Nigeria: Zahl der Poliofälle seit 2011 verdoppelt

Infektionsgefahr für Nachbarländer

Von Toluwa Olusegun | 29.06.2012

Lagos. Wenn seine Freunde auf der Straße Fußball spielen, schaut ihnen Sunday Oderinde aus Iwaya, einem Stadtteil von Lagos, traurig zu. Der zwölfjährige Junge kann sich nur auf Krücken fortbewegen. Er hat Kinderlähmung, weil er nur zwei statt der in Nigeria vorgeschriebenen fünf Polio-Schutzimpfungen erhalten hat.

Nigeria ist das einzige afrikanische Land, in dem der Kampf gegen die Kinderlähmung (Poliomyelitis) noch nicht gewonnen ist. Es gehört zusammen mit Afghanistan und Pakistan nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den weltweit letzten Ländern, in denen Polio weiterhin endemisch auftritt.

Von der Viruskrankheit sind vor allem Kleinkinder bis zu fünf Jahren betroffen. Sie kann zu der Lähmung von Armen und Beinen sowie der Atmung führen und tödlich enden.

Das Nigeria-Büro des Weltkinderhilfswerks UNICEF hatte 2011 die Polioschutzimpfung in dem westafrikanischen Land mit 15,14 Millionen US-Dollar unterstützt. Wie Tommi Laulajainen, Presseoffizier des Polio-Programms von UNICEF-Nigeria, berichtete, erhält jedes dritte Kind in besonders von der Kinderlähmung betroffenen nördlichen Bundesstaaten wie Borno, Kano, Sokoto und Yobe, weniger als vier der verordneten fünf Dosen des Impfstoffs, die einen vollständigen Infektionsschutz gewährleisten.

Bis Mai dieses Jahres seien in Nigeria bereits 32 Polio-Fälle in zehn Bundesstaaten registriert worden – doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr in sechs Bundesstaaten, sagte Laulajainen. "In diesem Jahr wurde die Hälfte aller weltweit registrierten neuen Polioerkrankungen in Nigeria registriert", stellte er fest.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits davor gewarnt, dass die Krankheit auch in anderen afrikanischen Ländern abermals auftreten könnte, solange es Nigeria nicht gelingt, sie auszurotten.

Im März hatte Präsident Goodluck Jonathan eine eigene Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Kinderlähmung gegründet. Sie soll innerhalb von zwei Jahren dafür sorgen, dass das Polio-Virus in Nigeria ausgerottet wird. Zugleich kündigte er für 2012 eine Aufstockung der Mittel für die Impfkampagne von 22 Millionen auf 30 Millionen Dollar an.

Korrupte Strukturen zweigen internationale Hilfsgelder ab

Der Präsident des Ärzteverbandes am Lehrkrankenhaus der Universität von Lagos, Olarenwaju Ekunjimi, hält es für zweckmäßiger, das Geld für die Ausrottung der Kinderlähmung in den landesweiten Aufbau von Gesundheitsstationen für Kleinkinder zu investieren, die regelmäßige Aufklärungs- und Impfaktionen durchführen.

Er macht auch die Korruption im Land dafür verantwortlich. Polio sei nicht auszurotten, solange internationale Geber viel Geld in das Impfprogramm steckten. "Die Leute, die jetzt gut daran verdienen, werden leer ausgehen, sobald die Krankheit ausgerottet ist", meinte der Mediziner.

Nachdem immer wieder berichtet wird, dass sich im nördlichen Bundesstaat Kano viele muslimische Eltern weigern, ihre Kinder gegen Polio impfen zu lassen, ist derzeit ein Beraterteam von UNICEF in der Region unterwegs. Vor Jahren hatte ein muslimischer Religionsführer das Impfprogramm als westlichen Angriff auf die Zeugungsfähigkeit der Einheimischen denunziert. Obwohl er später seine Verschwörungstheorie zurücknahm, wirkt sie bis heute nach. (afr/IPS)

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