Ruanda: Wirtschaftswachstum durch Versöhnung

Armutsbekämpfungsprogramme für Völkermordopfer und -täter

Von Aimable Twahirwa | 04.04.2014

Kigali. Vor 20 Jahren hatte der Hutu Sylidio Gashirabake als Täter am Völkermord in Ruanda teilgenommen. Fast ebenso lange ist es her, dass die Familie seines Nachbarn Augustin Kabogo, einem Tutsi, abgeschlachtet wurde. Heute sind beide Männer Partner, die im Bezirk Kirehe im Südosten des Landes eng zusammenarbeiten.

Schätzungen zufolge fielen dem Ethnozid im Frühjahr 1994 800.000 Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsi zum Opfer. Unmittelbarer Auslöser des Blutbads war der Abschuss eines Flugzeugs am 6. April 1994. in dem der damalige Präsident Juvenal Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira saßen.

Gashirabake wurde 2006 aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er die von ihm begangenen Verbrechen gestanden und Kabogo den Ort genannt hatte, wo die Leichen von dessen Angehörigen zu finden waren. "Ich habe meine Verbrechen gestanden, um mein Gewissen von dieser Last zu befreien, die ich nicht länger tragen konnte", berichtete Gashirabake, der nach eigenen Angaben nicht an der Ermordung von Kabogos Familie beteiligt war.

Vor zwei Jahren hatte Kabogo Gashirabake verziehen. Seitdem sind sie Mitglieder einer 30-köpfigen Gruppe von Schweinezüchtern. Das Projekt in Kirehe war 2012 von einem Japaner als Versuch gestartet worden, Opfer und Täter des ruandischen Völkermords miteinander auszusöhnen. Derzeit verdienen die Mitglieder jeweils 200 US-Dollar monatlich an dem Projekt.

Sowohl Gashirabake und Kabogo sind überzeugt, dass die Wirtschaft des Landes nur dann vorankommt, wenn Ruanda seinen Frieden mit der Vergangenheit macht. Für Kabogo spielt es keine Rolle mehr, ob Gashirabake seine Familie umgebracht hat oder nicht. "Wichtig ist", sagt er, "dass er die Verbrechen, die er begangen hat, wirklich bereut. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Versöhnung durch Armutsbekämpfung möglich ist."

Rückgang der Armut

Einem Bericht der Weltbank mit dem Titel 'Rwanda: Rebuilding an Equitable Society – Poverty Reduction After the Genocide' ('Ruanda: Wiederaufbau einer gleichberechtigten Gesellschaft – Armutsbekämpfung nach dem Völkermord') ist zu entnehmen, dass 1993, einem Jahr vor dem Ethnozid, rund 70 Prozent der 11,5 Millionen Ruander unterhalb der Armutsgrenze lebten. Nach den jüngsten Zahlen aus der dritten offiziellen Untersuchung der Lebensbedingungen der ruandischen Haushalte 2011 konnte zwischen 2006 und 2011 eine Million Menschen aus der Armut befreit werden.

In den 30 Bezirken des zentralafrikanischen Landes laufen zahlreiche Projekte, die auf eine Bekämpfung der Armut abzielen. Dazu gehört das von der Regierung 2006 aufgelegte Programm 'Girinka', das arme Familien in entlegenen ländlichen Gebieten mit Kühen ausstattet. Allein im letzten Jahr profitierten von der Initiative 350.000 Personen.

Da fast 90 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, hat die Regierung eine Reihe von Reformen durchgeführt, die gewährleisten sollen, dass arme Haushalte und Überlebende des Völkermords Hilfe erhalten. Die Maßnahmen beinhalten die Einrichtung eines staatlichen Förderfonds für Überlebende des Völkermords, der seit seiner Einrichtung 1998 117 Millionen Dollar für Bildungs-, Gesundheits- und Wohnraumprojekte ausgeschüttet hat.

Die Reformen haben der ehemaligen Rebellengruppe und derzeitigen Regierungspartei Ruandische Patriotische Front (RPF) viel Lob von Seiten der Entwicklungspartner, der Weltbank, der Europäischen Unon und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) eingebracht.

Pro-Kopf-Einkommen steigern

Die Regierung hat nun, in der zweiten Umsetzungsphase ihres Wirtschafts- und Entwicklungsfahrplans, vor, bis 2020 zu einem Land mittleren Einkommens aufzusteigen. Das heißt, dass das Pro-Kopf-Einkommen auf 1.240 US-Dollar erhöht werden muss. Derzeit verfügt die ruandische Mittelschicht über ein Pro-Kopf-Einkommen in Höhe von 693 Dollar. Die Regierung versucht, mit einer Vielzahl von Anreizen wie etwa Privatisierungsangeboten ausländische Investoren ins Land zu holen.

"Abgesehen von der politischen Stabilität hat Ruanda im Vergleich zu anderen Staaten der Region eine Infrastruktur zu bieten, die private Investoren durchaus zu schätzen wissen", meinte Robert Mathu, Geschäftsführer der Ruandischen Kapitalmarktbehörde, einer staatlichen Institution zur Kontrolle aller börsennotierten Unternehmungen.

Im letzten Jahr verzeichnete Ruanda ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent. "Wir sind davon überzeugt, dass wir mit starken privatwirtschaftlichen Partnern die Armut bekämpfen können (...) und damit gleichzeitig zum Wirtschaftswachstum beitragen werden", erklärte der ruandische Minister für Finanzen und Wirtschaftsplanung, Claver Gatete.

Atul Ajela, Generalmanager der Matratzenfabrik 'Dodoma', ist seit zwei Jahren in Ruanda. Er hält das Land 20 Jahre nach dem Völkermord für einen sicheren und optimalen Investitionsort. Für ihn steht fest: "Ruanda hat ein Geschäftsumfeld zu bieten, das Initiativen und Möglichkeiten bereithält, die es uns leicht machen, mit den Nachbarländern Geschäfte zu machen." (afr/IPS)

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