Senegal: Mit Familienplanung gegen Bevölkerungswachstum

Regierungsprogramm wirbt für Verhütungsmittel

Von Issa Sikiti da Silva | 29.01.2013

Dakar. "Verhütungsmittel verursachen Bauchweh, Bluthochdruck und chronische Kopfschmerzen", sagt eine 25-Jährige, die aus der ostsenegalesischen Provinz Tambacounda stammt. "Das habe ich von anderen Frauen gehört." Die fünffache Mutter hätte nach eigenen Angaben gern selbst verhütet. Ihr Ehemann drohte allerdings, sie zu töten.

Im Alter von 16 sei sie mit ihrem 35-jährigen Vetter verheiratet worden. Als sie das Thema Familienplanung zur Sprache brachte, verprügelte er sie. "Damals schwor er mir, mich umzubringen, sollte ich es wagen, nochmal darauf zu sprechen zu kommen", erinnert sie sich. "So kam ein Kind nach dem anderen."

Viele Frauen in Senegal haben das gleiche Problem. Falschinformationen, Unwissen, religiöse Dogmen und der fehlende Zugang zu Familienplanungszentren sorgen dafür, dass sie von der Möglichkeit, die Zahl ihrer Kinder zu bestimmen, keinen Gebrauch machen.

Kinderreichtum gilt in vielen afrikanischen Ländern als Zeichen des Wohlstands. In Senegal hat die Sichtweise Experten zufolge einen gewaltigen Babyboom ausgelöst. "Dahinter steckt die alte Vorstellung, dass mehr Söhne mehr Arbeitskräfte bedeuten oder diese einmal reich, Minister oder gar Staatspräsidenten werden", meint die Eheberaterin Fatoumata Sow im Gespräch mit IPS in Dakar. "Sobald die Mädchen verheiratet werden, winkt ein Brautgeld in Form von Vieh."

Ab dem Augenblick, in dem eine Frau heiratet, werden fleißig Kinder gezeugt. "Das erinnert mich an einen Schnellzug, der zu spät den Bahnhof verlassen hat und nun rast, um aufzuholen", meint sie und fügt hinzu, dass es in anderen westafrikanischen Staaten ähnlich zugehe. Familienplanung sei in vielen Teilen der Region ein Tabuthema. Das gelte insbesondere für die ländlichen Gebiete, die sich durch eine hohe Analphabetenrate auszeichneten und in denen Familienplanungsmethoden inexistent seien. "Ich habe bislang noch keine schwangere Frau gesprochen, die Verhütungsmittel genommen hat."

Zugang zu Verhütungsmitteln

Nach Angaben der senegalesischen Gesundheitsministerin Awa Marie Coll Seck greifen gerade einmal zwölf Prozent der senegalesischen Frauen zu Verhütungsmitteln. Die Regierung sei aber fest entschlossen den Anteil bis 2015 auf 27 Prozent zu erhöhen, erklärte sie unlängst vor Journalisten in der Hauptstadt Dakar. Jede zweite Senegalesin habe den Wunsch, die Zahl der Kinder zu begrenzen, aber keinen Zugang zu Kontrazeptiva.

Im letzten Jahr hat die Regierung einen Aktionstag für Familienplanung ins Leben gerufen, an dem auch Männer über die Vorteile kleinerer Familien und Fragen der Verhütung informiert werden. Die Behörden haben sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten drei Jahren 350.000 Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln zu ermöglichen.

Wie der Leiter der Kampagne, Bocar Mamadou Daff, erläutert, wird der Weg zum Ziel drei Phasen durchlaufen. Zunächst werden die Massenmedien mobilisiert und gezielt Personen angesprochen, um diese vom Sinn einer Familienplanung zu überzeugen. In einem weiteren Schritt soll ein Verteilersystem für Verhütungsmittel aufgebaut und in einer dritten Phase diese zugänglich gemacht werden.

Sow zufolge werden Erfolge an der Familienplanungsfront gleich zwei weitere Probleme bekämpfen, mit denen die Regierung seit vielen Jahren konfrontiert ist: Mangelernährung und Obdachlosigkeit.

Im vergangenen Dezember hat das Weltkinderhilfswerk UNICEF mehr als 850.000 mangelernährte und vom Hungertod bedrohte Kinder in der Sahelregion behandelt. Senegal gehört zu den Ländern mit einer der höchsten Raten von akuter Mangelernährung. In der nördlichen Provinz Matam beträgt sie nach Angaben des Welternährungsprogramms 19 Prozent.

"Paare mit vielen Kindern brauchen sehr viel Geld, um zu überleben. Ist das nicht der Fall, werden die Kinder krank vor Hunger und sterben oder versuchen auf der Straße ein bisschen Geld zu erbetteln", berichtet Sow.

Initiative umstritten

Doch die Regierungsinitiative hat durchaus Gegner. So wurde sie von religiösen Führern wie Al-Hajj Ibrahima Dieng als "islamfeindlich" kritisiert. "Allah ist derjenige, der uns Kinder schenkt, und es kommt ihm zu, sie zu versorgen und zu befähigen, groß und stark zu werden", sagt der Kleriker, der selbst 15 Kinder hat, im IPS-Gespräch.

Wie Dieng denken zwar viele im Lande, aber längst nicht alle. Cheick Mouhamadou Mbara Segnane, den hochgeschätzten Imam der senegalesischen Gemeinde Tidjiane, beunruhigt der Babyboom. Er forderte die Regierung bereits im letzten Jahr dazu auf, das Problem anzugehen. Von ihm kam sogar der Vorschlag, die Kinderzahl pro Familie zu begrenzen.

Nach Ansicht der Eheberaterin Sow wird sich der Wandel nur langsam vollziehen. "Als Gemeinschaft sind wir zu einer solchen Evolution noch nicht bereit", gibt sie zu bedenken. "Traditionen und kulturelle Ansichten beeinflussen uns so sehr, dass wir durch diese Gehirnwäsche blind geworden sind. Doch es besteht Hoffnung." (afr/IPS)

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