Mali: "Wir sind alle Opfer dieser Terroristen"

Christen und moderate Muslime von Extremisten verfolgt

Von Marc-André Boisvert | 20.02.2013

Mopti. Am Eingang der evangelischen Kirche in Mopti in Zentralmali schieben Soldaten Wache, während Pastor Luc Sagara die Kirchgänger begrüßt. Bis vor kurzem haben islamistische Extremisten die Stadt kontrolliert. "Jetzt, wo sie wieder weg sind, fühlen wir uns sicher. Wir hoffen, dass die Präsenz der französischen Militärs sie davon abhalten wird, anzugreifen", meint Sagara.

Frankreich hatte am 11. Januar auf Bitten des malischen Interimspräsidenten Dioncounda Traoré Truppen ins Land geschickt. Zuvor hatten Extremisten Kurs auf die Stadt Konna, 60 Kilometer nordöstlich von Mopti, genommen. Die Islamisten nahmen eine Stadt nach der anderen ein und wandten dort die islamische Rechtsprechung, die Scharia, an. Christen und moderate Muslime wurden verfolgt.

Seit April 2012 wird der Norden Malis von einer Koalition aus bewaffneten Gruppen aus der Al-Qaeda im islamischen Maghreb, der Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika und 'Ansar Dine', einer islamistischen Gruppe malischer Tuareg, terrorisiert. Die Rebellen haben Berichten zufolge heilige Schreine und Kirchen zerstört und Menschen ausgepeitscht, verstümmelt und getötet.

Internationale Menschenrechtsgruppen wie 'Human Rights Watch' (HRW) werfen den Rebellen Plünderungen, Brandschatzungen, die Rekrutierung von Kindersoldaten und die Vergewaltigung von Mädchen und Frauen vor. "Bewaffnete Gruppen im Norden Malis drangsalieren Zivilisten, indem sie Menschen entführen und Krankenhäuser plündern", hatte Corinne Dufka, Afrika-Expertin bei HRW, im April 2012 berichtet.

250.000 Flüchtlinge

Nach Angaben der UN-Flüchtlingshilfeorganisation UNHCR hat der jüngste Konflikt zur Vertreibung von 250.000 Menschen geführt. Mopti gehörte zu den Städten, in denen die Vertriebenen Schutz gesucht hatten, bis die Stadt ebenfalls besetzt wurde.

Viele Mitglieder der christlichen Minderheit, die fünf Prozent der 15,8 Millionen Malier stellen, sind entweder aus Mopti geflohen oder leben in Angst vor den Invasoren. Wie Abdoulaye Maiga, ein örtlicher Imam, jedoch gegenüber IPS berichtete, ist niemand vor den Extremisten sicher.

"Wir sind alle Opfer dieser Terroristen", sagte er. "Wir sind alle Malier, die zur Flucht gezwungen wurden." Mitglieder seiner Familie mussten Gao, die größte Stadt im Norden, verlassen. "Als sie herkamen, brachten sie eine christliche Familie mit. Wir haben ihnen unsere traditionellen Gewänder gegeben, damit sie nicht auffallen."

In Diabaly, einer weiteren zentralmalischen Stadt, bereitet Pastor Daniel Konaté den Gottesdienst vor. Die Graffiti an der Kirchenmauer 'Allah ist der Einzige' und in den Boden eingeschlagene Kugeln zeugen noch von der Präsenz der vertriebenen Rebellen. "Sie hatten aus meiner Kirche einen Militärstützpunkt gemacht", berichtet Konaté, der sich mit seiner Familie vor der Ankunft der Islamisten in ein 20 Kilometer entferntes Dorf in Sicherheit gebracht hatte. Seit der Vertreibung der Islamisten am 21. Januar ist er wieder zurück.

Verrat und Misstrauen

Konaté fragt sich bis heute, woher die Kämpfer wussten, dass es sich bei dem Gebäude um eine Kirche handelte. Es gebe keine Insignien und Hinweise, die vermuten ließen, dass es sich um ein Gotteshaus handelt. "Wir denken, dass es hier Verräter gab", meint er.

Dorfbewohner wollen zwei ehemalige Militärsoldaten unter den Islamisten gesichtet haben. Deshalb wird angenommen, dass die Islamisten lokal unterstützt wurden. Seitdem beäugen sich die Menschen gegenseitig sehr misstrauisch.

Während der Besatzung der Stadt hatte Pascal Touré in seinem kleinen Haus 27 Christen auf der Flucht vor den Rebellen versteckt. "Es war im Grunde klar, dass sie verraten worden waren", meint er. Inzwischen sind Tourés 'Gäste' wieder in ihre eigenen Häuser zurückgekehrt. "Für sie wird das Leben in der Stadt nicht mehr das Gleiche sein", meint er.

Doch der ehemalige Lehrer Bakary Traoré, ein Moslem, ist zuversichtlich, dass die Wunden nach und nach heilen werden. Es sei richtig, dass die Islamisten vor allem Christen ins Visier genommen hätten. Doch im Grunde sei ganz Diabaly ihr Opfer gewesen. "Sie hatten nicht genügend Zeit, uns die Scharia aufzuzwingen. In einem solchen Fall hätten wir alle gelitten. Nun sollten wir wieder harmonisch zusammenleben. Als ein Volk." (Ende)

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