Malawi: Streit mit Tansania über Gewässerhoheit

Fischer werden zum Spielball des Konflikts um den Malawi-See

Von Mabvuto Banda | 11.03.2013

Karonga. Seit seinem neunten Lebensjahr fischt Martin Mhango. Mit seinen Fängen bestreitet der heute 42-Jährige aus dem kleinen Dorf Karonga im Norden Malawis den Lebensunterhalt seiner Familie. Doch plötzlich soll er sich an neue Regeln halten: Im Oktober wurde er von tansanischen Sicherheitskräften misshandelt und ins Gefängnis gesteckt.

"Sie stoppten mein Boot und zogen es zum Strand, wo sie mich erst schlugen und dann abführten. Sie sagten, ich hätte die Grenze überschritten und illegal auf der tansanischen Seite des Sees gefischt", erzählt Mhango. "Dann befahlen sie mir, nie wieder auf der tansanischen Seite zu fischen." Bis dahin hatte sich der Fischer noch nie Gedanken darüber gemacht, wo er seine Netze auswarf.

Doch der Konflikt um das Gewässer, das in Tansania Nyasa-See heißt, schwelt schon seit einem halben Jahrhundert zwischen den beiden afrikanischen Staaten. Malawi beansprucht den gesamten 29.600 Quadratkilometer großen See, das Nachbarland die Hälfte.

Öl gibt neuen Zündstoff

2011 erteilte Malawi der britischen Ölfirma 'Surestream Petroleum' die Genehmigung für die Öl- und Gasexploration im drittgrößten See Afrikas. Das gab dem Konflikt neuen Zündstoff. Tansania forderte daraufhin die Einstellung der Explorationsarbeiten bis zur Beilegung des Konflikts. Doch Malawi blieb stur. Im Dezember 2012 vergab die Regierung die nächste Lizenz – diesmal an den südafrikanischen Konzern 'SacOil'.

Bisher wurde zwar kein Öl gefunden, doch viele Anwohner befürchten, dass der Streit sich ausweiten wird, sobald dies der Fall sein wird. Auch Mhango hält einen Krieg zwischen den beiden Staaten für möglich. Er hält sich inzwischen von der Stelle fern, an der er im Oktober aufgegriffen wurde. Das hat allerdings zu Einnahmeausfällen geführt: Während er in der Regel um die 285 US-Dollar pro Monat verdiente, sind es seit Oktober nur noch 142 Dollar. "Ich war mein ganzes Leben lang Fischer. Es ist das erste Mal, dass ich mich um meine Zukunft sorgen muss."

Angst vor Festnahme

Josiah Mwangoshi hat immer abwechselnd in zwei Dörfern gelebt – einem auf der malawischen und einem auf der tansanischen Seite des Songwe-Flusses. "Wenn sich der Flussverlauf änderte, sind wir auf die tansanische Seite umgezogen. Wenn der Fluss dann wieder seinen Lauf änderte, zogen wir zurück nach Malawi." Doch jetzt fürchtet sich Mwangoshi, ins Nachbarland zu ziehen oder auch nur auf der tansanischen Seite zu fischen. "Ich habe Angst, festgenommen zu werden", sagt er.

Mhango ist nicht der einzige Fischer, der von tansanischen Sicherheitskräften misshandelt und festgenommen wurde. Nachdem sich die Fälle im Oktober häuften, zog Malawis Präsidentin Joyce Banda politische Konsequenzen: Einen gerade aufgenommenen Dialogprozess mit dem Nachbarland brach sie kurzerhand ab. Dann veröffentlichte Tansania auch noch neue Landkarten, auf denen der See in zwei gleiche Hälften geteilt war.

Banda berief daraufhin eine Pressekonferenz in Malawis Hauptstadt Lilongwe ein und teilte mit, sich beim Generalsekretär der Vereinten Nationen über Tansania beschwert zu haben. Darüber hinaus sagte sie einen geplanten Staatsbesuch im Nachbarland ab.

Der tansanische Botschafter in Malawi, Patrick Tsere, wies die Anschuldigungen gegen sein Land zurück und stritt die Übergriffe der Streitkräfte auf die Fischer ab. Stattdessen warf er Malawi vor, mit mehreren Flugzeugen unerlaubt tansanischen Luftraum durchflogen zu haben.

"Der Konflikt besteht zwar schon seit mehr als 50 Jahren, aber durch die möglichen Ölvorkommen im See wird er nun viel stärker in der Öffentlichkeit ausgetragen", sagt Udule Mwakasungura, Exekutivdirektor der malawischen NGO Zentrum für Menschenrechte Rehabilitation. "Mehr als 2.000 Fischarten leben im See. Wenn hier Öl gefördert wird, müssen wir uns um das Ökosystem Sorgen machen", fügt er hinzu. Einem Bericht des malawischen Landwirtschaftsministeriums zufolge ist der Fischbestand in den vergangenen 20 Jahren bereits stark geschrumpft.

Nun hat sich das Afrika-Forum aus ehemaligen Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten der Entwicklungsgemeinschaft Südliches Afrika des Konfliktes angenommen. Anfang März soll der Mediationsprozess beginnen, auf den die Fischer ihre Hoffnung setzen. "Ich will nichts weiter als wieder wie früher im See zu fischen", sagt Mhango. "Wenn ich das nicht kann, dann steht es schlecht um die Zukunft meiner Familie." (afr/IPS)

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