Ruanda: 20 Jahre nach dem Völkermord

Überlebende wollen mit der Vergangenheit abschließen

Von Adam Bemma | 06.12.2013

Kigali. "Es gibt in Ruanda ein Sprichwort, an das wir alle glauben: Du kannst nicht vergeben, wenn du vergisst. Doch wenn du dich erinnerst und die Quelle deines Leids kennst, kannst du vergeben und vorwärts gehen", meint Honoré Gatera, der Chefführer des 'Kigali Genocide Memorial Centre' in der ruandischen Hauptstadt Kigali.

Das Museum besteht seit 2004. Es wurde zehn Jahre nach dem Völkermord im Frühjahr 1994 fertigstellt. In nur drei Monaten hatten radikalisierte Hutu mehr als 800.000 ethnische Tutsi und moderate Hutu massakriert. Auslöser war der Abschuss eines Flugzeugs mit dem damaligen Staatspräsidenten Juvenal Habyarimana und dessen burundischem Amtskollegen Cyprien Ntaryamira an Bord gewesen.

Damals versagte die internationale Gemeinschaft, den Völkermord zu verhindern. Heute, gut 20 Jahren nach der Massenvernichtung, sind viele Ruander der Meinung, dass sie viel zu lange auf Gerechtigkeit durch die internationale Gerichtsbarkeit warten müssen.

Die 27-jährige Angela Mbabaz ist eine ruandische Tutsi. Zusammen mit ihren beiden Brüdern und einer jüngeren Schwester brachte sie ihre gesamte Kindheit in Uganda zu. Heute hat sie selbst eine Tochter, die so alt ist, wie sie damals war, als ihre Mutter zusammen mit anderen Verwandten in einer katholischen Kirche außerhalb von Kigali niedergemetzelt wurde.

"Ich war sieben Jahre alt, als mir der Tod meiner Mutter mitgeteilt wurde", sagt sie. "Ich möchte nicht, dass meine Tochter erfährt, dass die Mörder noch immer nicht hinter Gittern sitzen. Deshalb habe ich ihr noch nichts erzählt."

Ruander sind Anhänger von Gacaca-Gerichten

Kommunale Gerichte in Ruanda ('Gacaca') waren 2001 eingerichtet worden, um Opfern wie Mbabaz Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In der lokalen Sprache Kinyarwanda bedeutet Gacaca so viel wie 'sich hinsetzen und eine Angelegenheit diskutieren'.

Im letzten Jahr wurden die Gacaca-Gerichte aufgelöst. Menschenrechtsgruppen zufolge ließen es die Dorfgerichte an internationalen Rechtsstandards missen. Nach offiziellen Angaben wurden 65 Prozent der zwei Millionen Völkermordverdächtigen in beschleunigten Rechtsverfahren in Ruanda abgeurteilt.

Innerhalb von Ruanda genossen die Gacaca eine breite Akzeptanz – auch von Seiten lokaler Juristen. Zu ihnen gehört Sabine Uwase, Rechtsberaterin von 'AVEGA Agahozo', einer Vereinigung von Völkermord-Witwen, der zufolge die Dorfgerichte höchst effizient bei der Verfolgung der Täter waren. Die internationale Gerichtsbarkeit sei viel zu langsam, meint sie. Für die Überlebenden sei es aber wichtig, endlich die Vergangenheit abzuschließen und ihren Frieden zu machen.

Die Vereinten Nationen hatten im Anschluss an den Völkermord den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) im tansanischen Arusha eingerichtet. Er soll im nächsten Jahre seine Arbeit niederlegen, wenn die letzten Berufungsverfahren abgearbeitet sind. Der ICTR-Sprecher Rolland Amoussouga hält die Kritik an dem Tribunal für ungerechtfertigt. "Seitdem das Gericht 2003 seine Arbeit aufgenommen hat, konnten 93 Menschen angeklagt, 83 verhaftet und 75 Gerichtsverfahren abgeschlossen werden. In zwölf Fällen wurden die Angeklagten freigelassen, in 63 Fällen zu Gefängnisstrafen verurteilt", rechnet er vor.

Dem ICTR kam auch die wichtige Rolle zu, Präzedenzfälle zu schaffen. Dazu gehört auch das erste international verhandelte Verfahren wegen Völkermord. "Es ist normal und verständlich, dass Völkermord-Überlebende und Opfer den ICTR kritisieren", sagte Amoussouga. "Es gibt keine perfekte Justiz."

Génocidaires auf freiem Fuß

Noch befinden sich zehn Völkermordverdächtige auf freiem Fuß. Für Ruanda ist dieses Ergebnis unbefriedigend. "Diese Völkermörder müssen gefasst und vor ein ruandisches Gericht, nicht vor den ICTR in Arusha oder Den Haag, gestellt werden", meint Naphtal Ahishakiye, Geschäftsführer von 'Ibuka' ('Erinnern'). Die Organisation vertritt die Interessen der Völkermordüberlebenden. "Die Gacaca waren partizipative Gerichte. Über sie haben die Ruander erfahren, wie der Völkermord geplant und durchgeführt wurde."

Mbabaz wiederum ist der Meinung, dass Ruanda den Völkermord hinter sich lassen sollte. Sie ist zuversichtlich, dass die internationale Justiz die verbliebenen Täter doch noch zu fassen bekommt und sie aburteilt. "Seither sind 20 Jahre vergangen und viel hat sich verändert. Wir sprechen nicht länger von Hutu und Tutsi. Wir sind alle Ruander", sagt sie. "Ich möchte, dass meine Tochter versteht, was in der Vergangenheit geschehen ist, damit auch sie denen vergeben kann, die unserer Familie so viel Leid angetan haben."

Gatera hat seinen Rundgang durch das Kigali-Völkermord-Museum abgeschlossen. Wie er betont, wäre er heilfroh, wenn dieses Kapital ruandischer Geschichte endlich abgeschlossen werden könnte. "Doch die Arbeit des ICTR geht erst im nächsten Jahr zu Ende, und es gibt noch so viele offene Fälle und Täter, die frei auf der Welt herumlaufen", meint er. "Sobald diese Personen gefasst sind, müssen sie nach Ruanda gebracht werden, damit wir der internationalen Gemeinschaft zeigen können, dass wir in der Lage sind, jeden gerecht zu behandeln."

Selbst wenn die Flüchtigen festgenommen und an Ruanda ausgeliefert würden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob sie dort eine nach internationalen Standards faire Verhandlung erhalten würden. Doch viele Ruander sind der Meinung, dass das Land unter Beweis stellen sollte, keine auswärtige Hilfe mehr zu brauchen. (afr/IPS)

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