Mosambik: Ältere Menschen leben in Armut

Experten fordern höhere Renten

Von Jinty Jackson | 02.10.2012

Maputo. Unermüdlich bearbeitet Carolina Poalo die ausgetrocknete Erde mit ihrer Hacke. Die Bäuerin aus Mosambik will unbedingt anfangen zu pflanzen, denn in der langen Trockenperiode konnten sie und ihre beiden Enkel fast nur Cassava-Blätter essen. In einem Alter, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung 50 Jahre beträgt, gilt die 65-Jährige als sehr alt.

Von einem goldenen Ruhestand ist Poala aber weit entfernt. Stattdessen nehmen gewaltsame Übergriffe auf ältere Menschen weiter zu – Vergewaltigungen, psychische Misshandlungen und Vernachlässigung. Offizielle Angaben dazu gibt es bisher nicht. Man weiß nur, dass die Täter oft aus derselben Familie stammen.

Carolina Poalos Schwester Amelia floh von zu Hause, als ihre Söhne sie der Hexerei beschuldigten. "Überleben konnte ich nur, weil ich ein Stück Land habe." In Bilalwane, einem Vorort der Hauptstadt Maputo, lebt sie gleich in der Nähe ihrer Schwester, die ebenfalls völlig auf sich allein gestellt ist. "Von meinen beiden Töchtern erhalte ich keine Unterstützung", erzählt sie. "Manchmal kommen sie und geben ihre Kinder hier ab, wenn sie wieder schwanger sind."

Wann immer sie können, verdienen sich die beiden älteren Frauen durch Feldarbeit bei anderen etwas hinzu. An staatlicher Rente bekommen sie umgerechnet fünf US-Dollar monatlich, so wenig wie sonst nirgends im südlichen Afrika. So viel kostet in Mosambik ein Kilo Salz. Carolina und Amelia verfügen über keinen eigenen Wasseranschluss, was bedeutet, dass sie auch dafür einen Teil ihrer knappen Mittel ausgeben müssen.

Die Sozialbehörde von Mosambik ist bekanntermaßen korrupt und ineffizient. Viele ältere Menschen bekommen kein Geld, obwohl sie es beantragt haben. Die 70-jährige Maria Chambale, die an grauem Star leidet, fürchtet sich davor, irgendwann nicht mehr arbeiten zu können. "Ich muss weiter kämpfen", sagt sie. "Was bleibt mir sonst übrig?"

Wie andere ältere Menschen in Mosambik baut sie auf einem kleinen Stück Land Gemüse an, von dem sie lebt. Außerdem arbeitet sie als Tagelöhnerin auf den Feldern besser situierter Nachbarn.

Bodenschätze sorgen für rasches Wirtschaftswachstum

Obwohl die Wirtschaft Mosambiks aufgrund der Erdgas- und Kohlevorkommen rasch wächst und die Weltbank in diesem Jahr eine Zuwachsrate von 7,5 Prozent erwartet, haben die Ärmeren dadurch keine Vorteile. "68 Prozent der Älteren leben in dem Land unterhalb der Armutsgrenze", berichtet Janet Duffield, die in Mosambik die Hilfsorganisation 'Help Age International' leitet.

Diejenigen, die ihre Lebensmittel nicht selbst produzieren können, sind besonders gefährdet. Der 60-jährige Armando Mattheus muss auf den Straßen von Maputo betteln gehen, weil er sonst nicht überleben könnte. "Von dem Wenigen, was ich besitze, konnte ich mir früher noch etwas kaufen. Heute reicht es für nichts mehr", meint er resigniert. Mattheus sitzt den ganzen Tag vor einem Restaurant und hofft auf Zuwendungen von Touristen.

Experten haben bereits an die Regierung appelliert, sich dringend mehr um ältere Menschen zu kümmern. Etwa 80 Prozent der Mosambikaner sind auch im höheren Alter noch erwerbstätig. Das ist eine der höchsten Raten weltweit. "Die Menschen arbeiten, bis sie sterben, weil sie keine andere Wahl haben", sagt António Francisco, der Direktor des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsstudien.

