Sambia: "Der E-Doc ist gleich für Sie da"

Online-Sprechstunde in strukturschwachen Regionen

Von Amy Fallon | 15.01.2014

Chilanga. In Sambias ländlichem Kafue-Distrikt gibt es zwar ein Gesundheitszentrum, aber keinen niedergelassenen Arzt. Dennoch sind Mediziner zur Stelle, um Patienten der lokalen 'Chanyanya Rural Health Clinic' (CRHC) bei Bedarf fachkundig zu beraten. Wie das geht? Ärzte aus anderen Teilen der Welt bieten virtuelle Sprechstunden an.

Zwischen der CRHC und dem prominenten Lehrkrankenhaus der Universität von New York liegen tausende Kilometer. Doch im weltweiten Web sind geographische Entfernungen kein Hindernis. Wenige Klicks reichen aus, um Ärzte in einer Weltregion mit Patienten in einer anderen zusammenzubringen.

Zwei Wochen lang hatte Florence ihre antiretroviralen Aidsmedikamente eingenommen. Dann entwickelte sich auf ihrer Haut plötzlich ein merkwürdiger Ausschlag. Das 90 Minuten Autofahrt von der Hauptstadt Lusaka entfernte Gesundheitszentrum stellte in Sekundenschnelle die Verbindung zu einem Seuchenexperten der NYU her, und eine Woche später befand sich Florence, die eigentlich anders heißt, auf dem Weg der Besserung.

Ihre Genesung verdankt die Patientin dem 'Virtual Doctor Project' (VDP). Sambia wurde als Pilotprojekt für die Umsetzung der telemedizinischen Initiative ausgewählt, die ländliche Kliniken mit freiwilligen Ärzten in aller Welt über das lokale Breitbandnetz vernetzt.

Problem unkompliziert gelöst

Kebby Mulongo, eine Mitarbeiterin der CRHC, erinnert sich noch gut an die Schwären, unter denen Florence zu leiden hatte. "Zwei Tage, nachdem ich mit dem Arzt in New York gesprochen und ihm die Symptome der Patientin geschildert hatte, meldete er sich mit seiner Diagnose und Behandlungsempfehlung zurück", sagt sie. Nach einer Woche sei es Florence merklich besser gegangen.

"Medizinische Versorgung bedeutet Beratung. Wenn sich die erforderlichen Informationen per Mausklick beschaffen lassen, ist das gut für uns", meint Mulongo lächelnd. Florence sei auf diese Weise die Odyssee zur nächsten größeren Klinik erspart worden.

Das VDP wird derzeit an sechs verschiedenen Orten Sambias ausprobiert. Mittels einer E-Gesundheitssoftware werden die Krankenakten elektronisch an die Ärzte in Übersee übermittelt. Eigens geschulten Gesundheitsexperten, die die Patienten vor deren Online-Sprechstunden mit dem fremden Arzt gründlich untersuchen, stehen robuste und leichte Fizzbook-Laptops zur Verfügung, die sich im Fall eines Stromausfalls leicht mit einem Akku hochladen lassen.

Mit Hilfe der Software erstellt das Klinikpersonal ein Krankenprofil, das zu einem der in Sambia, Großbritannien, USA, Indien, Pakistan, China, Nigeria, Neuseeland oder Malaysia angesiedelten VDP-Experten weitergeleitet wird. Die Krankenakten enthalten Basisinformationen und einen ausgefüllten Katalog von Fragen, die den Patienten im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung gestellt worden sind.

Alle Mitarbeiter der Kliniken sind mit einer Samsung-HD-Basiskamera ausgestattet, mit denen sie Röntgenbilder ablichten können. Die Aufnahmen werden in den Computer eingespeist und zusammen mit den Laborergebnissen in die Patientenakte eingegeben. Der 'virtuelle Arzt' schaut sich die Unterlagen an und schickt dann seine Diagnose und Behandlungsempfehlung per Mausklick zurück.

VDP wurde vor sechs Monaten von der gleichnamigen Hilfsorganisation in Sambia gestartet. Drei weitere Kliniken sollen in diesem Monat in das Pilotprogramm aufgenommen werden. Die Organisation hofft, das System der virtuellen Sprechstunden bis Ende des Jahres in mindestens zwölf sambischen Gesundheitszentren installiert zu haben. Ferner ist eine Ausweitung des Programms auf Tansania und andere afrikanische Staaten geplant.

Kurz vor Weihnachten waren vier Mitarbeiter einer Klinik im Bezirk Chilanga von VDP geschult worden. Wie die Projektkoordinatorin Heather Ashcroft den Kursteilnehmern erklärte, geht es nicht darum, dem Gegenüber Entscheidungen abzunehmen. "Sie sind und bleiben diejenigen, die für Diagnose und Behandlungsweisen verantwortlich sind. Wir verstehen uns lediglich als Resonanzgeber."

Mercy Nalwamba war eine der beiden weiblichen Gesundheitsexperten, die am 23. Dezember an dem VDP-Schulungskurs teilnahmen. Die 22-Jährige hatte vor kurzem am Chianama-College ihr Studium der Gesundheitswissenschaften abgeschlossen und ist nun Generalbeauftragte der Makeni-Klinik im Bezirk Chilanga. Sie betreut nach eigenen Angaben täglich um die 50 Patienten. Die Mehrheit leidet unter Atemwegserkrankungen, Durchfall und Malaria.

Nalwamba zufolge hat eine Zusammenarbeit der Makeni-Klinik mit den VDP-Experten den Vorteil, dass Patienten seltener an andere, weiter entfernte Hospitäler überwiesen werden müssen. "Ich denke, dass uns die Arbeit erleichtert wird und wir mehr Informationen über die Behandlung chronisch Kranker erhalten", betont sie.

Ausrüstung mit Spendengeldern finanziert

Ashcroft weist darauf hin, dass eine mit dem sambischen Gesundheitsministerium unterzeichnete Absichtserklärung vorsieht, dass VDP den Partnerkliniken ein Jahr lang Equipment und Software kostenlos zur Verfügung stellt. Aufgabe der Regierung ist es, das Gesundheitspersonal zu einer Zusammenarbeit mit dem VDP zu ermuntern.

"Nach Ablauf der zwölf Monate werden wir das Klinikpersonal weiter unterstützen. Allerdings werden wir einen kleinen Aufpreis verlangen, der uns erlaubt, das System in den Gesundheitszentren zu warten und aufzurüsten", erläutert Ashcroft. "Die gesamte Ausrüstung, die für die Durchführung der VDP erforderlich ist, wird mit Spendengeldern finanziert." Die Vereinigung VDP gehört zu einer wachsenden Zahl von Nichtregierungsorganisationen, die Bitcoin-Spenden annehmen.

Andrew Phiri vom sambischen Gesundheitsministerium ist zuversichtlich, dass die Regierung in der Lage sein wird, die VDP nach Ablauf des ersten Jahres zu unterstützen. "Wir brauchen das Projekt", sagt er und verweist darauf, dass für den Großteil der sambischen Landbevölkerung der Weg zur nächsten Klinik weit ist. "Es gibt nicht viele Ambulanzen", fügt er hinzu. "Durch die virtuellen Sprechstunden wird eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung gewährleistet. In der Medizin ist ärztliche Beratung das A und O." (afr/IPS)

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