Liberia: Wenn das Meer kommt

Slumbewohner brauchen eine neue Bleibe

Von Wade C. L. Williams | 09.07.2014

Monrovia. Mary B. (Name von der Redaktion geändert) besaß einst einen Laden in West Point, einem dichtbesiedelten Elendsviertel in Liberias Hauptstadt Monrovia. Nicht weit vom Meer entfernt verkaufte sie dort alkoholische Getränke. Doch weil im Mai der immer zudringlicher werdende Atlantik die Küstenregion des westafrikanischen Landes überspülte, ist sie nun mittel- und obdachlos.

"Wenn einem der Vermieter die Wohnung kündigt, bleibt einem noch genug Zeit, die Sachen zu packen und eine andere Bleibe zu suchen", sagt die junge Frau. "Doch das Meer gibt nicht Bescheid, bevor es kommt."

In der Slum-Siedlung West Point, die auf einer Halbinsel zwischen den Flüssen Mesurado und St. Paul liegt, leben etwa 75.000 Menschen in Hütten, die größtenteils aus Zinkblechen bestehen. Mary B. erzählt, sie habe das Stück Land von einem Siedlungsbevollmächtigten für umgerechnet 130 US-Dollar gekauft und darauf ihren Laden errichtet. Den Behörden zufolge besitzen die meisten Slumbewohner allerdings keine formellen Besitzurkunden. Sie können aber eine Genehmigung beantragen, die ihnen ein gewisses Bleiberecht einräumt.

Seit geraumer Zeit hoffen die Menschen in West Point darauf, dass sie angesichts der fortschreitenden Küstenerosion an einen anderen und sicheren Ort umgesiedelt werden.

Auch Sandabbau treibt Erosion voran

Aus einem 2008 veröffentlichten Bericht der US-Entwicklungsbehörde USAIDS über die Umweltrisiken in Liberia geht hervor, dass die Küstenstreifen in mehreren Städten des Landes, darunter Buchanan, Greenville, Harper und Robertsport, immer schmaler werden. Dafür ist allerdings zu einem großen Teil auch der Sandabbau an den Stränden verantwortlich.

Mohammed Carew Alias Kaddafi, Vater von sechs Kindern, verlor bei einem Sturm seinen kleinen Lebensmittelladen in West Point. "Wir waren im Geschäft, als das Wasser mit aller Wucht anlandete und alles vernichtete", berichtet er. Bereits 2007 hatte der gelernte Tischler ein Haus an die Fluten verloren. Kaddafi würde den Ort sofort verlassen, doch die Regierung hat einem Umzugsplan bisher nicht zugestimmt.

In West Point leben viele arme Menschen, die sich die hohen, in US-Dollar berechneten Mieten in Monrovia nicht leisten können. Ein kleines Apartment mit zwei Schlafräumen kostet im Monat 150 Dollar. Vom Staat finanzierte Sozialwohnungen gibt es nicht. Wie das Bauministerium erklärt, ist eine Umsiedlung von mehr als 75.000 Menschen nicht geplant.

Laut der liberianischen Umweltbehörde EPA ist die Regierung allerdings beunruhigt über die voranschreitende Bodenerosion in West Point und anderen Gemeinden. "In Liberia verursacht der Klimawandel eine gravierende Küstenerosion", so EPA-Direktor Stephen Neufville.

Finanzierung lässt auf sich warten

West Point und andere Siedlungen am Rande von Monrovia könnten zwar theoretisch von der zweiten Phase eines Resilienzprojektes profitieren. Doch ist nicht klar, wann sie anlaufen wird. "Alles hängt davon ab, wann wir die nächsten Finanzmittel erhalten", so Neufville. Mit den bisher bereitgestellten Geldern werden Vorkehrungen in Buchanan getroffen. Die Arbeiten dauern an.

Das vom UN-Entwicklungsprogramm UNDP und der Regierung Liberias in Gang gesetzte Projekt soll die Küstengemeinden in drei Bezirken resistenter gegen die Folgen der Erderwärmung machen. Vorgesehen ist der Bau von Wellenbrechern, die die Küsten vor Erosion schützen sollen.

Viele Anwohner befürchten jedoch, dass die Maßnahmen zu langsam umgesetzt und sie ihre Existenzgrundlagen verlieren werden. "Denn für uns in West Point", betont Mary B., "ist das Meer unser eigentlicher Vermieter". (afr/IPS)

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