Sambia: Verbot von Killer-Drink-Tüten zeigt Wirkung

Weniger Patienten auf Alkoholentzug

Von Jorrit Meulenbeek und David Mwanza | 17.09.2012

Lusaka. Am Rand der sambischen Hauptstadt Lusaka befindet sich die psychiatrische Abteilung des Chainama Hills-Krankenhaus. Auf dem Hof der Einrichtung haben sich mehrere Männer eingefunden, die verwirrt und desorientiert wirken. Ein zittriger Älterer läuft lächelnd im Kreis herum und schlägt nach Mücken, die es gar nicht gibt.

In einer Ecke hockt ein Jüngerer, dessen Körper so stark von Krämpfen geschüttelt wird, dass er nicht einmal seinen Löffel mit Haferbrei zum Mund führen kann. Er muss wie ein Baby gefüttert werden. "Er ist noch auf Entzug", meint die Oberschwester Alice Phiri.

Etwa drei Viertel der Patienten sind nur vorübergehend in dem Hospital. Sie leiden unter den Folgen eines schweren Alkoholmissbrauchs. Nach die Regierung den Verkauf von hochprozentigem Alkohol in Tütchen verboten hat, verzeichnen die Kliniken jedoch inzwischen einen Rückgang der Fälle.

Phiri zeigt auf kreisförmige Narben auf Armen und Knöcheln des jungen Mannes: "Viele werden mit solchen Wunden eingeliefert. Wenn die Familien nicht mehr wissen, wie sie mit ihren betrunkenen Angehörigen fertig werden sollen, fesseln sie sie mit Elektrokabeln."

Die meisten Patienten, die nach einer 72-stündigen Entgiftung wieder zu sich kommen, berichten, dass sie vorher 'Tujilijili' zu sich genommen hatten. In den bunten und ansprechenden Plastiktütchen mit 60 Milliliter Inhalt befindet über 40-prozentiger Alkohol, der unter den Namen 'Zed', Officer', 'Joy' und 'Double punch' vermarktet wird.

Hochprozentiges im Taschenformat zu Schleuderpreisen

Die von sambischen Firmen produzierten Drinks sind in den vergangenen fünf Jahren in Sambia immer beliebter geworden. Sie werden nicht nur in Bars und Schnapsläden verkauft, sondern auch von Straßenhändlern, die pro Tütchen höchstens 20 US-Cent verlangen. Somit können sich auch Arme das Gesöff leisten. Selbst Schulkinder nuckeln im Unterricht an den Plastikpackungen. Nicht selten sind Wachmänner zu beobachten, wie sie sich im Dienst einen Schluck genehmigen.

Nachdem zahlreiche Todesfälle auf den Konsum von Tujilijili zurückgeführt wurden, ist das Produkt im Volksmund als 'Killer-Tütchen' bekannt. Versuche, den Verkauf zu unterbinden, sind bisher gescheitert. Die Hersteller halten sich an alle geltenden Vorschriften. Doch im April verkündete die Ministerin für Früherziehung und Umweltschutz, Nkandu Luo, ein Herstellungs- und Verkaufsverbot für Alkohol in Tütchen. Somit kam nicht das Getränk an sich, sondern die Verpackung auf den Index.

Besorgte Eltern wie Peter Mbewe aus Lusaka halten die Entscheidung für lange überfällig. "Etliche Jugendliche sind früh an den Folgen des Konsums gestorben", erklärt er. "Die Ministerin hat Recht, der Drink zerstört unsere Kinder."

Auf den staubigen Straßen von Chaisa, einem Armenviertel in Lusaka, in dem die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist, liegen zahlreiche leere Tujilijili-Tütchen. Die Drinks, die die Händler noch vorrätig haben, gehen unter dem Ladentisch zum doppelten Preis weg. Nachdem die Polizei versteckte Kontrollen durchführt, ist der Verkauf riskant geworden. Wer erwischt wird, muss mit zwei Jahren Gefängnis rechnen.

Dibblo Mwanza kam mit einem Bußgeld davon. "Die Regierung ist alles andere als fair", kritisiert er. Im Wahlkampf habe die Patriotische Front vor allem arbeitslosen jungen Städtern Einkommensmöglichkeiten versprochen, sagt er. Doch seit ihrem Amtsantritt im September 2011 sei nichts geschehen. Viele Händler hätten sich allein durch den Verkauf von Tujilijili über Wasser halten können.

Osteuropa liegt beim Alkoholkonsum weit vorn

Offiziellen Zahlen zufolge nimmt Sambia auf der Skala der Länder, in denen der meiste Alkohol konsumiert, keine Spitzenposition ein. Im Vergleich zu osteuropäischen Staaten ist der Konsum von Hochprozentigem in dem afrikanischen Land eher moderat. Jeder Sambier trinkt im Jahr durchschnittlich 3,9 Liter reinen Alkohol, während die Menge in Russland bei 15,7 Litern liegt. Allerdings erfasst die Statistik in Sambia nur den offiziell genehmigten Verkauf und nicht die selbstdestillierten Getränke, die vor allem viele Arme zu sich nehmen.

Bevor Tujilijili in Mode kam, stellten die Sambier zu Hause den hochprozentigen Schnaps 'Kachasu' her, den sie auch verkauften. Produziert wurde Kachasu vor allem in ländlichen Gebieten und in den Elendsvierteln der Hauptstadt. Der Konsum von Kachasu ist offiziell erlaubt, und die Polizei scheint über die Folgen nicht sonderlich beunruhigt zu sein.

Harry Kalad, der durch den Handel mit Kachasu seine Familie, seine alte Mutter und zwei Waisenkinder ernährt, hofft, dass die Polizei auch weiterhin Jagd auf Tujilijili-Verkäufer macht. Sein eigenes Geschäft läuft nämlich wieder merklich besser. "Meine alten Kunden kommen zurück und der Umsatz steigt."

Auch die Zahl der Patienten, die nach Alkoholexzessen in das Chainama Hills Krankenhaus eingeliefert werden, nimmt dank des Killer-Tütchen-Verbots immer weiter ab. "In den ersten Tagen nach Inkrafttreten des Verbots kamen mehr Menschen als sonst mit Entzugserscheinungen zu uns", berichtet Oberschwester Phiri. Inzwischen seien es deutlich weniger.

Die Hersteller von Tujilijili wollen vor Gericht ziehen, um das Tütchen-Verbot der Regierung wieder rückgängig zu machen. (Ende)

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