Malawi: Der Chilwa-See trocknet aus

Existenz von Fischern und Bauern akut bedroht

Von Claire Ngozo | 27.08.2012

Chilwa-See. Zu wenig Niederschläge: Der Chilwa-See in Malawi droht nächstes Jahr vollständig auszutrocknen. Fischer und Bauern, die an dem zweitgrößten Gewässer des südostafrikanischen Staates leben, versuchen verzweifelt, ihre Existenz zu retten. Der Platz an den Ufern des zunehmend flachen Sees ist hart umkämpft.

Nach Einschätzung von Sosten Chiotha, der für das 'Lake Chilwa Basin Climate Change Adaptation Programme' (LCBCCAP) arbeitet, könnte der See bereits im nächsten Jahr ausgetrocknet sein, wenn es weiterhin so wenig regnet wie bisher. Er lag schon einmal 1995 trocken, nachdem es zwei Jahre in Folge nur 775 beziehungsweise 748 Millimeter geregnet hatte.

Nach Angaben des malawischen Wetterdienstes fielen im Einzugsgebiet des Sees in den vergangenen zwei Jahren knapp 1.000 Millimeter Regen. Diese Niederschlagsmenge reicht nicht aus, um den Wasserstand des Sees zu halten. "Im März schien es erst so, als wäre die Situation nicht so schlecht. Dann sank der Wasserspiegel aber rapide ab, vor allem an den Stränden von Mposa und Namanja. Im Juli mussten wir von Namanja aus zehn Kilometer zurücklegen, bis wir endlich in tiefes Gewässer vordrangen", sagt Chiotha.

Die Menschen, die an diesen Hauptstränden lebten, sind bereits an andere Orte umgezogen, um neue Fischgründe und Agrarflächen zu finden. Wie viele es sind, kann der Experte allerdings nicht genau sagen.

Migration ruft Konflikte hervor

Sollte der See weiter austrocknen, werde sich die Lage weiter verschärfen, warnt Chiotha, der auch Regionaldirektor der Denkfabrik 'Leadership of Environment and Development in Southern and Eastern Africa' (LCBCCAP) ist. Die Wanderungsbewegungen führten dazu, dass sich Menschen in bestimmten Gebieten drängten. Dies könne Konflikte auslösen.

Bis zu 1,5 Millionen Einwohner aus den Distrikten Machinga, Phalombe und Zomba im Süden Malawis leben von den Erträgen, die ihnen der 2.400 Quadratkilometer große See bietet. Landwirtschaft, Fischerei und Jagd generieren Einnahmen von schätzungsweise 21 Millionen US-Dollar jährlich.

18,7 Millionen Dollar werden durch den Fischfang erwirtschaftet, der Rest durch Landwirtschaft, Vogeljagd sowie durch die Nutzung von Grasland und Lehm zum Häuserbau, teilte LCBCCAP mit. Etwa 17.000 Tonnen Fisch – 20 Prozent der gesamten Fangmenge im südlichen Afrika – stammen aus dem Chilwa-See.

Godwin Mussa, der sein ganzes bisheriges Leben am Namanja-Strand verbracht hat, sah sich im Juli dazu gezwungen, auf der Suche nach neuen Fischgründen nach Chisi zu ziehen. "Der Rückzug des Wassers machte die Fischerei immer schwieriger. Um meine achtköpfige Familie versorgen zu können, musste ich umziehen", berichtet der 41-Jährige. Vergangenes Jahr fing er jede Woche noch etwa 600 Fische, inzwischen sind es im Durchschnitt nur noch 100. Andere Fischer seien über die Ankunft der Kollegen aus anderen Regionen nicht gerade erfreut, sagt Mussa. "Wir kämpfen um Fischgründe."

Den Bauern im Umkreis des Sees ergeht es nicht besser. Debra Chalichi aus dem Distrikt Phalombe produziert seit 2007 Reis an dem Ufer des Sees. In diesem Jahr konnte sie ihre Felder aber erst bewässern, nachdem Regen gefallen war.

"Seit dem letzten Jahr zieht sich der See immer weiter zurück. Durch meine Bewässerungskanäle fließt kein Wasser mehr", klagt sie. Früher erntete sie zwei Mal im Jahr Reis, in diesem Jahr reichte es nur für ein Mal. "Ich habe immer vom Reisanbau gelebt, und ich werde jetzt immer ärmer", sagt Chalichi. "Konnte ich früher 2.000 Dollar verdienen, sind es in diesem Jahr nur 800 Dollar."

Reis ist nach Mais das wichtigste Anbauprodukt in Malawi. Etwa die Hälfte der schätzungsweise 100.000 Tonnen, die in dem Land geerntet werden, stammt dem Agrarministerium zufolge aus den Feuchtgebieten am Chilwa-See.

Alternative: schlecht bezahlte Jobs in der Stadt

John Kabango, der seit 1981 in dem See fischt, war wegen des niedrigen Wasserspiegels bereits 2005 in die wichtigste malawische Handelsstadt Blantyre umgezogen. Er arbeitete dort als schlecht bezahlter Nachtwächter in einer Fabrik, bis sich die Lage an dem See wieder besserte und er zurückkehren konnte.

Als Fischer verdiente er früher rund 800 Dollar wöchentlich – acht Mal mehr, als ihm die Arbeit in der Fabrik einbrachte. Auch er hat eine Frau und sechs Kinder zu ernähren. Seit der Chilwa-See im vergangenen Jahr auszutrocknen begann, sind die Fangmengen aber drastisch zurückgegangen. Doch Kabango will auf jeden Fall vermeiden, wieder den Ort wechseln zu müssen.

LCBCCAP hilft ihm und anderen Betroffenen dabei, Hilfsmaßnahmen umzusetzen. "Wir graben Gruben im Umkreis des Sees, in denen die Fische ungestört laichen können, wenn der Seespiegel sinkt", berichtet er. Die Bauern wenden zudem moderne Bewässerungsmethoden an und sind dazu übergegangen, Regenwasser zu sammeln. (afr/IPS)

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