Malawi: "Keine Entscheidung über Frauen ohne Frauen"

Staatspräsidentin Joyce Banda im Interview

Von Mabvuto Banda | 14.08.2013

Lilongwe. Malawis erstes weibliches Staatsoberhaupt zu sein, lässt Joyce Banda nicht ungenutzt verstreichen. Abgesehen davon, dass unter ihrer Präsidentschaft das Land zu demokratischen Verhältnissen zurückgekehrt ist und es mit der Wirtschaft bergauf geht, wurden Frauenfördermaßnahmen ergriffen und hochrangige Positionen mit Frauen besetzt.

Wie Banda in einem Exklusivinterview mit IPS erklärte, steht die Befähigung von Frauen ganz oben auf ihrer politischen Agenda. "Nichts für uns ohne uns" lautet ihre Maxime. "Wir müssen wohlüberlegte Anstrengungen und Maßnahmen ergreifen, die zum Abbau der durch Armut und Geschlechterungleichheit verursachten strukturellen Barrieren und zur Stärkung der Rolle der Frau führen, weil solche Bemühungen das Wohlbefinden von Frauen dauerhaft verbessern", betonte sie.

Dass es ihr ernst damit ist, zeigen die zahlreichen Berufungen von Frauen in hohe Ämter. So hatte sie im März Banda Hawa Ndilowe als erste Frau mit der Leitung des öffentlichen Dienstes betraut. Im Juni ernannte sie Anastasia Msosa zur malawischen Generalstaatsanwältin.

Banda hatte ihr Amt von Bingu wa Mutharika geerbt, der am 5. April 2011 verstorben ist. Zu diesem Zeitpunkt ging es der Wirtschaft des Landes schlecht, was Massenproteste in dem Land hervorrief, auf die der damalige Staatschef zunehmend autoritär reagierte. Dann drehte Großbritannien, Malawis größter Geber, dem Land den Geldhahn zu, nachdem Mutharika den britischen Botschafter des Landes verwies, weil dieser ihn einen "Autokraten" genannt hatte.

Seither ist viel geschehen. So hat die Präsidentin zahlreiche Sparmaßnahmen ergriffen, um Malawi zu konsolidieren. Dazu gehörte auch der Verkauf des Präsidentenjets für 15 Millionen US-Dollar und die Kürzung ihres eigenen Salärs um 30 Prozent. Sie setzte eine Vielzahl von Reformen durch, die im Lande nicht immer auf Zustimmung stießen. Die größte Kontroverse löste sie mit der Entscheidung aus, die Beziehungen zu den internationalen Finanzorganisationen wie dem Internationalen Währungsfonds zu intensivieren, deren Sparvorgaben gefürchtet sind.

Im Juni bescheinigte die Weltbank dem Land schließlich die wirtschaftliche Genesung. Prognostiziert wird ein Produktionsanstieg um sechs Prozent und ein Wachstum des Agrarsektors von 5,7 Prozent. Im September 2012 erklärte das Menschenrechtsinstitut der Internationalen Anwaltskammer, dass unter Banda die Rückkehr Malawis zu Demokratie und Menschenrechten vollzogen wurde.

Obwohl Frauen in den 1960er Jahren aktiv am Unabhängigkeitskampf teilgenommen hätten und in den Befreiungsbewegungen Afrikas aktiv gewesen seien, "wurden ihnen die versprochenen Führungspositionen vorenthalten", kritisierte die Staatschefin im IPS-Gespräch. Dies will sie in ihrer Amtszeit offenbar nachholen. Es folgen Auszüge aus dem Interview.

Viele Wissenschaftler und Aktivisten sind der Meinung, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Geschlechtergleichheit, guter Regierungsführung, einer Stärkung der Rolle der Frau und einer nachhaltigen Entwicklung gibt. Schließen Sie sich dieser Meinung an?

Joyce Banda: Geschlechtergleichheit entwickelt das Potenzial von Frauen und Männern, sich gegenseitig Raum zu lassen. Und die Stärkung von Frauen aktiviert die Fähigkeiten von Frauen, auf Entscheidungen einzuwirken, die sie betreffen.

Seit Ihrem Amtsantritt im April 2012 haben Sie etliche einflussreiche Positionen mit Frauen besetzt. Auch haben sie mehrere Frauen in ihr Kabinett berufen. Was haben Sie vor?

