Liberia: Bitteres Palmöl

Pachtvertrag für britisches Unternehmen erbost Landbevölkerung

Von Wade C. L. Williams | 10.06.2013

Boegbor. Sackie Qwemie ist vor drei Jahren vom Landbesitzer zum Landarbeiter mutiert. Ausgerechnet bei 'Equatorial Palm Oil' (EPO), der britischen Firma, die ihm seine Anbaufläche im Grand Bassa County im Nordwesten Liberias genommen hat, steht er in Lohn und Brot, nachdem die Regierung in Monrovia mit dem Unternehmen einen 50-jährigen Pachtvertrag abgeschlossen hat.

Qwemies Job ist alles andere als angenehm, doch gibt es für ihn keine Wahl, wie er sagt. Dass er vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, erbost ihn bis heute. "Alles, was ich auf meinem Feld gepflanzt hatte wie Paprika und Kassava wurde niedergewalzt", erzählt er. "Ich kam gerade aus dem Krankenhaus, als ich von dem Verlust meines Landes erfuhr. Seitdem bin ich nicht mehr da gewesen."

Der Regierung wirft Qwemie vor, Konzerninteressen über die der Bevölkerung zu stellen. Das, was man bei EPO verdienen könne, reiche zum Leben nicht aus. "Was wir einst selbst angebaut haben, müssen wir jetzt kaufen", kritisiert er. "Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann doch nicht gegen ein Unternehmen vorgehen, das über eine Konzession der Regierung verfügt."

EPO hat bereits 34.398 Hektar Land gerodet. Der auf 50 Jahre ausgelegte Pachtvertrag war 2011 gesetzlich abgesichert worden, und die ersten Ölpalmen wurden gepflanzt. Vor noch nicht allzu langer Zeit begann der Konzern damit, seine Aktivitäten auf den Vierten Bezirk von Grand Bassa auszuweiten, was die Menschen vor Ort nur noch zorniger macht. Viele von ihnen leisten Widerstand.

"Sie rückten hier an, zerstörten unseren Busch, unsere Lebensgrundlage. Selbst unser Bach und unser Trinkwasser sind geschädigt", empört sich Joe Bah, der Vorsteher von Boegbor. Wie er berichtet, wurden die Bauern über die Leasing-Pläne der Regierung nicht informiert. EPO sei mit Bulldozern angerückt, die selbst die heiligen Stätten nicht verschont und auch die Gummibäume niedergewalzt hätten. "Wir haben kein Land mehr, auf dem wir Gemüse für den Eigenbedarf ziehen könnten", sagt er.

Hohe Chiefs instrumentalisiert

Die lokale Bevölkerung wirft der Regierung ferner vor, den Leiter des Nationalen Traditionsrats, Chief Zanzan Kawar, für ihre Zwecke einzuspannen. Wenn Kawar in die Dörfer von Grand Bassa komme, dann meist in Begleitung der Zoe, der hohen Priester, denen übernatürliche Kräfte nachgesagt werden, heißt es. "Vor den Zoe haben die Menschen Angst. Diese nutzen ihren enormen Einfluss aus, um die Menschen einzuschüchtern und mundtot zu machen." Gegner der EPO-Expansionspläne werden von Gemeindeältesten, die hohe Regierungsämter bekleiden und mit den Unternehmensmanagern kooperieren, angegangen.

"Die jungen Leute, Frauen und Chiefs wurden über die Expansionspläne nicht ins Bild gesetzt", schimpft der Jugendführer des Bezirks, Isaac Gartaryon. "Also haben wir dagegen protestiert. Doch der Nationale Traditionsrat beharrt darauf, dass die Staatspräsidentin der Republik Liberia das Land EPO überlassen habe. "Jeder, der sich gegen die Entscheidung auflehnt, wird festgenommen."

EPO insistiert ihrerseits, dass sie das Land von der Regierung 2008 gepachtet hat. Derzeit bewirtschaftet die Firma nach eigenen Angaben nur 13.000 Hektar Land. Bisher habe der Widerstand der Lokalbevölkerung verhindert, das gesamte geleaste Land in Betrieb zu nehmen, so das Unternehmen.

Den Vorwurf der Gemeinde, nicht zu Rate gezogen worden zu sein, wies Thomas Borshua Jr., der Bilanzbuchhalter von EPO zurück. "Es ist zu zahlreichen Treffen mit den Chiefs der Stadt und der umliegenden Dörfer gekommen", versichert er. Natürlich habe man nicht mit einzelnen Bauern gesprochen, sondern mit deren Führern, die man der Firma als zuständige Ansprechpartner vorgestellt habe.

Doch tatsächlich sind auch außerhalb der 13.000 Hektar Land Traktoren der Firma und frisch geschlagene Bäume zu sehen. "Wir werden ihnen die Stirn bieten. Und wir meinen es ernst", versichert Gartaryon. Für die Gegner geht es um den Schutz ihres Kollektivlandes.

Liberias Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf erkärte am 17. Mai bei einem US-Besuch gegenüber 'Reuters Insider', dass die Regierung das derzeitige Landproblem in Angriff nehmen werde. Dass die Gemeinden Rechte hätten, stehe außer Frage. "Doch selbst wenn wir in Fällen, in denen sie nicht über Möglichkeiten zur Nutzung von Land verfügen, Konzessionen aushandeln, werden sie in Form von Wohnraum, Arbeitsplätzen und Sozialleistungen begünstigt", versicherte sie.

Liberianische Menschenrechtsorganisationen wie das Institut für nachhaltige Entwicklung (SDI) meinen, dass die Regierung ihren Worten die richtigen Taten folgen lassen sollte. "Die Landfrage in Liberia geht über rechtliche Belange weit hinaus. Es geht um die Lebensgrundlage der Gemeinden in den ländlichen Gebieten", meint SDI-Sprecherin Nora Bowier. "Wenn die Regierung den Menschen riesige Landflächen wegnimmt und diese den Multis überlässt, ohne den Betroffenen bessere Einkommensalternativen anzubieten, nimmt sie ihnen ihr Recht auf Leben und verschlimmert die Armut." (afr/IPS)

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