Liberia: Ackerfräse statt Maschinengewehr

Landwirtschaft bietet Jugendlichen eine Zukunft

Von Travis Lupick und Al-Varney Rogers | 20.06.2012

Monrovia. Mit seinem Outfit – ausgebeulten Shorts, Baseball-Cap und Goldkettchen über dem T-Shirt – unterscheidet sich Junior Toe nicht von den arbeitslosen jungen Leuten, die auf Monrovias Straßen herumlungern. Doch mit dem Leben in der liberianischen Hauptstadt hat der Agrartechniker nichts im Sinn. Er sieht die Zukunft des westafrikanischen Landes in der Landwirtschaft, wo es Jobs und eigenständige Existenzen gibt.

"Diese Paprikasamen brauchst du nur auszusäen und ein paar Mal zu gießen, und bald verdienst du damit Geld", erklärt Junior Toe einem seiner Schüler. Der Gründer und Leiter des 'Community Youth Network Program' (CYNP) bildet seit 2007 junge Leute in Ackerbau und Viehzucht aus.

Nach Bürgerkrieg (1989-2003), Landflucht und Misswirtschaft hat Liberia mehr Engagement in der Landwirtschaft bitter nötig, denn das Land ist von einer gesicherten Nahrungsmittelversorgung noch weit entfernt. Laut UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) sind 30 Prozent des Bodens landwirtschaftlich nutzbar, und fast 90 Prozent der Anbauflächen erhalten ausreichend Regen. Dennoch ist in diesem Jahr die Ernährung von 60 Prozent aller Liberianer nicht gesichert, wie dem Liberianischen Ausblick für Ernährungssicherheit für 2012 zu entnehmen ist.

Eine Untersuchung der Weltagrarorganisation (FAO) von 2009 hat ergeben, dass sich zwischen 1987 und 2005 die Produktion des Grundnahrungsmittels Reis um 76 Prozent verringert hatte. "In jüngster Zeit hat sich die landwirtschaftliche Produktion allmählich erholt, doch die Erträge liegen unter dem regionalen Durchschnitt und die Reisernte reicht knapp für 40 Prozent der fast vier Millionen Liberianer", heißt es in dem Bericht.

Projekte der Vereinten Nationen, mit denen ehemalige junge Kämpfer sozial reintegriert werden sollten, gelten als gescheitert. Auch Toe hatte ein einwöchiges Demilitarisierungsprogramm durchlaufen und berichtete: "Viele Leute konnten es gar nicht für sich nutzen", berichtet er. "Die Männer waren traumatisiert. Sie konnten mit Waffen umgehen und waren es gewohnt, sich alles zu nehmen, was sie wollten."

Deshalb beschloss Toe 2007, eine eigene landwirtschaftliche Initiative zu gründen. Die Voraussetzungen waren vielversprechend, denn der Boden ist fruchtbar und das feucht-warme Klima sorgt für ergiebige Ernten.

CYNP unterhält inzwischen in Bensonville im Distrikt Montserrado eine knappe Autostunde nordöstlich von Monrovia entfernt ein Ausbildungszentrum. Auf acht Farmen bewirtschaften ehemalige Kursteilnehmer und Partner eigenes oder kommunales Land. Das 'Young Farmers Forum' vernetzt die jungen Farmer und bemüht sich um weitere Teilnehmer.

500 ausgebildete Jungfarmer

Nach Toes Angaben beteiligen sich derzeit in Bensonville etwa 100 Jugendliche an einer halbjährigen Ausbildung, und bis zu 500 ehemalige Schüler arbeiten auf kommunalen Farmen.

In einem Interview mit IPS verwies Liberias Vizeminister für die Entwicklung der Jugend, Sam Hare, auf Zahlen der US-Entwicklungsbehörde USAID, denen zufolge sich in seinem Land nur drei Prozent der jungen Leute für die Landwirtschaft interessieren. Das ändere sich jedoch allmählich, betonte er.

"Wir haben erkannt, dass die Landwirtschaft uns helfen kann, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen", sagte er. "Gemeinsam mit dem Agrarministerium und anderen Interessenten wollen wir jungen Menschen klarmachen, dass ihnen die Landwirtschaft zu Wohlstand verhelfen kann, wenn sie sie wie ein Unternehmen betreiben."

Die Ausbildungsziele müssten neu ausgerichtet werden und sich an den realen Bedürfnissen des Landes orientieren, erklärte der Vizeminister. "Damit rücken Jugend und Landwirtschaft in den Mittelpunkt."

Um die Landwirtschaft für junge Leute attraktiver zu machen, müsse man für Arbeitserleichterungen sorgen, empfiehlt der FAO-Mitarbeiter Joseph Boiwu. 2010 hatten FAO und andere Partner in den Distrikten Bong, Lofa und Nimba kleinen Grupen von Farmern 24 Motorfräsen zur Verfügung gestellt. Traktoren und schweres Ackergerät sollen folgen.

Prince Sampson, der in Bong die Aktion 'Jugend für Entwicklung und Fortschritt' leitet, hat wie Toe aus den Misserfolgen der Umschulungskurse gelernt. "Die ehemaligen Kämpfer wurden zu Handwerkern wie etwa Tischlern oder Maurern ausgebildet, doch danach gab es für sie nichts zu tun. Als Farmer jedoch essen sie nun den Reis, den sie selbst angebaut haben, verkaufen eigenes Gemüse und teilen den Erlös untereinander auf. Sie begreifen, dass sie trotz der während des Kriegs verschwendeten Jahre in der Zukunft noch viel nützliche Arbeit leisten werden." (afr/IPS)

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