Libyen: Die Straßenkehrer von Tripolis

Arbeitsmigranten zwischen Hoffnung, Haft und Ausbeutung

Von Karlos Zurutuza | 12.01.2015

Tripolis. Wenn Saani Bubakar seinen Handkarren durch die Altstadt von Tripolis schiebt, ist er schon von ferne an der leuchtend orangen Arbeitskluft der Müllabfuhr zu erkennen. Seit drei Jahren sammelt er in den engen Straßen den Abfall ein. Wie Bubakar stammen die meisten Straßenkehrer aus Ländern südlich der Sahara. Sie träumen von einem besseren Leben - in ihrer Heimat oder in Europa.

Dos barrenderos de origen subsahariano acarrean sus carros de basura en la Ciudad Vieja de Trípoli, la capital de Libia. Crédito: Karlos Zurutuza/IPSMigranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara reinigen die Altstadt von Tripolis (Bild: Karlos Zurutuza/IPS).

"Ich komme ursprünglich aus einem armen Dorf in Niger, wo es kein fließend Wasser gibt", erzählt der 23-jährige in einer Pause. "Nachdem ich von Nachbarn erfahren habe, dass ihre Söhne in Libyen Arbeit gefunden haben, bin ich auch hierhergekommen."

Von den monatlich 250 libyschen Dinar (rund 154 US-Dollar), die Bubakar als Straßenkehrer verdient, schickt er die Hälfte nach Hause. Für seine Unterbringung muss er nichts bezahlen.

"Wir sind eine Gruppe aus 50 Personen, die sich ganz in der Nähe eine Wohnung teilt", berichtet Bubakar. Er möchte möglichst bald in sein Heimatland zurückkehren – nicht wegen der Arbeitsbedingungen, wie er versichert, sondern wegen der zunehmenden Unsicherheit im Lande.

Angst vor Kämpfen

Drei Jahre sind seit dem Sturz und der Ermordung des ehemaligen Machthabers Muammar Gaddafi vergangen. Seitdem ist das Land in Anarchie und Chaos abgerutscht und befindet sich am Rande des Bürgerkriegs. In Libyen gibt es derzeit zwei Parallelregierungen – eine in Tripolis, die andere in Tobruk, 1.000 Kilometer östlich der Hauptstadt. Letztere, die nach den Juniwahlen gebildet wurde, an denen sich gerade einmal zehn Prozent der Stimmberechtigten beteiligt hatten, genießt die internationale Anerkennung.

In dem nordafrikanischen Wüstenstaat treiben etliche Milizen ihr Unwesen, die sich im Grunde zwei verschiedenen paramilitärischen Bündnissen zuordnen lassen: 'Fajr' ('Morgengrauen' auf Arabisch) wird von den Misrata-Brigaden angeführt, die Tripolis kontrollieren. 'Karama' ('Würde') steht unter dem Kommando des ehemaligen Armeegenerals Khalifa Haftar, der in Tobruk stationiert ist.

Die Bevölkerung und insbesondere auch die Arbeitsmigranten bewegen sich zwischen den Fronten. "Ich habe Angst, nachts zu arbeiten, weil die Kämpfe meist nach Sonnenuntergang anfangen", berichtet Odar Yahub, einer von Bubakars Zimmergenossen. Der 22-Jährige will erst dann in den Niger zurück, wenn er genug verdient hat, um heiraten zu können.

Doch das könnte erst später der Fall sein. "Seit vier Monaten warten wir auf unseren Lohn", sagt Yahub. "Eine Erklärung, warum das so ist, haben wir nicht erhalten." Die meisten Straßenkehrer stammen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara, aber auch aus Bangladesch. Einer von ihnen ist Aaqib, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Seit vier Jahren fegt er die Straßen von Souk al Juma, einem Viertel im Osten der Hauptstadt, um den größten Teil seines Verdienstes heimzuschicken. Doch auch er hat seit vier Monaten keinen einzigen Dinar gesehen.

