Libyen: Ein afrikanischer Traum namens Lampedusa

Tripolis ist ein Transpitpunkt für Flüchtlinge

Von Karlos Zurutuza | 16.12.2013

Tripolis. Der Nigerianer Youssef hat die Sahara mit einer zusammengefalteten Europa-Landkarte durchquert. Von Libyen aus will er nach Europa aufbrechen. "Können Sie mir bitten zeigen, wo Lampedusa liegt?", fragt er in Tripolis. "Ich kann es auf der Karte nicht finden." Die kleine italienische Insel im Mittelmeer liegt 600 Kilometer von der libyschen Hauptstadt entfernt.

"Es gibt keine Direktflüge von Abuja nach Tripolis, deshalb bin ich über den Landweg hierhergekommen", erzählt der 26-Jährige. "Für die fünftägige Reise durch die Wüste habe ich 800 Euro gezahlt. Ich saß auf einem schwerbeladenen Laster. Man sagte mir, ich sollte mich festbinden, denn sie würden nicht anhalten, wenn jemand herunterfiele."

Libyen ist weiterhin eine Schleuse für Tausende afrikanische Migranten ohne Papiere, die viel riskieren, um Lampedusa zu erreichen, den für sie nächstgelegenen Ort in Europa. Sie nehmen es in Kauf, in Libyen auf gewalttätige Milizionäre zu stoßen, in Auffanglagern misshandelt zu werden und in überladene, marode Schiffe zu steigen. Selbst Asiaten nutzen Libyen inzwischen als Transitpunkt.

Während die Menschen von einer besseren Zukunft träumen, nehmen sie alle möglichen Arbeiten an, um die Schiffspassage bezahlen zu können. Youssef steht am Straßenrand und hält Farbrollen in der Hand. Er ist rasch unter Dutzenden Menschen aus Subsahara-Afrika zu erkennen, die unter einer Brücke in Gargaresh südlich von Tripolis darauf warten, dass ihnen jemand kurzfristig Arbeit gibt.

Schuften für die Fahrt ins Ungewisse

Im Durchschnitt verdienen die Tagelöhner um die 20 Dinar (zwölf Euro) am Tag – wenn alles gut geht. "Vergangene Woche habe ich auf einer Baustelle zehn Stunden gearbeitet, doch am Ende nichts bekommen. Als ich protestierte, hielt man mir ein Gewehr an den Kopf und forderte mich auf, zu verschwinden", erzählt der 23-jährige Suleyman aus Mali, der Tripolis so schnell wie möglich für immer verlassen will. "Ich würde sogar lieber nach Hause zurückkehren als hier zu bleiben", meint er. "Ich gerate oft mit Milizionären aneinander, weil ich schwarz bin. Sobald ich genug Geld habe, haue ich nach Lampedusa ab."

Arbeit gibt es in Tripolis kaum, und die Konkurrenz ist groß. Immer mehr Migranten kommen in Gargaresh zusammen. Ein Platz in einem der vielen Boote, die Libyen verlassen, kostet etwa 1.000 US-Dollar. Selbst diejenigen, die den vollen Lohn für ihre anstrengende Arbeit erhalten, bräuchten Jahre, um den Betrag zu verdienen.

Ab November fahren meist keine Boote mehr, weil das Meer zu unruhig ist. "Es gibt trotzdem eine kleine Chance, noch vor Ende des Jahres wegzukommen", sagt der 27-jährige Christian. Die zunehmende Instabilität in Syrien treibe viele Migranten dazu, größere Risiken auf sich nehmen, um auch bei rauer See nach Lampedusa zu kommen.

Bereits während der Herrschaft des Diktators Muammar al Gaddafi wurde Libyen zu einem wichtigen Transitpunkt für Afrikaner, die nach Europa wollten. Gaddafi verlangte von europäischen Staaten finanzielle Gegenleistungen für Maßnahmen, den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Nachdem er 2011 gestürzt und getötet wurde, nahm die Zahl der Flüchtlinge erheblich zu. Mangelnde Sicherheitskontrollen erleichterten Menschenschmugglern die Arbeit.

"Unser größtes Hindernis sind jetzt die Wellen"

"Inmitten der wachsenden Unruhe im Land hat die derzeitige libysche Regierung zu viel zu tun, um die Küste zu überwachen. Unser größtes Hindernis sind jetzt die Wellen", erklärt ein Menschenschmuggler, der nach eigenen Angaben an jeder Überfahrt nach Lampedusa rund 20.000 Euro verdient.

Einige Flüchtlinge werden allerdings von der libyschen Küstenwache aufgegriffen. Der 21-jährige Imran kam aus Pakistan nach Libyen und trieb bis zu seiner Festnahme drei Stunden ziellos in einem Boot auf dem Meer. "Der Kapitän kannte die Route nicht", erinnert sich der junge Mann aus Kaschmir, der nach seinem ersten und bisher einzigen Versuch, Lampedusa zu erreichen, drei Monate im Gefängnis saß.

Obwohl die Haftbedingungen in Libyen hart sind, ist Imran der Ansicht, dass er Glück im Unglück gehabt hat. "Wir waren etwa 50 in einer Zelle, aber wenigstens haben die Wärter mich nie geschlagen", sagt er. "Mit den Schwarzen wurde völlig anders umgegangen. Sie wurden täglich gefoltert und geschlagen."

Viele Frauen müssten ihre Freilassung mit Sex erkaufen, so Imran. Seine Angaben werden durch einen um Juni verbreiteten Bericht der Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' erhärtet. Darin fordert Amnesty die libysche Regierung auf, die zeitlich unbegrenzte Inhaftierung von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten zu beenden. Auch Kinder werden festgehalten. Nachdem Amnesty sieben 'Auffanglager' besucht hatte, dokumentierte die Organisation mehrere Fälle von Häftlingen, darunter auch Frauen, die "brutalen Schlägen mit Wasserrohren und Elektrokabeln ausgesetzt waren".

Somalische Boote kommen nie ans Ziel

Imran hofft bald das nächste Boot besteigen zu können. Das erste Mal hatte er 300 Euro für die Überfahrt bezahlt. Doch die billigen Boote, die meist Somaliern gehören, kämen nicht an, sagt der Pakistaner, der inzwischen in einem Hotel als Reinigungskraft arbeitet. "Das nächste Mal nehme ich ein syrisches Boot."

Sein Arbeitskollege Elijah überlegt, Imran bei seinem nächsten Versuch, Lampedusa zu erreichen, zu begleiten. Bisher hatten ihn die großen Risiken von diesem Schritt abgehalten. "Auch wenn man die regulären 1.000 Dollar bezahlt hat, sieht man das Boot erst kurz vor der Abfahrt. Zurücktreten kann man dann nicht mehr", erzählt der 28-Jährige aus Arlit im Norden des Niger.

Die Migranten und auch die libyschen Fischer wissen nur zu gut, wie gefährlich es ist, in ein vollbesetztes, morsches Boot zu steigen. "Ab und zu", berichtet der Fischer Abdala Gheryani, der von Gargaresh aus zum Fischen aufs Meer fährt, "verfangen sich Leichen in meinen Netzen". (afr/IPS)

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