds unabhängig kontrolliert werden, damit gewährleistet ist, dass die gesamten Gemeinden und nicht nur wenige Personen profitieren. (afr/IPS)

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