Kenia: Wirtschaftlich auf einem guten Weg

Terroranschläge, Arbeitslosigkeit und Klimawandel verlangsamen aber das Wachstum

Von Miriam Gathigah | 17.11.2014

Nairobi. Jedes Jahr im Dezember besteigen Lucy Mwende und ihre beiden Kinder den Nachtbus, um sich zu Kenias weißen Sandstränden am Indischen Ozean transportieren zu lassen. Doch diesmal bleibt die Familie zu Hause in der Hauptstadt Nairobi. "Denn überall dort, wo viele Menschen sind, könnten Terroranschläge stattfinden", begründet Mwende die Entscheidung.

About 60 percent of Kenya’s power is hydroelectric, however, the supply is unsteady. Credit: Isaiah Esipisu/IPSKenia strebt ein Wirtschaftswachstum im zweistelligen Prozentbereich an. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen noch zahlreiche Probleme gelöst werden. (Bild: Isaiah Esipisu/IPS)

Die bislang letzten bewaffneten Überfälle ereigneten sich am 2. November und richteten sich gegen eine Kaserne in der Hafenstadt Mombasa und eine Polizeistation in der Küstenstadt Malindi. Bei den Angreifern soll es sich um Mitglieder der Separatistengruppe 'Republikanischer Rat von Mombasa' (MRC) handeln.

Tourismus rückläufig

Kenias Küstenregion ist an für sich eine beliebte Touristendestination. Doch die gewalttätigen Übergriffe des MRC setzen dem Wirtschaftszweig zu. So sind die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr in den letzten drei Jahren zurückgegangen. Im vergangenen Jahr besuchten nur noch 1,09 Millionen Ausländer Kenia, das waren 11,3 Prozent weniger als 2012.

2013 verdiente das ostafrikanische Land 1,05 Milliarden US-Dollar am Tourismus – zehn Millionen weniger als 2012. Auch wenn die finanziellen Einbußen verkraftbar erscheinen, belegen offizielle Zahlen, dass sie das Wirtschaftswachstum verlangsamt haben: von 7,2 Prozent im zweiten Quartal 2013 auf 5,8 Prozent im Vergleichszeitraum 2014.

Obwohl das Wirtschaftswachstum dafür gesorgt hat, dass Kenia in die Riege der Staaten mittleren Einkommens aufrücken konnte, ist nach Ansicht von Experten nicht gesagt, dass es das anvisierte Wirtschaftswachstum im zweistelligen Prozentbereich auch tatsächlich erreichen kann. Das Land ist auf gute Leistungen aller Wirtschaftsbereiche angewiesen. Doch wird das Wirtschaftswachstum durch die Anschläge ausgebremst.

"Die Regierung muss endlich aktiv werden und die bestehenden Sicherheitslücken schließen, will sie das Vertrauen der Anleger nicht aufs Spiel setzen", meint David Owiro vom lokalen Institut für wirtschaftliche Angelegenheiten. Einige Wirtschaftssektoren reagierten empfindlicher als andere auf die politische Unsicherheit. Dies wirke sich unmittelbar auf die kenianische Wirtschaft aus.

Probleme durch expansive Fiskalpolitik

Doch gibt es noch eine Reihe anderer Faktoren, die der kenianischen Wirtschaft zusetzen. So warnt Danson Mwangangi, ein auf Ostafrika spezialisierter Ökonom, auch vor den Folgen von Kenias expansiver Fiskalpolitik. Darunter sind staatliche Maßnahmen zu verstehen, die zu höheren Staatsausgaben oder geringeren Steuereinnahmen führen, die wiederum das Haushaltsdefizit vergrößern.

Owiro zufolge hat die Regierung steuerliche Anreize geschaffen, um ausländische Direktinvestitionen anzuziehen, doch seien diese nicht gut genug konzipiert worden. Sie würden lediglich sicherstellen, dass die Einnahmen der Regierung höher ausfallen als das, was dem Land an Steuern verloren gehe.

Der Experte nennt als Beispiel die Abschreibungen, die ausländischen Investoren eingeräumt werden. Er kritisiert zudem die geltenden Steuerfreijahre, in denen ausländische Investoren von Steuerzahlungen befreit sind. Auch hätten sich die Erwartungen an die Exportsonderzonen (EPZ) nicht erfüllt.

In den EPZ sollten sich ausländische Unternehmen ansiedeln, um für den Export zu fertigen. Dahinter stand der Gedanke, vom US-amerikanischen 'African Growth and Opportunity Act' (AGOA) zu profitieren, das in bestimmten Bereichen wie dem Textilsektor Vergünstigungen beim Zugang zum US-Markt vorsieht. "Doch unsere Baumwollindustrie ist tot", so Owiro. "Wir importieren Baumwolle, um sie zu exportieren."

Dinah Mukami von der lokalen Organisation 'Bunge la Wananchi' erklärte im IPS-Gespräch, dass sich die Regierung auch dringend der hohen Arbeitslosigkeit annehmen müsse. Es gelte dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder mehr Geld im Portemonnaie hätten.

Arbeitslosigkeit angehen

Nach Angaben des Instituts für wirtschaftliche Angelegenheiten sind zwölf Prozent der erwerbsfähigen Kenianer auf dem lokalen Arbeitsmarkt chancenlos. Fast die Hälfte der Erwerbsfähigen geht keiner Vollzeitbeschäftigung nach. "Für all diese Menschen müssen wir Möglichkeiten finden", so Owiro. Besonders dramatisch sei die Jugendarbeitslosigkeit, betont er. So kommen auf einen über 35-jährigen Erwerbslosen zwei Jugendarbeitslose.

Die Regierung ist aber lediglich in der Lage, einen begrenzten Teil von Arbeitsplätzen zu schaffen. Owiro zufolge braucht das Land eine kritische Masse an wettbewerbsfähigen Unternehmen, die ein Interesse am einheimischen, regionalen und internationalen Markt haben. Es gelte die Art von Jobs zu schaffen, die die Regierung nicht schaffen könne.

Mukami zufolge nimmt auch Kenias Verwaltungsform einen direkten Einfluss auf die Wirtschaft des Landes. Seit 2013 befindet sich das Land auf Dezentralisierungskurs. Davon verspricht sich die Regierung ein inklusives Wachstum, eine Bekämpfung der Ungleichheit und der Arbeitslosigkeit. Doch stattdessen sei es zu einer Duplizierung von Arbeitskräften, zu aufgeblasenen Löhnen und Korruption gekommen, moniert Mukami.

Landwirtschaft gegen den Klimawandel wappnen

Mwangangi zufolge bedarf es auch Maßnahmen, um die Landwirtschaft vor den verheerenden Folgen des Klimawandels zu schützen. So müsse die Regierung 12,76 Milliarden Dollar – das Äquivalent des nationalen Haushalts 2013/2014 – aufbringen, um einen fünfjährigen Plan zur Anpassung und Abmilderung des Klimawandels zu finanzieren.

Sollte die Regierung auf diese Herausforderungen nicht angemessen reagieren, steht nach Ansicht von Mwangangi zu befürchten, dass sich das bislang vielversprechende Wirtschaftswachstum wieder verlangsamt. (afr/IPS)

| Tags: , , , , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus