Mali: Angst vor Racheakten

Geflüchtete Tuareg und Araber wollen vorerst nicht zurück

Von Marc-André Boisvert | 04.03.2013

Goudebo, Burkina Faso. Fatimata Wallet Haibala sitzt mit mehreren Tuaregfrauen und -mädchen unter einem Zeltdach, ein kleines Kind auf dem Schoß. Alles hätte seine Richtigkeit, befände sich die Gruppe zu Hause in Mali. Stattdessen harren die Menschen 100 Kilometer von der Heimat entfernt in einem Flüchtlingscamp in Goudebo in Burkina Faso aus.

"Das Lagerleben ist für Frauen hart", meint Haibala. "Wir versorgen die Familie." Die Witwe verdient mit dem Verkauf von Milch und Zucker, die sie außerhalb des Lagers beschafft, ein kleines Zubrot. Sie hat Mali bereits vor knapp einem Jahr und somit vor Ausbruch der Krise 2012 verlassen.

Anfang des vergangenen Jahres hatten sich die Tuareg – eine Gemeinschaft traditioneller Nomaden, die in Mali, im Niger und in Algerien leben – erhoben und den Norden und fast zwei Drittel des Landes in ihre Gewalt gebracht. Doch die Kontrolle wurde ihnen sehr schnell wieder entzogen.

Im April 2012 verdrängte eine Koalition aus bewaffneten islamistischen Gruppen die von Tuareg geführte nichtreligiöse Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad. Das Bündnis aus Al-Qaeda im islamischen Maghreb, der Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika (MUJWA), und 'Ansar Dine' kontrollierte den Norden Malis. Doch dank der Intervention französischer Soldaten konnte die malische Armee helfen den Großteil des Gebietes zurückzuerobern.

Massenflucht

Die politische Krise hat 230.000 Malier zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht. Hinzu kommen mehr als 150.000 Menschen, die in die Nachbarländer geflohen sind, 40.000 allein nach Burkina Faso. Jeden Tag kommen mehr Menschen – in der Regel malische Araber und Tuareg – in das burkinische Flüchtlingslager nach Goudebo.

Auch der Vater von Haibalas Kindern war ein Tuareg gewesen. Er hatte auf Seiten der malischen Streitkräfte gekämpft und kam bei dem Versuch der Militärs, einen Aufstand in Agelhok im Osten Malis niederzuschlagen, ums Leben.

Als die bewaffneten Auseinandersetzungen immer näher rückten, beschloss Haibala zu fliehen. Burkina Faso erreichte sie im Februar 2012 – also lange vor der Einführung der Scharia durch die Islamisten im Norden Malis. "Alle Hellhäutigen (Araber und Tuareg) haben Gao aus Angst vor Übergriffen inzwischen verlassen. Wir können nicht zurück", meint die 49-Jährige. Am 21. Februar wurde die Stadt erneut Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen der malischen Armee und den Islamisten.

Die Angst vor Vergeltungsschlägen ist der Hauptgrund, warum die meisten Tuareg und malischen Araber nicht in ihre Dörfer zurückkehren wollen. Haarsträubende Geschichten über Angriffe auf hellhäutige Menschen vermischen sich mit den Erinnerungen an die Tuareg-Rebellionen der 1990er Jahre. Damals brachten die malische Armee und paramilitärische Gruppen etliche Tuareg und arabische Zivilisten ums Leben.

Erst kürzlich hat die Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' der malischen Armee vorgeworfen, brutal mit gefangenen Islamisten und deren vermeintlichen Sympathisanten umzugehen.

Die unter dem Zeltdach im Goudebo-Flüchtlingslager sitzenden Frauen tauschen Informationen aus. Sie haben gehört, dass es in Mali zu Vergewaltigungen und Morden kommt. Wie Fatma Targui berichtet, hat die Armee in Gao etliche Markthändler getötet.

Ein Stückchen weiter weg, in einem anderen Zelt, hat sich Abou Haoula mit Freunden zum Teetrinken zusammengesetzt. Alle Männer sind seit Januar im Lager, nachdem sie aus Gao geflohen sind. Einige kamen in Autos, andere auf Kamelen oder Eseln. Bei ihrer Ankunft an der malisch-burkinischen Grenze wurden sie von Mitarbeitern des UN-Flüchtlingshochkommissariats in Empfang genommen.

"Wir sind wegen der Bombardierungen und Kämpfe geflohen. Es war einfach zu viel", sagt der Mittfünfziger Haoula. In dem Zeitraum vor der Ankunft der Islamisten bis zu den Bombardements habe man Nahrungsmittel aus Algerien und der malischen Hauptstadt Bamako erhalten. Doch nach Beginn der französischen Luftanschläge im Januar sei die Versorgung der Bevölkerung quasi zusammengebrochen. Das war für Haoula und andere der Grund, das Land zu verlassen.

"Die MUJWA war zwar streng, ließ aber alle in Ruhe, die sich an ihre Regeln hielten", berichtet Amidy Ag Habo, der ehemalige Vizebürgermeister von N'takala, einer kleinen Stadt 60 Kilometer von Gao entfernt. "Wir kannten die Islamisten nicht. Sie waren Ausländer. Dennoch betrachtet man uns als MUJWA-Verbündete, nur weil wir eine helle Hautfarbe haben."

Goudebo liegt in einer Trockenregion. Hier mussten Nichtregierungsorganisationen Wasserlöcher bohren und die erforderlichen Infrastrukturen schaffen, um die rund 7.500 Flüchtlinge angemessen versorgen zu können, die im Januar aus Angst vor einem Überschwappen des Konflikts auf Burkina Faso hierher verlegt wurden.

Angst vor der malischen Armee

Trotz der schwierigen Bedingungen ist Haoula froh, sein Land verlassen zu haben. Hier fühle er sich sicher. Eine baldige Rückkehr schließt er aus. "Es gibt derzeit keine Regierung im Norden Malis. Alle Entscheidungen werden dort vom Militär getroffen. Die Soldaten sind Polizisten, Richter und Regierung. Die Übergriffe der malischen Armee werden von den Franzosen toleriert", meint Habo.

In den Augen von Fatou Wallet Mahadi waren die Islamisten weniger schlimm als die Soldaten. Auch er hält eine Rückkehr zum derzeitigen Zeitpunkt für unmöglich. "Es gibt zu viele Spannungen. Wir haben genug von der Gewalt, die alle zehn Jahre von neuem ausbricht. Wenn wir heimkehren, müssen wir an einer dauerhaften Lösung für ein friedliches Zusammenleben arbeiten." (afr/IPS)

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