Libyen: Verprügelt, gefoltert und beraubt

Milizen machen Jagd auf Schwarzafrikaner

Von Mel Frykberg | 05.10.2012

Tripolis. Farrah Hamary hat Angst, seinen richtigen Namen zu nennen. Er will sich auch nicht fotografieren lassen. Sein Rücken ist mit Narben bedeckt, auf seinen Armen sieht man Brandmale durch ausgedrückte Zigaretten. Die Knochen seiner linken Hand sind nicht mehr richtig zusammengewachsen, nachdem sie ihm von Milizionären gebrochen wurden.

Der 39-Jährige stammt aus der sudanesischen Konfliktregion Kordofan. Nach Libyen kam er bereits vor etlichen Jahren und lebt seitdem vom Verkauf von Obst und Gemüse auf dem Suq-Al-Ahad-Markt in dem Viertel Kasr Ben Gashir in Tripolis. Den Großteil seiner mageren Einkünfte schickt er in den Sudan, wo seine Frau und sein Kind leben.

Hamary lebt seit den Angriffen in ständiger Angst. Er fiel der Fatih-Miliz in die Hände, die die Einwohner seines Viertels einschüchtert und erpresst. Die Kämpfer tragen tagsüber Militäruniformen und nachts Zivilkleidung. Sie stehlen und verlangen Schutzgeld. Ihre Opfer sind vorwiegend Schwarzafrikaner.

Der Sudanese Hamary fiel der Miliz auf, als ein Freund von ihm im Juli in der Nähe von Kasr Ben Gashir einen Autounfall hatte und er ihm zur Hilfe kam. Kurz darauf kamen die Kämpfer herbei und verschleppten Hamary in ihr Hauptquartier, wo sie ihn zwei Tage lang folterten.

"Ich wurde kopfüber aufgehängt und erhielt Schläge auf die Fußsohlen. Sie schlugen mich außerdem mehrmals mit einer Eisenstange auf den Rücken und die Arme, bis ich zu bluten anfing. Außerdem wurde ich mit einem Stuhl traktiert und auf meinen Armen wurden Zigaretten ausgedrückt", berichtet er über sein Martyrium. "Meine Hand wurde dabei gebrochen und ist noch immer nicht in Ordnung."

Die Miliz stahl sein Auto und konfiszierte seinen Pass, für dessen Rückgabe sie von ihm 5.000 libysche Dinar (umgerechnet rund 3.000 Euro) forderte. Als Hamary wieder frei kam, meldete er den Vorfall der sudanesischen Botschaft in Tripolis, die ihm ein Schreiben für die Polizei mitgab. Auch sudanesischen Diplomaten wurden bei bewaffneten Überfällen mehrere Fahrzeuge geraubt.

Polizei hat Angst

"Die Polizei war an meiner Geschichte nicht sonderlich interessiert, sondern sagte mir, ich solle gehen", erklärt Hamary. "Sie hat Angst vor den Milizen, die schon die Polizeiwache angegriffen und Waffen gestohlen haben. In diesem Land fehlt es an Recht und Ordnung."

Als nächstes wandte sich der Sudanese an einen Anwalt, der mit ihm den Anführer der Miliz aufsuchte und ihn mit dem Vorgehen seiner Männer konfrontierte. "Er lachte nur und sagte 'Gott sei mit euch'. Ihr könnt jetzt gehen' ", berichtet Hamary.

Issa Ibrahim aus Darfur gehört zu den wenigen Glücklichen, die mit dem Leben davongekommen sind. Nach Libyen war er vor den Janjaweed-Milizen geflohen, die auf Geheiß der sudanesischen Regierung in Darfur eine Politik der verbrannten Erde betrieben haben. In Tripolis eröffnete er ein kleines Bekleidungsgeschäft im Viertel Al Rasheed, um seine Familie in Darfur zu unterstützen.

"Ich habe mich mit meinen libyschen Nachbarn angefreundet. Sie passen auf mich auf, wenn mir irgendjemand Ärger machen will", erzählt er. "Bis jetzt bin ich nicht körperlich angegriffen worden. Ich bin nur beleidigt worden, weil ich schwarz bin. Viele Libyer verachten schwarze Afrikaner."

Ibrahim ist sich darüber im Klaren, dass er sich vorsehen muss. "Nach 19 Uhr gehe ich nicht mehr aus dem Haus, weil es auf den Straßen gefährlich ist, vor allem wenn man ein schwarzer Ausländer ist", sagt er. "Ich meide auch bestimmte Viertel, und ich würde nie nach Misrata fahren."

Während des Aufstands gegen sein Regime heuerte der frühere Diktator Muammar al Gaddafi afrikanische Söldner an, um gegen die Rebellen zu kämpfen. Zahlreiche schwarze Libyer, vor allem aus Tawergha nahe Misrata, stellten sich auf die Seite von Gaddafi. Ihnen werden Gräuel an der Zivilbevölkerung von Misrata angelastet.

Libyen war lange Zeit ein beliebtes Ziel für Migranten aus den Nachbarländern und anderen Teilen der Welt, die ein besseres Auskommen als in ihren Ursprungsländern suchten. Andere nutzten das Land als Brücke nach Europa.

Unter Gaddafi war das dünn besiedelte und an Erdölvorkommen reiche Land abhängig von Gastarbeitern, um seine Wirtschaft voranzubringen. Viele Migranten konnten während des Bürgerkriegs fliehen, andere dagegen blieben freiwillig, weil die Lebensbedingungen in ihren Ländern noch desolater waren.

Land außer Kontrolle

"Die Lage im Land hat sich noch nicht stabilisiert, und es gibt keine Zentralgewalt, die das gesamte Territorium regieren kann", stellten die Internationale Liga für Menschenrechte (FIDH) und die Organisation 'Migreurop' in einem im Juni veröffentlichten gemeinsamen Bericht fest, nachdem sie zahlreiche Lager von Migranten in Libyen besucht hatten.

"Bewaffnete Milizen und Einzelpersonen entscheiden inzwischen, wie Migranten behandelt werden – jenseits jeder Rechtsordnung. Die Milizen kontrollieren Einwanderer, nehmen sie fest und halten sie in improvisierten Lagern gefangen. Unter dem Vorwand von Sicherheitsgefahren rechtfertigen sie ihre 'Reinigungsaktionen gegen Illegale'. Schwarzafrikaner sind ihr erstes Ziel." (afr/IPS)

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