Sambia: Kleinbauern von ihren Feldern vertrieben

Land Grabbing bedroht Ernährungssicherheit

Von Nebert Mulenga | 08.11.2012

Lusaka. Die Förderung der kommerziellen Landwirtschaft in Sambia gefährdet, was eigentlich gewährleistet werden soll: die Ernährungssicherheit der Bevölkerung. Kleinbauern werden in Massen von ihrem traditionell bewirtschafteten Land vertrieben, damit sie lokalen oder internationalen Großunternehmen Platz machen.

Wie der Dekan der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität von Sambia, Mickey Mwala, warnt, könnte der Schuss nach hinten losgehen. Denn es sind die vielen Kleinbauern, die die Ernährung des Landes sichern. "Wird der Trend, ausgerechnet diese Menschen zu vertreiben, fortgesetzt und ausgeweitet, wird dies negative Folgen für unsere Ernährungssituation haben."

Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) ist die Ernährung der meisten sambischen Haushalte gesichert. Lediglich 62.842 der 13,4 Millionen Sambier können sich nicht ausreichend selbst versorgen.

"Land Grabs verschärfen die Armut, indem sie die Zahl der Menschen erhöhen, die ihre Nahrungsmittel nicht mehr selbst anbauen und ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken können", betont Mwala.

Die Vertreibung der Bauern von ihren Parzellen hat bereits vor zwölf Jahren begonnen, rückte aber erst 2005 im Zusammenhang mit den staatlichen Bemühungen um ausländische Agrarinvestitionen ins öffentliche Interesse, wie die Sambische Land-Allianz berichtet, die sich für den Schutz der lokalen Landrechte einsetzt.

Land Grabbing – die großflächige Aneignung von Land in Entwicklungsländern durch Privatinvestoren oder Industrie- und Schwellenländer – ist im Subsahara-Land zu einer gängigen Praxis geworden.

Massenvertreibungen

Im Bezirk Masaiti in der mineralienreichen Provinz Copperbelt wurden im vergangenen Jahr gleich 2.000 Bauern von ihrem Land gejagt, nachdem sich ein nigerianischer Zementhersteller 200 Hektar Land gesichert hatte. Die Vertreibungsopfer wurden später mit jeweils 250 US-Dollar 'entschädigt'.

Auch die Förderung der Bergbauaktivitäten im Nordwesten der Provinzen Copperbelt und Luapual hat tausende Kleinbauern zu Landlosen gemacht. Die Agrarentwicklungsorganisation GRAIN weist in einem Bericht von 2011 darauf hin, dass inzwischen drei Prozent des sambischen Ackerlands von Ausländern bewirtschaftet wird.

Und die Agrarinvestitionen werden zunehmen, da die Regierung still und leise die Entwicklung von mindestens 1,5 Millionen Hektar Land vorantreibt, wie das 'Oakland Institute', eine Denkfabrik in Kanada, berichtet hat.

Aktuelle Zahlen über das Ausmaß der durch die Landnahmen verursachten Vertreibungen fehlen. Doch Sambias Nationaler Bauernverband (ZNFU) geht von mehreren tausend betroffenen Farmern aus.

Nach Ansicht des ZNFU-Vizevorsitzenden Graham Rae gibt die Vertreibung der Bauern von ihrem traditionell bewirtschafteten Land Anlass zu großer Sorge. "Das geht nun schon seit geraumer Zeit so, und viele unserer Mitglieder sind betroffen."

Dem Gewerkschaftsführer nach bleibt die Entwicklung nicht folgenlos. "Schließlich sprechen wir von tausenden Bauern, die nichts mehr kultivieren", warnt er. "Anders als in Ländern wie Südafrika, wo die Ernährungssicherheit durch die Bewirtschaftung großer Plantagen gesichert wird, spielen bei uns die Kleinbauern die entscheidende Rolle. Somit steht nicht nur die Ernährungssicherheit der Haushalte, sondern die des gesamten Landes auf dem Spiel."

