Liberia: Baby Blues

Schwangere werden aus Schulen geworfen

Von Winston Daryoue | 12.07.2012

Gbarnga. Patricia Kollie sollte in diesem Moment eigentlich in der Schule sein. Stattdessen ist sie zu Hause und zerstampft Maniokblätter in einem hölzernen Mörser. Ihr Körper ist ein wenig aufgedunsen, ihr Kleid sitzt am Bauch besonders straff. Weil sie schwanger wurde, musste sie im Juni die Schule verlassen.

Kollie lebt nahe der Lutherischen St.-Mark-Schule in Gbarnga, einer kleinen Stadt im Verwaltungsbezirk Bong, 164 Kilometer von der liberianischen Hauptstadt Monrovia entfernt. Sie ist mit ihren 21 Jahren zu alt für die 11. Klasse. Doch während des 14-jährigen Bürgerkriegs in dem westafrikanischen Land, der 2003 zu Ende ging, war das Bildungssystem zusammengebrochen. Das Kriegsende hätte Kollie die Möglichkeit auf eine Schulbildung geben sollen.

"Wir wurden zu viert ins Büro des Schulleiters gerufen. Es hieß: 'Ihr seid schwanger, geht nach Hause. Ich kann euch nicht in meiner Schule dulden'", erzählt Kollie. Sie hatte den Schulleiter Peter Jutee angefleht, wenigstens das Schuljahr beenden zu dürfen, doch der lehnte ab. "Artikel 10,2d der Schulordnung besagt, dass wir Schwangere nicht in der Schule behalten dürfen. Wenn das Kind da ist, können sie wiederkommen", sagt Jutee.

Das liberianische Schulgesetz macht keine Angaben darüber, wie die Bildungseinrichtungen mit schwangeren Frauen verfahren sollen. Dabei gehört Liberia zu den Ländern mit den höchsten Teenager-Schwangerschaftsraten weltweit. Laut 'Save the Children' bekommt eine von drei Frauen in Liberia noch vor ihrem 20. Lebensjahr das erste Kind.

Doch Schwangerschaft ist nur eines von vielen Problemen, die junge Frauen in dem afrikanischen Land vom Schulbesuch abhalten. Frauen in ländlichen Gebieten liegen noch weitaus mehr Hindernisse im Weg, darunter traditionelle Praktiken. Auch gibt es auf dem Land weniger Schulen.

Im April wurden mehr als 100 Mädchen im Mah-Distrikt im Verwaltungsbezirk Nimba im Norden Liberias aus den Schulen genommen, um sie dem traditionellen Initiationsritus zu unterziehen. Sie sollten beschnitten und für das Eheleben vorbereitet werden. Daraufhin wurde schließlich die komplette Schule in Mah geschlossen. Die Lehrer wurden an andere Schulen verwiesen.

Staatspräsidentin für Frauenbildung

Dabei sind Frauen für die Entwicklung Liberias unersetzlich, wie die Regierung betont. Bei der Vorstellung des Berichts zur nationalen Politik für die Ausbildung von Mädchen im April 2006 sagte Ellen Johnson Sirleaf, das erste weibliche Staatsoberhaupt Liberias und ganz Afrikas: "Die Ausbildung von Mädchen wird der Meilenstein für die Entwicklung Liberias." Die Förderung der Mädchenbildung müsse zur gemeinsamen Vision werden, um die Menschheit von Armut, Diskriminierung und Krankheiten zu befreien.

Sirleaf führte verpflichtenden und kostenlosen Grundschulbesuch ein, um das zweite der UN-Millenniumsentwicklungsziele (MDG) zu erreichen, nach dem bis 2015 alle Kinder in den Genuss einer Grundschulbildung kommen sollen. Erste Erfolge hat die Initiative auf jeden Fall erzielt: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Kinder, die die Schule besuchen, um 50 Prozent gestiegen. Allerdings lässt die Qualität zu wünschen übrig: Die Schulen sind oft zu klein für die Zahl der Kinder. Auch sind die Lehrer häufig nicht gut genug ausgebildet oder werden nur stundenweise angestellt.

Schwanger werden, um Schulgeld bezahlen zu können

Kollies Fall gibt die Situation von Frauen in Liberia, die eine Ausbildung absolvieren möchten, gut wieder. Ihrer Aussage nach wurde sie schwanger, weil sie auf die finanzielle Unterstützung des Vaters ihres zukünftigen Kindes angewiesen war.

Ironie des Schicksals: Weil Kollie nun das Kind des Mannes austrägt, der ihre Schulgebühren bezahlt hat, darf sie nicht länger am Unterricht teilnehmen. Die Gebühren betragen rund 7.000 liberianische Dollar im Monat (92 US-Dollar). Das entspricht ungefähr dem Monatsgehalt eines Soldaten der liberianischen Armee.

Einer Studie von Save the Children zufolge haben vier von fünf Mädchen in Liberia bereits ihre Liebesdienste angeboten, um von dem damit erwirtschafteten Geld ihren Schulbesuch zu ermöglichen.

Es kommt auch vor, dass sich junge Frauen für gute Noten prostituieren. In einem Bericht von 'Action Aid Liberia' von 2011 heißt es, dass viele von ihren Lehrern oder von Dozenten belästigt werden. Die Praxis, Noten gegen Sex einzutauschen, sei an den drei Top-Universitäten Monrovias weit verbreitet. (afr/IPS)

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