Nigeria: Im Fadenkreuz von Militär und Islamisten

Bewohner der Stadt Maiduguri fordern Abzug der Streitkräfte

Von Ahmed Usman | 19.10.2012

Kano. Die Bevölkerung von Maiduguri im Nordosten des nigerianischen Bundesstaats Borno fordert vehement den Abzug des Militärs aus der Stadt, die als Hochburg der islamistischen Gruppe 'Boko Haram' gilt. Als Begründung führt sie Übergriffe von Soldaten an. Für den Krieg gegen islamistische Extremisten müssen die Zivilisten in der Stadt einen hohen Preis zahlen.

Von den Streitkräften werden die Bewohner von Maiduguri beschuldigt, nicht zu kooperieren und die Islamisten zu schützen. "Wir sind ständigen Vergeltungsangriffen der Soldaten ausgesetzt", berichtet Bulama Abbagana. " Zivilisten sollten nicht vom Militär getötet und verstümmelt werden, wie es jetzt der Fall ist."

Die Boko Haram, deren Name mit 'Westliche Erziehung ist eine Sünde' übersetzt wird, greift seit drei Jahren in dem Land Regierungseinrichtungen an. Auch attackierte sie den Sitz der Vereinten Nationen in der Hauptstadt Abuja. Der bisher folgenschwerste Angriff wurde am 20. Januar in der Stadt Kano verübt. Dabei starben mehr als 180 Menschen.

Das Vorgehen von Boko Haram ähnelt dem der Taliban. Der Gruppe wird nachgesagt, Verbindungen zum Terrornetzwerk Al Qaeda in Nordafrika zu unterhalten. Sie kämpft für die Einführung des islamischen Rechts in einem Staat, der sich in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden teilt. Wie ein UN-Expertenausschuss kürzlich feststellte, versuchen derzeit radikale Islamisten mit Verbindungen zu Al Qaeda ihren Einfluss auf dem Kontinent zu vergrößern.

Einem Bewohner von Maiduguri zufolge macht Boko Haram weniger Ärger als das Militär. Die Gewalttätigkeiten setzen sich unterdessen fort. Am 15. Oktober detonierten bei Angriffen der Regierungstruppen mehrere Bomben in der Stadt, und das Zentrum musste gesperrt werden. Am Tag zuvor war ein Sprengsatz am Rande einer Straße explodiert. Bei zwei Schießereien wurden außerdem mindestens vier Menschen, darunter ein lokaler Anführer, getötet, wie Anwohner und das Militär bestätigten. Auch am 8. Oktober wurden Zwischenfälle gemeldet.

Dutzende Zivilisten getötet, Häuser niedergebrannt

Offenbar gerieten die nigerianischen Truppen in Rage, nachdem ein Sprengsatz eines ihrer Patrouillenfahrzeuge getroffen hatte. Dabei wurden zwei Soldaten getötet und weitere verletzt. Das Militär soll daraufhin wahllos in eine Menschenmenge gefeuert haben. Nach Angaben von Beobachtern starben dabei etwa 30 Menschen. Wohnhäuser und Geschäftsgebäude wurden niedergebrannt oder verwüstet."Wenn man sieht, wie unsere Gebäude zugerichtet werden, kommen einem die Tränen", sagt Bana Modu, dessen eigenes Haus ebenfalls schwer beschädigt wurde.

Die Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und den Einwohnern von Maiduguri haben inzwischen einen Höhepunkt erreicht. Beide Seiten weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die Sicherheitskräfte behaupten, dass die Bevölkerung ihnen nicht im Kampf gegen die Islamisten behilflich sei. Zivilisten wurden zudem als Sympathisanten von Boko Haram gebrandmarkt.

Die in der Stadt lebenden Menschen werfen wiederum dem Militär vor, alle diejenigen, die keine Uniformen tragen, von vornherein als Feinde zu betrachten. "Wenn eine Bombe hochgeht, besetzen die Truppen das Gebiet und verprügeln jeden, dem sie begegnen. Einige Passanten werden dabei getötet", sagt der Banker Abubakar Mohammed.

Die Geschäfte laufen in der Stadt seit mehreren Jahren schlecht. "Viele Menschen sind geflohen. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, werde hier aber von zwei Seiten angegriffen", klagt ein anderer Einwohner.

Die Regierung des Bundesstaates Borno, wo der Konflikt 2009 ausbrach, macht bisher keine Anstalten, die Truppen abzuziehen. Die Sicherheitskräfte wurden lediglich dazu angehalten, Einzelpersonen zu respektieren. "Wenn die föderale Regierung den gemeinsamen Einsatzverband abzieht, werden wir alle von den Aufständischen verjagt", warnt Gouverneur Kashim Shettima.

Militär verkündet Erfolge im Kampf gegen Islamisten

Schebu Sani, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation 'Civil Rights Congress' wirft den Streitkräften vor, mit ebenso unverhältnismäßiger Gewalt wie Boko Haram vorzugehen. Das Militär streitet solche Übergriffe gegen Zivilisten jedoch entschieden ab und verkündet Erfolge im Kampf gegen die Islamisten. Nach Angaben des Einsatzverbandes wurden allein am 7. Oktober mehr als 60 Mitglieder von Boko Haram festgenommen. Einer ihrer Kommandeure und der Sprecher der Gruppen seien getötet worden. Letzteres wurde jedoch von dem Boko-Haram-Anführer Abubakar Schekau, dementiert.

Nach Erkenntnissen der US-Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' (HRW) sind seit Beginn der Unruhen 2009 etwa 2.800 Menschen bei Angriffen getötet worden, zu denen sich größtenteils Islamisten bekannten. Ein kürzlich von HRW veröffentlichter Bericht bezeichnet die Attacken von Boko Haram als Menschenrechtsverbrechen. (afr/IPS)

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