Ruanda: Popcorn für sozialen Frieden

Starthilfe für junge Arbeitslose als Form der Konfliktprävention

Von Amy Fallon | 23.05.2014

Kigali. Mit einer Popcorn-Maschine gutes Geld verdienen? Wohl kaum. Doch in Ruanda, 20 Jahre nach dem Völkermord, sind Beschäftigungsmöglichkeiten wichtige Voraussetzungen für Stabilität, Reintegration und einen nachhaltigen Frieden. Eine lokale Menschenrechtsorganisation holt junge Arbeitslose von der Straße und bietet ihnen Fortbildungsprogramme und Starthilfen an.

Fabrice Shyaka wurde 1994, im Jahr des Völkermords im Nachbarstaat Uganda geboren. Seine ruandischen Eltern flohen aus der Heimat, als das Gemetzel begann. Schätzungen zufolge wurden etwa 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit und moderate Hutu ermordet. Später kehrte seine Familie wieder nach Ruanda zurück.

Seit zwei Jahren verkauft er an fünf Abenden die Woche in einem Vorort der ruandischen Hauptstadt Kigali Popcorn. Sein Stand steht in der Nähe eines DVD-Ladens, das ihn mit ohrenbetäubender Musik beschallt. Hier in Kanombe ist er der einzige, der die Knabberei anbietet. "Die meisten meiner Kunden sind Frauen und Kinder", erzählt der 20-Jährige, der über einen Abschluss an einer weiterführenden Schule verfügt. "Das ist ganz neues Geschäftsfeld", sagt er stolz. "Wir wussten gleich, dass es dafür einen Markt geben würde."

'Wir' sind die Mitglieder der Vereinigung 'Stimme des Friedens', die mit der Menschenrechtsorganisation 'Never Again Rwanda' (NAR) zusammenarbeitet. NAR wurde in Reaktion auf den Genozid gegründet und offeriert jungen Menschen unterschiedlicher Herkunft eine Plattform, auf der sie über ihre Probleme diskutieren können. Darüber hinaus finanziert NAR sechs Projekte, die von jungen Leuten ins Leben gerufen wurden und Führungsqualitäten vermitteln sollen, die für die Entwicklung und Durchführung von Projekten erforderlich sind. Die jungen Frauen und Männer werden nicht nur weitergebildet, sondern erhalten fachliche Unterstützung und Startkapital für ihre Vorhaben.

Vor zwei Jahren machten sich Shyaka und einige andere als Popcorn-Verkäufer selbständig. "Ich war damals arbeitslos", berichtet er. Inzwischen verdient er umgerechnet drei US-Dollar am Tag. Das entspricht zwar nur dem Existenzminimum, ist aber immerhin ein Anfang. Wie Richard Manzi erläutert, der selbst einen Fortbildungskurs bei NAR absolviert, hat das Popcorn-Geschäft in Kigali zunehmend Erfolg hat. "Die Zahl der Kunden steigt. Die Leute finden vor allem an den Wochenenden immer mehr Geschmack an Popcorn."

Hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten

Zahlen des Nationalen Beschäftigungsprogramms (NEP) aus diesem Jahr zeigen, dass in Ruanda etwa fünf Millionen Menschen – das entspricht gut 77 Prozent der Bevölkerung im Alter von mindestens 16 Jahren – in der Landwirtschaft und im informellen Sektor tätig sind. Viele von ihnen verdienen so wenig, dass sie als unterbeschäftigt gelten. Nur etwa sieben Prozent aller Beschäftigten haben feste Arbeitsplätze, und etwa 67 Prozent der Arbeitslosen sind Jugendliche. Laut dem Weltbank-Bericht 'Rwanda: Rebuilding an Equitable Society – Poverty Reduction After the Genocide' leben 53 Prozent der insgesamt 11,5 Millionen Ruander unterhalb der Armutsgrenze.

NAR-Geschäftsführer Eric Mahoro betont die Bedeutung von Arbeitsplätzen für Stabilität, Reintegration, Wirtschaftswachstum und einen nachhaltigen Frieden. "Arbeitslosigkeit ist ein verbreitetes Problem in vielen Entwicklungsländern, doch ist in einem Land, das einen Völkermord erlebt hat, von besonderer Relevanz."

NAR arbeitet mit etwa hundert Clubs und Vereinigungen zusammen, denen insgesamt mehr als 7.000 ruandische Jugendliche im In- und Ausland angehören. "Es gibt viele Waisen, die keine Unterstützung haben. Für sie ist es besonders schwierig, zur Schule zu gehen", erklärt die Menschenrechtsorganisation. Viele Überlebende des Völkermordes seien traumatisiert und würden dadurch bei der Arbeit beeinträchtigt.

Schwere Familienschicksale

Bosco Bahati ist einer der jungen traumatisierten Ruander. In einem Hinterhof, den er mit anderen teilt, webt der 23-jährige schmale Wollarmbänder. Ein paar Meter weiter tummeln sich Hühner in Schlammpfützen. Auf einem Armband in Schwarz, Weiß, Rot und Blau sind die Initialen 'RFP' eingewirkt, die für die regierende Ruandische Patriotische Front stehen. Auf einem anderen Band steht 'Liverpool', in Anspielung auf die britische Fußballmannschaft.

"Für ein Armband brauche ich zwei Stunden", sagt Bahati in der Lokalsprache Kinyarwanda. "Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, suche ich Leute, denen sie gefallen". Pro Armband verdient er umgerechnet knapp einen Dollar. Anders als Shyaka hat er keinen festen Standort, an dem er seine Waren zum Verkauf anbieten kann.

Für einen Raum, in dem sich nur eine Matratze befindet, muss Bahati monatlich eine Miete von umgerechnet 6,35 Dollar aufbringen. Als er seine Eltern 1994 durch den Genozid verlor, floh seine ältere Schwester mit ihm nach Burundi zu Verwandten. Zwei Jahre später erkrankte die Schwester und starb. Als die Verwandten die Schulgebühren nicht mehr aufbringen konnten und den Jungen zunehmend misshandelten, ergriff er die Flucht.

2004 kehrte er wieder nach Ruanda zurück. Per Anhalter schlug er sich bis in die Hauptstadt durch. "So Gott will, werde ich wieder zur Schule gehen und auch Englisch lernen", sagt er. "Dann hätte ich Hoffnung auf eine bessere Zukunft." (afr/IPS)

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