"Klar träume ich davon, nach Europa zu gehen. Und natürlich weiß ich, dass unzählige Menschen im Meer ertrinken", meint der 28-jährige Aaqib. "Deshalb würde ich nur mit einem gültigen Visum und im Flugzeug nach Europa gehen."

Alle Straßenkehrer aus dem Ausland

Mohamed Bilkhaire ist seit drei Monaten Arbeitsminister der Regierung in Tripolis. Wie er von seinem Büro im Osten der Stadt aus erklärt, besteht für ihn kein Widerspruch in der von ihm mit 35 Prozent angegebenen Arbeitslosenrate und der Tatsache, dass alle Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr Ausländer sind.

"Für die Araber hier und in anderen Ländern wie Ägypten, Jordanien und dem Irak, kommt es aus sozioökonomischen Gründen nicht in Frage, die Straßen zu kehren. Für den Job brauchen wir Ausländer", sagt er. Der Mindestlohn liege bei 450 libyschen Dinar. Subunternehmen, die ihren Beschäftigten weniger bezahlten, müssten mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen. Bilkhaire zufolge werden die Ausweispapiere der Arbeitsmigranten "vorübergehend" einbehalten, "weil die meisten nach Europa übersetzen wollen".

Wie aus Informationen (*.pdf) von FRONTEX, der Grenzkontrollorganisation der Europäischen Union, hervorgeht, stammen 27.000 der mehr als 42.000 Menschen, die in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres die italienische Küste erreichten, aus Libyen.

Folter in den Haftzentren

Tausende werden in libyschen Haftzentren festgehalten, wo ihnen Misshandlung und Folter drohen, heißt es in einem im Juni veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation 'Human Rights Watch'. So würden sie geschlagen, mit Elektroschockern traktiert und unter Wasser gedrückt.

"Häftlinge haben uns geschildert, wie männliche Wachen Leibesvisiten bei Frauen und Mädchen durchgeführt und Männer und Knaben brutal angegriffen haben", berichtet Gerry Simpson, ein Flüchtlingsexperte, in dem gleichen Bericht.

Ausländische Arbeitskräfte werden von ihren Arbeitgebern oftmals gnadenlos ausgebeutet. Dazu meint die Libyen-Expertin von HRW, Hanan Salah, dass der Zusammenbruch des Rechtssystems in vielen Regionen verhindere, dass Verstöße gegen Vertragsbedingungen gerichtlich geahndet werden könnten.

Shokri Agmar, ein Anwalt aus Tripolis, spricht von einer vollständigen und absoluten Schutzlosigkeit der Migranten. "Das größte Problem für ausländische Arbeitnehmer in Libyen besteht auch darin, dass sie keine eigene Miliz im Rücken haben, die sie verteidigt."

Sein Büro befindet sich in Gargaresh, im Westen von Tripolis, in dem viele Arbeitsmigranten in der Hoffnung, dass ihnen ein Job – etwa auf dem Bau – angeboten wird, zusammenkommen.

Aghedo ist vor drei Wochen aus Nigeria nach Tripolis gekommen. Für den 25-Jährigen ist Libyen nur ein Zwischenstopp nach einer langen Odyssee durch die Sahara. Er will die gefährliche Seereise nach Italien wagen. "Es gibt Tage, an denen wir für unsere Arbeit gar nicht bezahlt werden. Und dann kommt es vor, dass wir 100 Dinar verdienen", berichtet er.

Der junge Mann ist bei der Jobsuche ständig auf der Hut, dass er nicht die Pickups potenzieller Arbeitgeber mit denen der lokalen Milizen verwechselt. Denn das könnte fatale Folgen haben – etwa die Festnahme und Überführung in eines der berüchtigten Haftzentren.

"Ich weiß, dass ich hier als Straßenkehrer Arbeit finden könnte", sagt er. "Doch ich will in kürzester Zeit möglichst viel Geld verdienen", sagt er. "Ich will endlich nach Europa." (afr/IPS)

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