Mali: Chaos erschwert Suche nach verschleppten Kindern

Bereits als Elfjährige an die Frontlinie geschickt

Von Issa Sikiti da Silva | 28.03.2013

Bamako. Sieben Monate sind es her, dass Amina Diallo ihren Sohn Salif das letzte Mal gesehen hat. Sie vermutet, dass er auf dem Weg zum Markt seiner Heimatstadt Gao im Norden Malis von Islamisten verschleppt wurde. "Wo immer er auch sein mag. Er muss wissen, dass ich für dafür bete, dass er heil wiederkommt."

Der malischen Armee ist es mit Hilfe der französischen Intervention zwar gelungen, den Norden des Landes zurückzuerobern, der sich mehr als ein Jahr in der Hand militanter Islamisten der Al-Qaeda im islamischen Maghreb, 'Ansar Dine' und der Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika befunden hatte. Doch in dem westafrikanischen Land herrscht angesichts Hunderttausender Vertriebener, vermisster und verschleppter Kinder und gravierenden Nahrungsengpässen das reinste Chaos.

Diallo und ihre übrigen vier Kinder leben nun im Haus von Verwandten in der malischen Hauptstadt Bamako. Sie hatten Gao im Oktober verlassen. Die Bemühungen, den Sohn ausfindig zu machen, hatten zu nichts geführt. Die Behörden sprachen der Mutter ihr Mitgefühl aus, während die Armee versprach, ihr Bestes zu tun, um den Sohn zu finden.

Wie die Pressesprecherin der Hilfsorganisation 'World Vision', Laura Blank, erklärt, ist die Gefahr für die malischen Kinder auch nach dem Sieg über die Islamisten noch längst nicht vorbei. "Unbeaufsichtigt laufen sie Gefahr, Opfer sexueller Übergriffe und Gewalt und von bewaffneten Gruppen als Kindersoldaten rekrutiert zu werden", warnt sie.

Kindersoldaten verheizt

Die Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' (HRW) informierte in einem im Februar veröffentlichten Bericht, dass islamistische Rebellen Kinder bereits im Alter von elf Jahren an die Frontlinie schickten. Schockierte Malier berichteten den HRW-Forschern, in Soldatendrillich gekleidete Kinder tot in einem Meer von Blut gefunden zu haben. Dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF zufolge wurden im letzten Jahr in dem Konflikt mindestens 175 Kinder als Soldaten missbraucht.

Blanks Organisation arbeitet derzeit mit Freiwilligen zusammen, um die Eltern in den Dörfern auf die Bedrohungen hinzuweisen, die ihnen und ihren Kindern drohen. "Gerade die Familien sind extrem gefährdet", meint Blank. "Der Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser, Medizin und sicheren Unterkünften ist beschränkt. Zudem sind sie anfällig für Krankheiten."

Die verschleppten Kinder werden nicht immer als Soldaten eingesetzt, sondern auch als Träger, Köche, Spione und Sexsklaven missbraucht.

Oumou Camara hatte gegen die bewaffnete Miliz, die ihr die 16-jährige Tochter entriss, keine Chance. Die Kämpfer hatten sich in Gao und Umgebung nach minderjährigen Mädchen, Witwen und unverheirateten Malierinnen als Frauen für ihre 'Gotteskrieger' umgesehen. "Mit vorgehaltenem Gewehr und der Androhung, uns zu erschießen, sollten wir Widerstand leisten, nahmen sie unser Kind mit. Ich habe es nie wieder gesehen."

Camara hat längst jede Hoffnung, die Tochter lebend wiederzusehen, aufgegeben. Den Behörden bringt sie kein Vertrauen entgegen. "Was können sie schon tun? Sie konnten ja noch nicht einmal allein in den Krieg ziehen. Ich fühle mich so schrecklich ohnmächtig."

Für Journalisten ist es derzeit extrem schwierig, eine Stellungnahme der Regierung zu bekommen. Der Staat untersagt unabhängigen Reportern den Zutritt in die Kriegszonen und droht damit, jeden Berichterstatter, der "sensible Informationen" preisgibt, die in der derzeitigen kritischen Lage zu einem Aufstand führen könnten, festzunehmen und strafrechtlich zu verfolgen.

Vertreibung, Hunger, Not

Die vermissten Kinder sind derzeit nicht das einzige Problem in Mali. So wird das Land von einer schweren Ernährungskrise heimgesucht. Der Hilfsorganisation 'Oxfam International' zufolge hat der Getreidemangel auf den Märkten die Preise in schwindelerregende Höhen getrieben. So hat sich Reis seit Oktober letzten Jahres um 50 Prozent verteuert. "Viele Händler in Gao haben ihre eisernen Reserven längst verkauft", berichtete Ilaria Allegrozzi von 'Oxfam International' in Mali.

Auch ist den Menschen nach dem Zusammenbruch des Bankensystems in der Region das Geld ausgegangen. Die meisten sind verschuldet und/oder haben verkauft, was sich zu Geld machen ließ.

Allegrozzi zufolge wird Oxfam versuchen, mindestens 70.000 Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen. Blank zufolge hatte World Vision im Dezember fast 130.000 Menschen in Bamako, Segou und Sikasso im Süden Malis mit Nahrungsmittelhilfe erreicht.

Angesichts der vielen Schwierigkeiten dürfte es schwierig werden, die verschleppten Kinder wiederzufinden. Zudem sind nach Schätzungen des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten 260.665 Menschen in Mali auf der Flucht. Weitere 170.313 Malier leben in Nachbarländern wie dem Niger, Mauretanien und Burkina Faso.

Viele der aus Gao Vertriebenen wollen vorläufig nicht in ihre Heimatstadt zurückkehren. Zu ihnen gehört auch Amina Diallo. "Ich habe es nicht eilig, nach Hause zu kommen", sagt sie. "Auch nach Ende des Krieges werden wir dort nichts zu essen haben. Gao ist durstig, hungrig und wütend." (afr/IPS)

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