Banda: Es ist wichtig, dass die Bedürfnisse, Wünsche und Realitäten von Frauen Eingang in die Regierungsprogramme finden, damit Frauen einen Zugang zu der Gesundheitsversorgung erhalten. Frauen müssen befähigt und in Entscheidungen einbezogen werden, die ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden betreffen.

Wie ich schon viele Male auf unterschiedlichen Foren erklärt habe, können wir nicht über eine Stärkung der Rolle von Frauen sprechen, ohne die Frauen selbst einzubeziehen. Ohne Frauen sollte es keine Entscheidungen über Frauen geben.

Bevor Sie in die Politik gegangen sind, haben sie die Nationale Vereinigung der Geschäftsfrauen gegründet, die eine erfolgreiche Schule für Mädchenbildung aufgebaut hat. Warum war Ihnen das so wichtig?

Banda: Frauen stellen in Afrika die Mehrheit der Bevölkerung. Wenn wir also über Armut, Leid und Unterentwicklung sprechen, sind überwiegend Frauen betroffen. Ich bin davon überzeugt, dass die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit, die Stärkung der Rolle der Frau, die Verbesserung der Gesundheit von Müttern und Mädchenbildung Strategien des Wandels sind, um Entwicklung zu erreichen.

Die untergeordnete Stellung von Frauen in den meisten afrikanischen Gesellschaften schränkt die Möglichkeiten für Frauen ein, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen, um HIV/Aids zu bekämpfen, aus einer Hochrisiko-Beziehung auszusteigen oder sich den Zugang zu einer qualitativ hohen Gesundheitsversorgung und zu Bildung zu verschaffen. Wie denken Sie darüber?

Banda: In Malawi ist die HIV/Aids-Infektionsrate bei Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 30 Jahren sehr hoch. Die Gefahr, sich mit der Immunschwächekrankheit anzustecken, ist für sie sechs Mal höher als für Männer und Jungen der gleichen Altersgruppe. Gründe sind neben verschiedenen kulturellen Praktiken der niedrige sozioökonomische Status der Frau. Er verhindert, dass Frauen Safer-Sex-Praktiken aushandeln.

Was also muss getan werden, um hier eine Veränderung herbeizuführen?

Banda: Wir brauchen Gesetze, die Frauen schützen. Meiner Regierung ist es gelungen, das Gesetz für Geschlechtergleichheit durchzubringen. Es wurde vom Parlament gebilligt. Wir brauchen ferner wohldurchdachte Maßnahmen, die dazu führen, dass Frauen in sämtlichen Sektoren in Führungspositionen aufsteigen, damit sie anderen Frauen zum Vorbild werden und ihnen helfen, sich zu entwickeln.

Wie ist es um die Befähigung von Frauen bestellt?

Banda: In den meisten afrikanischen Ländern sahen sich Frauen über einen langen Zeitraum mit rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert. Die Benachteiligungen drängten Frauen und Mädchen an den Rand der Gesellschaft. In den meisten Familien fehlt es den Mädchen an Bildungsgelegenheiten, und in finanziell knappen Haushalten wird der Bildung von Jungen Priorität eingeräumt.

Eine geschlechtsbezogene Stereotypisierung von Seiten der Eltern, der Lehrer, der Religion, der Medien und der Gesellschaft hat dazu geführt, dass bestimmte Jobs ausschließlich Männern vorbehalten sind. Das ist der Grund, warum Frauen nach wie vor in Frauenberufen verharren. In einigen Ländern gelten Gewohnheitsrechte, die erwachsene Frauen geringschätzen. Diese Frauen genießen kein Eigentums- und Erbrecht.

Diese Umstände haben ihre Abhängigkeit von Männern verstärkt. Frauen als minderwertiger als Männer zu betrachten, hat zu Gesetzen geführt, die Frauen etwa die Eröffnung eines eigenen Bankkontos verbieten oder ihnen den Zugang zu Krediten verwehren.

Allerdings bin ich froh, dass afrikanische Frauen nicht einfach zurückgesteckt haben, sich an den gesellschaftlichen Rand drängen ließen. Afrikanische Frauen haben sich erhoben, um den ihnen zustehenden Platz einzufordern und eine Agenda voranzubringen, die ihre Rolle stärkt. (afr/IPS)

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