Kleinbauern stellen 70 Prozent aller in der sambischen Landwirtschaft beschäftigten Akteure. Sie stellen zwei Drittel der 600.000 ZNFU-Mitglieder. Ihre Gesamtzahl dürfte doppelt wenn nicht gar dreimal so hoch sein.

Henry Machina, Leiter der Sambischen Land-Allianz, macht für die Vertreibung der Farmer umständliche Verfahren zur Anerkennung traditioneller Landrechte sowie Gesetze, die Gewohnheitsrechte nicht als Form des Landesitzes akzeptieren, verantwortlich.

Langwieriger Anerkennungsprozess

"Es können bis zur Anerkennung eines Landtitels zwei Monate bis zehn Jahre vergehen. Das System ist altertümlich und zentralisiert. So werden die Titel nur vom Ministerium für Ländereien in der Hauptstadt Lusaka vergeben", erläutert Machina.

"Für die Bauern in den ländlichen Gebieten ist die Beschaffung eines Landtitels aufwendig und kostspielig. Es fallen Kosten für Transport, Unterbringung und Verpflegung an. Der gesamte Anerkennungsprozess kann die Antragsteller um die 2.000 US-Dollar kosten. Das erklärt, warum viele Bauern lieber zu Hause bleiben und weiter ihre Felder bestellen", berichtet Machina.

Derzeit leben 59 Prozent der Sambier unterhalb der Armutsgrenze, 65 von ihnen in ländlichen Gebieten. Einer ist Pretorious Nkhata aus Mpongwe, einem Bezirk in Copperbelt. Wie der 68-Jährige berichtet, wurde er 2008 von einem in Südafrika angesiedelten Agrounternehmen von seiner 21 Hektar großen Parzelle vertrieben.

Nkhata und andere Farmer, die zusammen 46.876 Hektar eingebüßt haben, erzählen, dass sie das Land von einem traditionellen Führer erhalten hatten, es aber nie von der Regierung anerkannt wurde. "Sie beschuldigten uns, wilde Siedler und Eindringlinge zu sein", empört er sich. "Ich habe alles verloren."

"Sie (die südafrikanischen Agrarunternehmer) kamen mit Gewehren und drohten uns damit, auf uns zu schießen, sollten wir nicht gehen. Sie verbrannten unsere gesamten Habseligkeiten: unsere Scheune, Kleidung, Decken, Betten und unsere Fernsehgeräte."

Das Unternehmen hat das Land inzwischen weiterverkauft und seine Operationen in Sambia eingestellt. Die Bemühungen, die Firma für eine Gegendarstellung ausfindig zu machen, blieben erfolglos.

Staatliche Maßnahmen angekündigt

Nach Aussagen der ständigen Staatssekretärin im Landministerium, Daizy Ng'ambi, arbeitet die Regierung derzeit an einem Arbeitspapier, mit dessen Hilfe der traditionelle Landbesitz besser geschützt werden soll.

"Derzeit ist der traditionelle Landbesitz für diejenigen, die keine Titel haben, nicht geregelt. Das soll nun nachgeholt werden. Sobald die Meinung aller Beteiligten eingeholt ist, werden Fragen des Gewohnheitsrechts und der Entschädigungen berücksichtigt. Ng'ambi hebt ferner hervor, dass ihr Ministerium bereits an einer Verbesserung der Verfahren zur Bearbeitung der Landbesitzanträge arbeite.

Doch für Bauern wie Nkhata kommen solche Reformen zu spät. Mit seiner Frau lebt er inzwischen 40 Kilometer von seiner alten Farm entfernt in einem kleinen Dorf, das von stacheldrahtbewehrten kommerziellen Farmen umzingelt ist. "Wir sind gestrandet", sagt er und fügt hinzu: "Eine Entschädigung hat es für uns nie gegeben." (afr/IPS)

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