Liberia: Wirtschaft und Nachhaltigkeit

Ehemaliges Bürgerkriegsland vor schwierigem Drahtseilakt

Von Travis Lupick | 28.06.2012

Monrovia. Tief im Wald des Verwaltungsbezirks Gbarpolu im Nordwesten Liberias arbeiten mehrere Männer in einer offenen Goldmine. Auf die Frage, was aus dem Gelände werden wird, wenn sie die Reserven ausgebeutet haben, reagieren sie mit einem verlegenen Lachen. Schließlich ergreift Gbessay Musa das Wort. "Wenn hier nichts mehr zu finden ist, gehen wir halt woanders hin", sagt er. "Das Land bleibt dann so zurück."

Glücklich über die willkommene Pause nach stundenlanger Arbeit unter sengender Sonne, albern die Männer herum. Ihnen ist anzusehen, dass sie nicht so recht wissen, was man von ihnen hören will. "Die Leute hier kommen schon über die Runden", sagt Musa unsicher. Und er macht klar, dass es ihm und den anderen Männern vor allem darum geht, ein Auskommen zu finden.

Dass es dem zugewanderten Sierraleoner egal ist, was aus dem Waldgebiet wird, in dem sie nach Gold schürfen, kann man ihnen nicht verdenken. Nach 14 Jahren Bürgerkrieg, der 2003 zu Ende ging, sind die Möglichkeiten in Liberia, einen Job zu finden, begrenzt. Der bewaffnete Konflikt hat das westafrikanische Land rundum zerstört.

Wie aus einem im März vergangenen Jahres veröffentlichten Bericht der Weltbank hervorgeht, liegt die Energie-Infrastruktur am Boden, und der Anteil der Menschen, die Zugang zu Leitungswasser haben, ist von 15 Prozent im Jahr 1986 auf weniger als drei Prozent im Jahr 2008 gesunken. Auch das Straßennetz ist in einem desolaten Zustand.

Zwischen den Stühlen

Zu sagen, dass sich die Regierung Liberias mit einer Vielzahl konkurrierender Prioritäten herumschlagen muss, ist eine Untertreibung. "Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist eine echte Herausforderung", sagt Anyaa Vohiri, die als Exekutivdirektorin der liberianischen Umweltschutzbehörde EPA Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung des Landes trägt.

"Zunächst geht es darum, dass die unmittelbaren Bedürfnisse befriedigt werden", sagt sie. "Uns von der EPA ist natürlich klar, dass wir Wirtschaftswachstum brauchen. Doch müssen wir dafür sorgen, dass wir uns nicht ins eigene Knie schießen."

Am 25. Mai hatte die liberianische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf auf dem Afrikanischen Nachhaltigkeitsgipfel in Gaborone, Botswana, erklärt, dass die Lösung der unmittelbaren Probleme und die langfristige nachhaltige Entwicklung ihres Landes Priorität haben müssen. Sie warnte vor möglichen wirtschaftlichen Schnellschüssen zu Lasten der natürlichen Ressourcen. Darüber hinaus erklärte sie, dass die politischen Entscheidungsträger des schwarzen Kontinents bei der Planung und Umsetzung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums die Zukunft Afrikas nicht aus den Augen verlieren dürften.

"Wie können wir sicherstellen, dass wir unsere Gewässer, Wälder, Fischbestände und andere Ökosysteme nicht übernutzen, nur weil wir mehr Krankenhäuser und Schulen brauchen?", fragte das erste weibliche Staatsoberhaupt der Region ihre afrikanischen Amtskollegen. "Entwicklung und Umweltschutz müssen mit unseren Aktionsplänen Hand in Hand gehen."

Die Erklärung von Gaborone zum Abschluss des zweitägigen Gipfeltreffens in Botswana betont die Notwendigkeit, gemeinsam aktiv zu werden, damit die Erde auch weiterhin in der Lage ist, die Menschen zu versorgen und das Wohlergehen der künftigen Generationen zu sichern.

"Was wir der Welt zu bieten haben, ist unser Artenreichtum", betonte Anyaa Vohiri. "Wenn wir aber nicht die internationale Unterstützung bekommen, unsere Ressourcen nachhaltig zu verwalten, kommen wir in Schwierigkeiten. Dann hat die gesamte Welt ein Problem."

Düstere Aussichten

Nach Angaben der EPA werden die Temperaturen in Liberia bis zum Jahr 2100 um zwei bis vier Grad Celsius ansteigen. Aus einer Präsentation der Behörde geht hervor, dass der Klimawandel die Niederschlagsmuster in dem westafrikanischen Land verändern und Tropenstürme, einen Anstieg des Meeresspiegels und Überschwemmungen in den Küstenregionen zur Folge haben wird.

Im August 2010 hatte das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) in einem Bericht darauf hingewiesen, dass Liberia schon jetzt die Auswirkungen der Erderwärmung zu spüren bekomme. Sie zeigten sich in einer Verringerung des Nährstoffgehalts der Böden, Temperaturschwankungen, veränderten Niederschlagsmustern und Hitzewellen. Die Studie unterstreicht ferner, dass 70 Prozent der liberianischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig und somit den Auswirkungen des Klimawandels, was Agrarproduktion und Viehzucht anbetrifft, in besonderem Maße ausgeliefert sind.

Eine erklärte Verfechterin von Klimaanpassungsmaßnahmen ist Sieane Abdul-Baki aus dem Ministerium für Frauen und Entwicklung. Ihr zufolge müssen die dramatischen Folgen des Klimawandels gerade für Frauen und Kinder besonders berücksichtigt werden.

Abdul-Baki erinnert daran, dass in den Entwicklungsländern weitgehend Frauen diejenigen sind, die für die Nahrungsmittelproduktion und Wasserbeschaffung verantwortlich seien. "Frauen treffen in der Regel die Entscheidung, welche Energiequellen genutzt werden, um Licht in ihre Hütten zu bringen. Ihre Wahl hat Folgen für die Zukunft unserer Wälder. deshalb sollten wir sie über Folgen ihres Tuns aufklären, um das Schlimmste zu verhindern." (afr/IPS)

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