Kenia: Von einem Slum in den nächsten

Kritik an Umsiedlungsprogramm

Von Adam Bemma | 01.08.2014

Nairobi. An östlichen Rand des Kibera-Slums in der kenianischen Hauptstadt Nairobi stehen Kinder vor einer Zapfstelle an. Im Hintergrund sind die grauen und beigen Wohnblöcke von Soweto Ost zu sehen. Ein Mädchen setzt sich ihren mit Wasser gefüllten Behälter auf den Kopf und bewegt sich heimwärts. Sie lebt mit ihrer Familie in der dritten von insgesamt fünf Etagen.

In der Drei-Zimmer-Wohnung wischt Mutter Hilda Olali den Boden. Wasser und Strom sind abgestellt, und die 49-Jährige hat, wie sie sagt, die Nase gestrichen voll. Die fünfköpfige Familie denkt darüber nach, die Wohnung aus Stein aufzugeben und wieder in eine der Hütten aus Lehm und Zinkblech zu ziehen. "Zu Anfang waren wir wirklich begeistert", berichtet Olali. "Doch inzwischen ist das Leben hier härter geworden. Seit Wochen sind wir ohne Wasser. Wir sind zu arm, um welches zu kaufen."

Der Blick aus dem Küchenfenster gibt die Sicht auf einen stetig steigenden Müllberg frei. Seit sechs Monaten wurde der Abfall nicht mehr abgeholt. Sein Gestank hat sich längst in den Räumen des Hochhauses festgesetzt. "Im Slum war das Leben zumindest preiswert", meint Olali. "Seit wir hier leben, werden wir wie Leute behandelt, die sich vieles leisten können", fügt sie hinzu.

Zwölf Jahre sind seit dem Start des Pilotprojekts des 'Kenya Slum Upgrading Programme' (KENSUP) vergangen. Doch viele Mieter fühlen sich von der Regierung und vom UN-Siedlungsprogramm UN-Habitat im Stich gelassen.

2009 waren knapp 5.000 Bewohner des Kibera-Slums in die Soweto-East-Siedlung von KENSUP umgesiedelt worden. In den insgesamt 17 fünfstöckigen Gebäuden in Soweto Ost, einer Teilsiedlung von Kibera, leben inzwischen 1.800 Familien. "Man teilte uns damals mit, dass wir umziehen müssten. Sie (KENSUP, Anm.) haben unseren gesamten Umzug organisiert. Doch während ich in meinem alten Haus sieben Zimmer hatte, sind es hier nur noch drei", klagt Olali.

Nach UN-Angaben lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Von den 43 Millionen Kenianern sind 40 Prozent Städter. Mehr als 70 Prozent der 3,1 Millionen Einwohner Nairobis verteilen sich auf 200 informelle Siedlungen oder Slums. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum macht Kibera zu einer attraktiven Alternative. 800.000 Menschen sollen in dem Elendsviertel leben, das als eines der größten Afrikas gilt.

Ernüchtert

Godwin Oyindo, ein Freund von Olalis Sohn, hat unlängst sein Universitätsstudium abgeschlossen. Der 24-Jährige ist in Kibera aufgewachsen. Wie er berichtet, hatten die Menschen große Hoffnungen an das KENSUP-Projekt geknüpft: eine Regulierung der Eigentumsverhältnisse, annehmbaren Wohnraum, den Zugang zu Wasser- und Stromversorgung und wirtschaftliche Entwicklung. "Es sollte eine slumfreie Gesellschaft geschaffen werden", erinnert er.

2002 hatten sich die kenianische Regierung und UN-Habitat vorgenommen, die Wohnsituation in Nairobi und anderen Städten wie Mombasa, Mavoko Kisumu und Thika nachhaltig zu verbessern. KENSUP soll insgesamt 5,3 Millionen städtischen Slumbewohnern bis 2020 zu einem besseren Lebensstandard verhelfen.

UN-Habitat stand KENSUP mit Expertisen und technischem Rat zur Seite. Wie der UN-Habitat-Vertreter Joshua Mulandi Maviti versichert, wurden alle Projektziele erreicht. "Kibera stand im Zentrum unserer Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Land, Wohnraum und städtische Entwicklung", erklärte er im Gespräch mit IPS und fügte hinzu, dass seine Organisation Infrastruktur-, Landbesitz-, Wasser- und Sanitärprojekte in ganz Kenia, in Mombasa, Kisumu und Mavoko, betreut habe.

Justus Ongera teilt sich ein Zimmer mit seiner jüngeren Schwester in einer Zwei-Raum-Wohnung in Soweto Ost. Das andere wird von einer weiteren Familie bewohnt. "Als wir einzogen, wurde der Müll da draußen alle zwei Wochen abgeholt. Inzwischen gammeln die Abfälle seit einem halben Jahr vor sich hin. Das ist wirklich gesundheitsschädigend. Es muss etwas geschehen."

Wie Maviti erläutert, sind die Verträge mit KENSUP inzwischen abgelaufen. Doch bedeute dies nicht zwingend, dass damit die Zusammenarbeit beendet sei. "Damit wir den Menschen in Soweto Ost helfen können, müssen sich die kenianische Regierung und das Ministerium offiziell an uns wenden." Das Wohnraumministerium und KENSUP waren nicht zu Stellungnahmen gegenüber IPS bereit.

Olali zufolge spricht eine ganze Reihe von Gründen für die Rückkehr nach Kibera. Doch der Wassermangel sei das größte Problem, sagt sie. Er zwinge sie zum Besuch einer weit entfernten öffentlichen Toilette in Kibera. Allein dafür müsse sie jedes Mal fünf kenianische Schilling (0,06 US-Dollar) zahlen. Alles in allem käme da einiges zusammen. (afr/IPS)

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