Mali: Warten auf Gerechtigkeit

Angehörige verschwundener Soldaten fordern Aufklärung

Von Marc-André Boisvert | 21.02.2014

Bamako. Knapp zwei Jahre ist es her, dass Aminata Diarra ihren Bruder lebend – im nationalen Fernsehen – gesehen hat. Malamine war Mitglied der Sondereinheit der Rotmützen, die dem gestürzten Staatspräsidenten Amadou Toumani Touré loyal verbunden waren. Damals, im Mai 2012, übernahm Amadou Haya Sanogo die Kontrolle über die Hauptstadt Bamako.

Zuvor hatte sich das Militär, das im Kampf gegen aufständische Tuareg in Norden einige empfindliche Niederlagen einstecken musste, erhoben und forderte mehr Mittel für den Kampf im Norden des Landes. Die Malier erfuhren erst fünf Tage nach dem Putsch den Namen des neuen Junta-Chefs. Sanogo wurde von der Bevölkerung zunächst freudig begrüßt, galt doch die demokratisch gewählte Vorgängerregierung als korrupt. Die kleinen chinesischen Motorräder, die in Bamako ein beliebtes Verkehrsmittel sind, waren mit Aufklebern dekoriert, auf denen der neue Machthaber abgebildet war.

"Er hatte uns Hoffnung gemacht. Doch inzwischen wissen wir, dass es ihm vor allem darum ging, sich selbst zu bereichern", meint Oumar Sanogo, der im Schatten eines Zeitungsstands mit seinen Freunden Tee trinkt. Mehrere Wochen konnte sich Sanogo im Amt halten, dann musste er auf internationalen Druck hin die Segel streichen. Die verfassungsmäßige Ordnung konnte wiederhergestellt und eine Übergangsregierung unter Führung des Präsidenten der Nationalversammlung, Dioncounda Traoré, gbildet werden.

21 Rotmützen "verschwunden"

Doch zuvor – im April 2012 – war es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Rotmützen und Sanogos Grünmützen gekommen, die als 'Gegenputsch' bezeichnet werden. Unklar ist nach wie vor, welche Seite angefangen hat. Fest steht, dass etliche Rotmützen getötet oder festgenommen wurden. Diarras Bruder gehört zu den 21 Soldaten, die seither vermisst werden.

Die Angehörigen sahen die 21 Rotmützen zuletzt im Nationalen Fernsehen kurz nach deren Festnahme in Sanogos Hauptquartier in der Miltärbasis von Kati außerhalb von Bamako. "Ich bin am 2. Mai 2012 nach Kati gefahren, um herauszufinden, ob mein Bruder noch am Leben war. Und ich bin jeden Tag dorthin zurückgekehrt, obwohl man mich bedrohte. Doch erfahren habe ich nichts", berichtet sie gegenüber IPS. Einigen Familien sei es gelungen, ihre Angehörigen zu finden. Doch im April rissen dann alle Informationen über die Soldaten ab.

Während sich das westafrikanische Land langsam von dem Militärputsch 2012 und von der Besatzung des Nordens durch islamistische Extremisten erholt – im Juli wurde in Mali gewählt – warten die Familien der militärischen Opfer immer noch darauf, dass ihnen Gerechtigkeit wiederfährt, damit die sogenannte "dritten Krise" beigelegt werden kann.

Sanogo wurde festgenommen und im November 2013 wegen Mordes und Entführung unter Anklage gestellt. Kurz nach seiner Verhaftung wurde ein Massengrab mit 21 Leichen nahe der Militärbasis in Kati gefunden. Angenommen wird, dass es sich bei diesen Opfern um die vermissten Rotmützen handelt. Die Angehörigen hoffen nun, von den Ergebnissen der DNA-Analysen unterrichtet zu werden. "Wir warten geduldig auf die Ergebnisse. Dann kann die Justiz endlich aktiv werden", meint Diarra, die selbst Juristin ist.

Auch Bintou Maiga Sagara verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Denn auch ihr Sohn Dokale gehört zu den Verschwundenen. "Ich bin erleichtert, dass die Leichen gefunden wurden", sagt sie und zeigt ein Foto ihres Sohns in Uniform. Sie ist zuversichtlich, dass ihr Recht widerfahren wird. "Mali ist kein gewalttätiges Land. Wir wissen, dass unsere Angehörigen gefoltert und ermordet wurden. Wir leiden alle. Und wir werden um Gerechtigkeit kämpfen". betont sie.

Die von der Armee im Norden begangenen Menschenrechtsverletzungen und Übergriffe müssen noch untersucht werden. Die Konfliktforscher der 'International Crisis Group' haben im Januar in einem Bericht von der Notwendigkeit gesprochen, das Militär zu reformieren. Auch müsse "der republikanische Charakter einer Armee, die sich nicht in die Politik einmischt, gewährleistet werden".

Doch Moctar Mariko, Vorsitzender der Malischen Menschenrechtsvereinigung, hält es für wichtig, zunächst einmal die vielen Gewaltepisoden im Lande zu untersuchen. "In Mali hat die Straffreiheit eine lange Tradition. Das gilt vor allem für die Armee. Es wird Zeit, dass wir hier Abhilfe schaffen", meint er.

Gerechtigkeit für alle

Sanogo und seine Getreuen werden auch noch für andere Verbrechen verantwortlich gemacht. Im September 2012 schlugen sie einen Aufstand ehemaliger Anhänger nieder. 30 Grünmützen wurden festgenommen und mit Ausnahme von acht freigelassen. Die Leichen von drei 'Verschwundenen' wurden im Oktober 2012 aufgefunden. Die übrigen fünf werden bis heute vermisst. Ihre Familien wollen endlich Bescheid wissen, ob ihre Brüder, Söhne und Männer noch am Leben sind.

Nantoume Fatoumata Doumbias Bruder Lassine Keita war im September 2012 aus einer Bar in Kati verschleppt und wenige Tage später tot aufgefunden worden. "Ich weiß, was geschehen ist. Sanogo hatte angekündigt, alle zu töten, die sich gegen ihn erhoben hatten", berichtet sie. Fanta Keita lebt mit der Ungewissheit, ob ihr Mann Ibrahim Doumbia noch lebt. "Wir wollen die Wahrheit wissen. Denn solange wir sie nicht kennen, ist das Leben eine Qual." (afr/IPS)

| Tags: , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus