Libyen: Endstation Kufra

Migranten aus Subsahara-Afrika landen in Lagern

Von Rebecca Murray | 29.05.2012

Kufra. "Libyen ist frei, Tschader raus!" Der Kampfruf der Wärter, die in Kufra tschadische Migranten im 'Freedom Detention Centre' abliefern, verheißt nichts Gutes. In der Oasenstadt im Südosten Libyens werden Männer aus dem benachbarten Tschad als ehemalige Milizen Gaddafis verdächtigt.

In dem Auffanglager hatten sich zuvor schon Hunderte anderer Migranten aus Äthiopien, Eritrea und Somalia aufgehalten. Sie wurden jedoch wegen der bedrückenden Enge auf andere Haftzentren im Lande verteilt.

Das Schicksal der Afrikaner ist ungewiss, denn Libyen hat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterzeichnet und bearbeitet derzeit keine Asylanträge. "Die Zahl der inhaftierten Migranten wächst ständig, die Lager haben ihre Kapazitätsgrenze erreicht", berichtet Jeremy Haslam, Direktor des Libyen-Büros der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Haslam zufolge sind jetzt die Botschaften gefordert. Sie müssen die Nationalität der Migranten überprüfen und ihnen vorläufige Pässe ausstellen, damit sie in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden können.

Afrikaner auf dem Weg nach Europa

Die großen Zwischenziele für Migranten auf dem Weg nach Europa sind die alte Karawanenstadt Kufra und Saba, wie Emmanuel Gignac, Leiter der libyschen Niederlassung des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) erläutert. Hier landen alle Westafrikaner, die den Weg über den Tschad oder über den Niger nehmen. Ostafrikaner wiederum kommen über den Sudan nach Kufra.

In Kufra wird ein 35-jähriger Eritreer namens Bernham festgehalten. Er wurde von anderen Migranten als Schleuser identifiziert – ein Vorwurf, den er vehement bestreitet. "Bernham gehört zu einem Netzwerk von Menschenschmugglern. 800 US-Dollar bekommt er von Somalis, die über den Sudan nach Kufra und weiter nach Tripolis unterwegs sind", meint der Oberwärter Abdul Rahim Ab Wazzah. "Am Ende kassiert er auch das Geld für eine Bootsfahrt nach Europa."

"In Kufra ist man sicherer als in Bengasi", räumt Moussa Habib Mohammed ein. Der 30-jährige Tschader ist mit 15 anderen Männern in einem winzigen dunklen Raum untergebracht. Vor einem Monat war er in Bengasi ohne Pass aufgegriffen und nach Kufra zurückgebracht worden.

Der 20-jährige Suel Abdullah aus Mogadischu, der mit Freunden auf dem Rollfeld von Kufra auf den Weitertransport wartet, berichtet, er sei vor den Radikalislamisten der 'Al Shabab' geflohen und auf seinem Weg nach Norden mehrmals in elenden Gefängnissen in Äthiopien und im Sudan eingesperrt worden.

"Dann haben uns Schleuser vom Sudan aus nach Libyen gebracht und unsere 800 Mann starke Gruppe in der Wüste ausgesetzt. Die Männer, die uns festnahmen, erklärten, sie seien libysche Soldaten, doch sie kamen aus dem Tschad. Sie verlangten von uns 700 Dollar. Am Ende kam es zu einer Schießerei mit der libyschen Armee, die uns in Kufra ablieferte", schildert Abdullah.

Inhaftierte Migranten als Arbeitskräfte ausgeliehen

Der internationalen Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch' (HRW) zufolge vermuten viele inhaftierte Migranten, dass Polizei und Schleuser zusammenarbeiten und gemeinsam an den Migranten verdienen. Deportierte Migranten kamen in Kufra frei, wurden aber häufig den Schleppern überlassen, die noch mehr Geld verlangten und sie abermals in den Küstenstädten ablieferten.

Dazu meint Fred Abrahams, der für HRW als Berater arbeitet: "Die libysche Regierung verkraftet den Flüchtlingsstrom nicht. Sie kann weder die Landesgrenzen noch die Gefangenenlager für Migranten kontrollieren. Diese Lücke füllen in diesen chaotischen Zeiten nach Ende des Konflikts Milizen und andere bewaffnete Gruppen. Die Entwicklung ist beunruhigend. Inhaftierte Migranten werden als Arbeitskräfte an lokale Unternehmer und Bauern ausgeliehen. Doch immer häufiger kommt es vor, dass sie keinen Lohn erhalten."

Al Sanussi Bashir Attwati von der Hilfsorganisation Roter Halbmond in Kufra versorgt die Insassen des ortsansässigen 'Freiheitszentrums' mit Lebensmitteln und leistet Erste Hilfe. Er berichtet, anstatt die Migranten nach Bengasi fliegen zu lassen, wolle die libysche Regierung gut zehn Kilometer von Kufra entfernt ein größeres Auffanglager einrichten. (afr/IPS)

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