Da die Hälfte der 23 Millionen Einwohner jünger ist als 18 Jahre, gilt Mosambik als Land mit einer jungen Bevölkerung. Nur noch wenige Menschen haben direkte Erinnerungen an den verheerenden Bürgerkrieg, der vor zwei Jahrzehnten endete. Ältere machen zurzeit lediglich fünf Prozent aller Mosambikaner aus.

Der demografische Wandel wird sich in den kommenden Jahren aber auch dort bemerkbar machen. Wenn ein heute geborenes Kind das 60. Lebensjahr erreicht, wird sich die Zahl der Älteren nahezu verdreifacht haben, wie aus einer Untersuchung von Francisco hervorgeht. Er spricht von einem "in der Geschichte Mosambiks beispiellosen demografischen Wandel".

Die Nachbarstaaten Südafrika, Swasiland, Botswana, Namibia und Lesotho stellen zwischen 0,3 und zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Unterstützung älterer Menschen bereit. Wie in Mosambik ist zwar auch die Bevölkerung dieser Länder im Schnitt sehr jung. Experten sind jedoch überzeugt, dass sich die Hilfe für die Älteren auszahlt.

Japan, wo im Jahr 2010 der Anteil der über 65-Jährigen mit 38 Prozent weltweit am höchsten war, stellt nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) mehr als zehn Prozent seines BIP für Renten bereit. Großbritannien gibt dafür laut der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fünf Prozent des BIP aus.

Renten können ganzen Familien aus der Armut helfen

Studien haben inzwischen Nachweise dafür erbracht, dass staatliche Renten zur Reduzierung von Armut und Hunger beitragen, weil die Älteren die Unterstützung mit der gesamten Familie teilen. Laut einer Untersuchung von 'Help Age International' von 2003 erhöhten die Renten die Einkommen der ärmsten fünf Prozent der Bevölkerung in Brasilien um 100 Prozent und in Südafrika um 50 Prozent. Zwei Jahre später kam eine Studie der Universität im britischen Manchester zu dem Schluss, dass in Familien, in denen Mitglieder Renten bezogen, das Armutsrisiko in Brasilien um 18 Prozent und in Südafrika um 12,5 Prozent geringer war.

In einem Fünftel aller mosambikanischen Haushalte lebt mindestens ein älterer Mensch. Hilfsorganisationen drängen daher die Regierung, mit anderen Ländern in der Region gleichzuziehen. In Mosambik werden zudem 43 Prozent aller Waisen von den Großeltern aufgezogen. Die Aids-Prävalenz von 16,2 Prozent ist eine der höchsten weltweit.

"Von den zehn afrikanischen Staaten mit der höchsten Verbreitung von AIDS haben acht Renten oder andere staatliche Unterstützung für die Älteren eingeführt", erklärt Duffield. Nach Schätzungen von Francisco müsste die Regierung den über 60-Jährigen mindestens 26 Dollar monatlich zahlen, um eine Wirkung zu erzielen. Dies entspräche drei Prozent des BIP von 12,8 Milliarden Dollar.

Felix Matusse, der die Seniorenbehörde der Regierung leitet, hält Renten für alle jedoch für nicht finanzierbar. "Wir sind noch abhängig von auswärtiger Hilfe", erklärt er. Internationale Geber kommen demnach für mehr als 30 Prozent des gesamten Staatshaushaltes auf. Angesichts seiner guten Wirtschaftsentwicklung kann das Land jedoch nicht mehr lange die Armutskarte ausspielen. Schätzungen zufolge könnte Mosambik allein aus den Verkäufen von Erdgas längerfristig mehr als fünf Milliarden Dollar jährlich einnehmen.

Politische Beobachter rechnen allerdings kaum damit, dass die Regierung vor den nächsten Wahlen 2014 größere Reformen zur Unterstützung Älterer einführen wird. Immerhin soll bis Ende dieses Jahr ein Entwurf für ein Gesetz, das ältere Menschen vor Gewalt schützt, ins Parlament eingebracht werden. Die Rentenfrage wird darin aber nicht erwähnt. (afr/IPS)

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