Libyen: Eine Minderheit gewährleistet den brüchigen Frieden

Toubou haben durch den Kampf gegen Gaddafi Anerkennung erfahren

Von Rebecca Murray | 27.05.2013

Südlibyen. Kaltoum Saleh, ein Mitglied der Bevölkerungsgruppe der Toubou, macht derzeit ihr Abitur an einem Gymnasium in der abgelegenen libyschen Wüstenstadt Ubari nahe der Grenze zu Algerien. Wie die 18-Jährige berichtet, wurde ihre Gemeinschaft während der jahrzehntelangen Herrschaft von Ex-Diktator Muammar al Gaddafi diskriminiert. "Jetzt fühle ich mich endlich wie eine Libyerin."

Die Diskriminierung der Toubou hing zum Teil mit dem Versäumnis der Halbnomaden zusammen, sich als libysche Staatsbürger amtlich erfassen zu lassen. Doch auch Gaddafis Arabisierungskampagne trug zur Ausgrenzung der Indigenen bei. Vielen Toubou wurden die Ausweispapiere und somit der Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und gehobenen Berufen verweigert. Sie waren vor allem im Niedriglohnsektor beschäftigt oder lebten vom Schmuggel.

2011 schlossen sich die Toubou dem Aufstand gegen Gaddafi an, der mit dem Sturz des Diktators endete. Sie hofften auf diese Weise endlich die vollen Bürgerrechte zu erlangen. Mehr als zwei Jahre später leitet Salehs Vater, ein ehemaliger Sicherheitsmann, ein Krankenhaus. "Die Revolution war gut für unser Selbstwertgefühl", meint die Tochter, die sich später als Menschenrechtsanwältin für die Toubou engagieren will.

Die Revolution hat den Toubou allerdings nicht nur Vorteile gebracht. In der Regierung in Tripolis sind sie nach wie vor unterrepräsentiert. Sie stellen nur zwei von 200 Parlamentariern. Inmitten des derzeitigen Machtvakuums leben sie zudem in Unfrieden mit benachbarten arabischen Ethnien. Einige Libyer betrachten sie immer noch als 'Ausländer'.

In ihrem Bestreben, gleiche Rechte zu erlangen, bewachten die Toubou bereits während des Aufstands auf Seiten der Rebellen die weiträumigen Grenzen im Süden des Landes. Sie leben in den Städten Ubari, Sebha und Murzuq im Westen sowie in der Sahara in fast 1.000 Kilometer Entfernung zur Kufra-Oase im Osten.

Grundwasser- und Ölvorkommen

Die Wüstenregion ist reich an Grundwasser, das zu 90 Prozent für die Versorgung der Küstenbewohner verwendet wird, sowie an Erdöl und wertvollen Mineralien. Das Gebiet ist auch ein sicherer Ort für Schmuggler, die Waffen, subventionierten Treibstoff und Nahrung außer Landes schaffen und Migranten und Drogen einschleusen.

"Unsere Vorfahren kamen vor Hunderten Jahren hierher", erklärt Ibrahim Abu Baker, ein Archäologe aus Ubari. "Wenn wir den Wüstensand durch unsere Hände gleiten lassen, wissen wir, wo wir sind – selbst bei Nacht, wenn nur der Mond scheint."

Zu Beginn des Aufstandes 2011 hatte Gaddafi den Toubou und Tuareg Ausweispapiere und andere Rechte als Gegenleistung für ihre Unterstützung versprochen. Während die Tuareg das Gaddafi-Regime unterstützten und sich später auf der Verliererseite wiederfanden, nahmen die Toubou dagegen Gaddafis Waffen an, um sie gegen ihn einzusetzen. Obwohl ihre Rolle während des Aufstandes Anerkennung fand, machen sie seit dem Regierungswechsel häufig die Erfahrung, übergangen zu werden.

2012 brachen offene Feindseligkeiten zwischen den Toubou und arabischen Ethnien in den Wüstenstädten Sebha und Kufra aus. Es ging um Einfluss, Bodenschätze und die Nutzung der Schmugglerrouten. Bei den Gefechten wurden Hunderte Menschen getötet und verletzt, die Infrastruktur wurde zerstört.

Kufra ist seitdem von einer Mauer und einem Graben umgeben, die die Angehörigen der arabischen Zuwayya angelegt haben, die sich die Stadt mit den Toubou teilen. Zwischen ihnen herrscht ein angespannter Waffenstillstand. Besser sieht es in Sebha aus, wo die Stadtvorsteher im April ein Versöhnungsabkommen zwischen den Toubou und der Bevölkerungsgruppe Awlad Suleiman ausgehandelt haben. "Die Toubou wollen endlich die Staatsbürgerschaft und den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung", sagt Mohammed Sidi, einer der Chefunterhändler.

Zwischenstopp auf Schmugglerroute in Richtung Mali

Ubari, mehr als 100 Kilometer westlich von Sebha gelegen, ist die letzte von Sanddünen umgebene Wüstenoase vor der Grenze zu Algerien. Dieser entlegene Wüstenort, der vor allem von Tuareg bewohnt wird, war bis zu der Revolution 2011 ein beliebter Ferienort. Inzwischen ist er mehr für seine lukrativen Ölfelder bekannt und dient als Zwischenstopp für Schmuggler in Richtung des weiter südlich gelegenen Landes Mali. In dem Gebiet wurde der Diktatorensohn Saif al-Islam Gaddafi gefasst, als er nach dem Fall von Tripolis aus Libyen zu fliehen versuchte.

Zusammen mit den Tuareg und arabischen Milizen sind die Toubou als Bewacher der Ölfelder im Einsatz. Sie werden zum Teil vom libyschen Verteidigungsministerium und von den Ölkonzernen bezahlt. Während die Toubou an der südlichen Grenze von Niger bis Ägypten patrouillieren, kontrollieren die Tuareg den südwestlichen Zipfel Libyens und die Grenze zu Algerien.

Der Krieg in Mali, der Terroranschlag auf das Amenas-Ölfeld in Algerien, das Bombenattentat auf die französische Botschaft in Tripolis und Gerüchte über von Islamisten geschmuggelte Waffen haben indes die Spannungen in der Region verschärft. Einem westlichen Diplomaten zufolge besteht die Gefahr, dass aus Mali vertriebene Islamisten in dem schwach kontrollierten Süden Libyens Zuflucht suchen könnten.

Aus Sorge über die durchlässigen libyschen Grenzen stellen sich Vertreter der Europäischen Union, USA und Großbritanniens als Berater beim Aufbau einer Grenzwache zur Verfügung. Das 'US Africa Command' hat zudem eine Basis für Drohnen in Niger nahe der Grenze zu Libyen errichtet. Nach Ansicht des Diplomaten können die Grenzen längerfristig am besten gesichert werden, wenn Toubou und Tuareg gleichermaßen beteiligt werden. (afr/IPS)

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