Sambia: Selbst Mais wird knapp

Klimawandel verschärft Problem der Unterernährung

Von Friday Phiri | 04.11.2015

Pemba. Es ist kurz nach zehn Uhr am Morgen, und Felix Muchimba hat gerade zu Ende gefrühstückt. Der 48-Jährige, der in dem Dorf Siamuleya im Süden Sambias lebt, mixt sich morgens aus Maismehl und Grieß das traditionelle Getränk 'Chibwantu', das ihm Energie für die Arbeit auf dem Feld gibt. Viele Nährstoffe enthält es allerdings nicht.

Mädchen mit Maiskolben in SambiaEin kleines Mädchen in Sambia verzehrt einen Maiskolben (Bild: Eliab Simpungwe/HarvestPlus, CC BY-NC 2.0).

Die nächste und zugleich letzte Mahlzeit des Tages nehmen Muchimba und die sechs Mitglieder seiner Familie erst am späten Nachmittag ein. Da Nahrungsmittel knapp sind, können sie nicht mehr so oft essen wie früher.

"Ich habe nur etwa 200 Kilo Mais geerntet. Würden wir weiter drei Mal am Tag essen, kämen wir mit den Vorräten nur zwei Monate aus", sagt Muchimba, der seit 2007 weiß, dass er HIV-infiziert ist. "Wenn in Dürrezeiten wenig zu ernten ist, müssen wir uns arrangieren. Deshalb haben wir die Zahl der täglichen Mahlzeiten auf zwei reduziert."

Muchimbas Familie zählt zu den mehr als 133.000 Haushalten in dem afrikanischen Land, die nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde wegen der starken Trockenheit Missernten erlebt haben und nun Nahrungsmittelhilfen benötigen.

Während Muchimbas größte Sorge ist, überhaupt an Lebensmittel zu kommen, sehen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) nicht nur eine Beseitigung des Hungers, sondern auch der Unterernährung vor. Muchimba und sein zweijähriges Kind, das HIV-negativ geboren wurde, bräuchten eigentlich besonders nährstoffhaltiges Essen.

Mangelernährung hat gravierende Spätfolgen

"Für Kinder hat Unterernährung viele kurz- und langfristige Folgen", sagt Eustina Besa von der Nationalen Kommission für Lebensmittel und Ernährung. "Das Gehirn entwickelt sich langsamer. Dadurch sinken die schulischen Leistungen und sogar die Produktivität im späteren Leben."

Der typische Speiseplan einer Familie in Sambia bietet wenig Abwechslung. 'Nshima', ein dicker Brei aus Mais oder Maniokstärke, kommt meist mit gekochtem Gemüse und nur selten mit Hühnchen oder anderem Fleisch auf den Tisch.

Laut dem Agrarforschungsprogramm 'HarvestPlus' enthält Mais, ein Grundnahrungsmittel für mehr als eine Milliarde Menschen in Subsahara-Afrika und Lateinamerika, zu wenige essentielle Mikronährstoffe wie etwa Vitamin A. Eine so einseitige Ernährung kann zu Wachstumsstörungen, höherer Infektanfälligkeit und Fruchtbarkeitsstörungen führen.

Auch Muchimbas Familie gehört zu dem Teil der Weltbevölkerung, der gegen diesen 'stillen Hunger' ankämpfen muss. Wie das Welternährungsprogramm WPO im laufenden Jahr ermittelte, verfügen etwa 795 Millionen Menschen auf der Welt nicht über die Nahrung, die ihnen ein gesundes und aktives Leben ermöglichen würde. In den Staaten Afrikas südlich der Sahara ist ein besonders hoher Anteil der Bevölkerung von Hunger betroffen. Jeder vierte Bewohner des Kontinents ist offenbar mangelernährt.

Laut dem Bericht zum Stand der Ernährungsunsicherheit 2014, der von der Weltagrarorganisation FAO herausgegeben wurde, steht Sambia an zweiter Stelle auf der Liste der Länder, in denen mit besonders schlimmen Folgen der Unterernährung gerechnet werden muss. Von dem Problem sind demnach 48,3 Prozent aller Einwohner betroffen. Gravierender ist die Lage nur noch in Haiti, wo 51,8 Prozent der Bevölkerung mangelernährt ist.

Dank sektorenübergreifender Maßnahmen hat sich die Ernährungssituation in Sambia laut dem diesjährigen 'Demographic Health Survey' leicht verbessert. "Die Häufigkeit von Wachstumsstörungen ist von 45 auf 40 Prozent zurückgegangen", erklärt Eneya Phiri von der 'Civil Society Organisation for Scaling-up Nutrition'. Im Rahmen eines Programms der Regierung für Kleinkinder ('First 1000 Most Critical Days') sei das Problem der Unterernährung von einem interministeriellen Ausschuss angegangen worden.

Lebensmittel durch häufige Dürren verknappt

Trotz dieser Fortschritte zeigen sich Experten über das häufige Auftreten klimabedingter Naturkatastrophen beunruhigt. Dürren beispielsweise haben direkte Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und die Qualität der Ernährung. "Wir befürchten, dass der Klimawandel die bisherigen Fortschritte wieder rückgängig machen könnte", sagt Phiri. Vor allem in ländlichen Gebieten seien die von Dürren betroffenen Menschen vermutlich nicht im Stande, sich ausreichend und ausgewogen zu ernähren.

Da das Dürreproblem unmittelbare Auswirkungen auf die Ernährung hat, sind Fachleute davon überzeugt, dass klimafreundliche Anbautechniken, wie eine Diversifizierung der Kulturen und das Anpflanzen dürreresistenter Arten, Hand in Hand mit fortschrittlichen Ernährungstechnologien gehen müssen.

Laut dem 'Global Panel on Agriculture and Food Systems for Nutrition', einem unabhängigen Zusammenschluss renommierter Experten, werden Subsahara-Afrika und Südasien voraussichtlich am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sein. Beide Regionen haben bereits jetzt am meisten mit Unterernährung zu kämpfen, und die Armen dort leben hauptsächlich von der Landwirtschaft.

'HarvestPlus' nutzt in Sambia konventionelle Anbautechniken dazu, fünf neue Maissorten mit einem besonders hohen Vitamin-A-Gehalt zu züchten. Die Sorten mit orangefarbenen Maiskolben sind nach bisherigen Erkenntnissen ähnlich ertragreich wie andere Varietäten, die durch Kreuzungen verschiedener weißer Maissorten entstehen. Der neue Mais halte auch Dürren besser stand, erklärt Emely Banda von 'HarvestPlus'. (afr/IPS)

| Tags: , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus