Liberia: Entwicklung geht an Bevölkerung vorbei

Proteste gegen UN-Treffen in Monrovia

Von Wade C. L. Williams | 06.02.2013

Monrovia. Fatou Nernee durchwühlt die Trümmer ihres Hauses, das die Behörden in Monrovia mit Bulldozern niederwalzen ließen. Sie will einige persönliche Dinge zum Andenken an ihr Heim retten, in dem sie 20 Jahre lang gewohnt hatte. "Gestern haben sie mein Haus abgerissen", klagt Nernee. "Die Polizei hat meinen Bruder festgenommen und auf die Wache mitgenommen."

Außer ihr hätten auch viele andere Einwohner von Monrovia im Zuge einer großen Aufräumaktion ihr Dach über dem Kopf verloren, berichtet Nernee. Anlass war die fünftätige Tagung des hochrangig besetzten UN-Ausschusses (HLP), dem die liberianischen Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, der britische Premierminister David Cameron und der indonesische Staatschef Susilo Bambang Yudhoyono angehören und der bis zum 2. Februar in der Stadt über die globale Entwicklungsagenda ab 2015 beraten hat.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erwartet von den drei Politikern Empfehlungen dazu, wie die Millenniumsentwicklungsziele, die 2000 mit Blick auf 2015 entworfen worden waren, über dieses Jahr hinaus weiterverfolgt werden können. Die Zusammenkunft in Monrovia ist das dritte von vier geplanten HLP-Treffen, von denen das erste im vergangenen September in New York stattfand.

Der Ausschuss sucht nach Wegen, um einen breiten politischen Konsens über die Entwicklungsagenda ab 2015 zu erreichen. Im Zentrum stehen drei Themen: Wirtschaftswachstum, soziale Gleichheit und ökologische Nachhaltigkeit.

Monrovia will sauberste Stadt Westafrikas werden

Nernee und die Bewohner von mehr als einem weiteren Dutzend zerstörter Wohn- und Geschäftsgebäude in der 24. Straße, die etwa zehn Blocks von dem Tagungshotel entfernt sind, sehen sich von der Regierung ungerecht behandelt. "Es ist nicht einfach, hier in der Stadt Mietwohnungen zu finden. Viele Leute sind jetzt obdachlos", sagen sie.

Liberia ist ein Land, in dem sich die Herausforderungen an die globale Entwicklung besonders deutlich manifestieren. Die Infrastruktur und die politischen Institutionen wurden während der zwei Bürgerkriege zerstört, die von 1989 bis 1996 und von 1999 bis 2003 dauerten. Sie zählen zu den blutigsten Konflikten auf dem Kontinent.

Der westafrikanische Staat befindet sich erst in den Anfangsphasen des Wiederaufbaus. Es mangelt an Strom, und der Zugang zu preisgünstiger Energie bleibt ein Problem. Nach Erkenntnissen des UN-Entwicklungsprogramms UNDP haben etwa 85 Prozent der schätzungsweise 4,2 Millionen Einwohner Liberias keine Arbeit.

Das staatliche Statistikamt spricht zudem davon, dass 77,9 Prozent der Erwerbstätigen unter prekären Bedingungen arbeiten. Dies trifft etwa auf Selbstständige oder Beschäftigte zu, die keine dauerhaften Jobs haben. Sirleaf betont, dass ihre Regierung seit der Amtsübernahme 2006 erhebliche Fortschritte erzielt habe.

Laut der Regierung ist das Land auch im Bereich Gesundheitsversorgung vorangekommen. Auch die Vereinten Nationen berichteten, dass sich die Zahl der Frauen, die während der Schwangerschaft oder der Geburt eines Kindes sterben, in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert hat. Dennoch verzeichnet Liberia mit 994 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten nach wie vor eine der weltweit höchsten Müttersterblichkeitsraten.

Liberia gelte wieder als "guter Nachbar in der Region", der verlässlich zum internationalen Frieden und zur Sicherheit beitrage, sagte Sirleaf am 28. Januar vor Parlamentsabgeordneten. Außerdem würden zunehmend Investoren angezogen. Das Land sei sicherer und stärker geworden.

Proteste gegen Vernichtung von Wohnraum und Jobs

Auf der Straße protestierten hingegen diejenigen Menschen, denen die Entwicklung zu schleppend vorangeht. "Wir sind gekommen, um die Gäste des Treffens darüber zu informieren, dass nicht alles in Liberia gut läuft. Die Regierung hat es fertiggebracht, dass viele Leute ohne Obdach und Arbeit sind", kritisierte Julius T. Dweh Jessen III., der sich an einer Demonstration beteiligte.

Die 74-jährige Ma Mary Frederick, deren Mann im Bürgerkrieg getötet wurde, stand mit einem Transparent in der sengenden Sonne. Sie forderte, dass ihr die Prämie für die militärischen Verdienste ihres Mannes ausgezahlt werde. Auch wenn Sirleaf inzwischen zum zweiten Mal gewählt worden sei, die Bevölkerung habe nichts davon, beschwerte sie sich. "Jeden Tag stehen wir in der Sonne, und die Polizei schlägt uns. Ich habe nichts, meine Enkel können nicht zur Schule gehen."

Während einige Demonstranten an dem Nutzen der UN-Beratungen zweifelten, sieht der Ökonom Sam Jackson darin eine Chance für Liberia, seine seit Kriegsende erreichten Fortschritte zu präsentieren und die Entwicklungsagenda zu gestalten. "In einem Land, das Bürgerkriege hinter sich hat, gibt es viele Entwicklungsprobleme. Daher ist es wichtig, dass Friedens- und Sicherheitsfragen Teil der neuen globalen Agenda werden." (afr/IPS)

| Tags: , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus