Mali: Missbrauch von Hilfsgütern

Islamisten rekrutieren Kindersoldaten mit Lebensmitteln

Von Soumaila T. Diarra | 31.07.2012

Bamako. Im von islamistischen Kämpfern beherrschten Norden Malis missbrauchen die Milizen die für Binnenflüchtlinge bestimmten Hilfsgüter aus dem Süden, um zwölf- bis 15-jährige Jungen als Kindersoldaten anzuwerben. Vertreter von Malis Zivilsgesellschaft fordern die Einstellung der Hilfslieferungen für den Norden. 

"Es ist reine Heuchelei, im Zusammenhang mit den nach Norden gelieferten Hilfsgütern von Humanität zu sprechen, wenn man weiß, dass Islamisten sie nutzen, um Kindersoldaten zu rekrutieren und zu indoktrinieren", entrüstet sich El Béchir Sangaré, ein Aktivist der malischen Sektion der Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' (AI).

"Nach der Besetzung der drei Nordregionen hieß es, die Einrichtung eines Korridors für humanitäre Hilfe, der durch die von den bewaffneten Gruppen kontrollierten Gebiete führt, habe Vorrang. Stattdessen hätte man vorrangig dafür sorgen müssen, dass die Binnenflüchtlinge nach Süden, in andere Regionen des Landes, gebracht werden", so Sangeré gegenüber IPS.

Regierungshilfe trifft die Falschen

Im April hatten die Islamisten im Norden der Einrichtung eines Versorgungskorridors durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) unter der Bedingung zugestimmt, dass die gelieferten Hilfsgüter nicht aus westlichen Ländern stammten.

Das Weltkinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte am 6. Juli einen alarmierenden Bericht, in dem von der Rekrutierung von Kindersoldaten durch bewaffnete, vor allem islamistische Gruppen im Norden des westafrikanischen Landes die Rede ist.

Auch Malis Menschenrechtsvereinigung (AMDH) berichtet von einer Zweckentfremdung der Hilfsgüter durch die Islamisten. "Wir bezweifeln, dass die Regierungshilfe ihre eigentlichen Ziele erreicht. Am Ende kommt sie doch nur bei Leuten an, die die Menschenrechte nicht respektieren", kritisiert der Anwalt und AMDH-Vorsitzende Moctar Mariko.

Zwangsehen

"Im Norden werden die Hilfsgüter nur an diejenigen verteilt, die es zulassen, dass ihre Söhne im Lager in Bourem militärisch ausgebildet werden", berichtet Mariko. "Eltern von Töchtern wiederum müssen arrangierten Ehen mit den 'Bärtigen' (Islamisten) zustimmen, um Lebensmittelhilfe zu bekommen."

Malis Menschenrechtsorganisation kritisiert zudem, dass bei der Verteilung der Lebensmittel durch die Islamisten rassistische Kriterien eine Rolle spielen. "Während monatlich an jede Familie 25 Kilo Lebensmittel verteilt werden, müssen sich Familien der Bella, der Nachkommen schwarzer Tuareg-Sklaven, mit fünf Kilo begnügen", sagt Mariko.

Die Bella-Flüchtlingsfrau Mariama Moussa aus Gao bestätigt die Feststellung des Aktivisten. "Sie kamen in unser Haus und drohten damit, alles was sie gebrauchen könnten, mitzunehmen. Ich bin zunächst nach Niger geflohen und habe es später nach Bamako geschafft."

Moussa ist Mitglied einer Gruppe von Flüchtlingsfrauen und -mädchen, die von Malis Flüchtlingsverband (AME) unterstützt wird. "Die Scham und Angst stigmatisiert zu werden, hält sie davon ab, Hilfe zu suchen", sagte AME-Mitglied Alassane Dicko. "AME hat eine erste Untersuchung der Frauen und Mädchen durchgeführt, die als Flüchtlinge in der Hauptstadt Bamako leben. Viele sind schwer traumatisiert. Manche wurden von mehreren Männern vergewaltigt."

Einstellung der Hilfe für den Norden gefordert

Fast eine halbe Million Malier sind vor der Gewalt im Norden geflohen. Nach jüngsten Statistiken brachten sich etwa 230.000 Menschen in den Nachbarländern Algerien, Burkina Faso, Mauretanien und Niger in Sicherheit. Von den 200.000 Binnenflüchtlingen leben etwa 147.000 in Mopti, Ségou, Kayes, Koulikoro, Bamako und weiter südlich. Die meisten sind nach Angaben der Flüchtlingsorganisation AME in Familien untergekommen. Andere leben in Moscheen, Kirchen und Stadien.

Seitdem berichtet wird, wie die Islamisten im Norden mit den Hilfsgütern umgehen, verlangt Malis Zivilgesellschaft die Einstellung der humanitären Hilfe für den Norden. "Bevor sie diesen Banditen in die Hände fallen, sollte man die Lebensmittel an die hier lebenden Flüchtlinge ausgeben", forderte der Menschenrechtsaktivist Mariko.

Die Flüchtlinge aus dem Norden, die unter schwierigen Verhältnissen in den Städten im Süden leben, erhoffen sich viel vom Staat. " Er muss zwar den Menschen helfen, die im Norden geblieben sind, doch man muss auch an die Menschen denken, die vor dem Krieg geflohen sind", meint Aichata Maiga aus Timbuktu. Sie lebt mit ihren vier Kindern bei einem Vetter in Bamako.

Die für die Menschen in Nordmali bestimmten Lebensmittel werden in der Regel von den Organisationen ihrer Angehörigen gesammelt. Im Auftrag der Regierung beteiligt sich auch das Ministerium für soziale Entwicklung an der Hilfsaktion. (afr/IPS)

| Tags: , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus