Kenia: Viehversicherungen für Hirten ein Segen

Erfolgreicher Schutz vor Dürre und Diebstählen

Von Miriam Gathigah | 11.11.2013

Nairobi. "Diese Klänge sind für mich die schönsten der Welt", sagt Hussein Ahmed, ein Hirte aus dem Bezirk Marsabit im Norden Kenias, als er seine Herde nach Hause treibt. Er meint das Gebimmel der Glöckchen, die er seinen Tieren umgehängt hat. Vor zwei Jahren hatte eine der schlimmsten Dürren der letzten sechs Jahrzehnte Ahmeds gesamten Viehbestand vernichtet.

Damals war er mit seiner Herde auf der Suche nach Wasser und Weideland in Richtung Äthiopien unterwegs. "Auf dem 250 Kilometer langen Weg sind alle meine Tiere verendet." Neun Monate später kehrte der Hirte entmutigt in seinen Heimatbezirk zurück. Doch ein Mitglied seines Klans, der sein Vieh im Rahmen eines Pilotprojekts versichert hatte, trat ihm fünf Ziegen und eine Kuh ab und ermöglichte ihm auf diese Weise den Neuanfang.

Ahmeds Leben hat sich inzwischen zum Besseren gewendet. Der Hirte verfügt wieder über eine große Herde. Und was fast noch besser ist: Seit einem Jahr ist sein Vieh gegen Dürren und Diebstahl abgesichert. Dank eines Projekts der Nichtregierungsorganisation 'International Livestock Research Institute' (ILRI), das vom britischen Entwicklungsministerium, der Europäischen Union und der australischen Entwicklungsbehörde unterstützt wird, können sich Hirten erstmals gegen Viehverluste absichern. "Ich habe den Vertrag im letzten Jahr unterschrieben", berichtet Ahmed. "Und bis März diesen Jahres konnte ich die Versicherung schon zwei Mal in Anspruch nehmen."

Zunächst waren die Versicherungspolicen nur in Marsabit erhältlich gewesen. Doch seit August werden sie auch in den nordkenianischen Landkreisen Isiolo und Wajir angeboten. Der Erfolg des Projekts in dem ostafrikanischen Land hat den Start eines weiteren Pilotprogramms in der ariden und semiariden Region Borana im Süden Äthiopiens nach sich gezogen.

Jeder zweite Hirte im Norden Kenias versichert

ILRI zufolge ist die Hälfte der auf 8.000 geschätzten Hirten im Norden Kenias nun gegen Dürre und Viehdiebstahl versichert. Den Hirten und ihren Herden kommt in der Region eine wichtige Rolle zu. Nach Angaben des kenianischen Ministeriums für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei haben die Herden einen Wert von 800 Millionen US-Dollar.

Zahlen der Weltbank zufolge erwirtschaftet Kenia ein jährliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Höhe von 37 Milliarden Dollar. 90 Prozent des in der Region verzehrten Fleisches, so die Zwischenstaatliche Entwicklungsbehörde Ostafrikas, liefern die lokalen Hirtengemeinschaften.

Doch das Leben der umherziehenden Viehhüter ist alles andere als einfach. "Viele Teile des kenianischen Nordens werden von Juni bis Dezember von Dürren heimgesucht, die sich von Januar bis April verschlimmern", berichtet Issa Salesa, ein Hirte in Isiolo, im IPS-Gespräch. "Somit leben wir und unsere Tiere in der ständigen Gefahr, zu verdursten oder aber von Viehdieben überfallen zu werden."

Aber seitdem Ahmed und Salesa gegen den Verlust ihrer Tiere versichert sind, haben sich ihre Lebensbedingungen deutlich verbessert. Die Ernährung ihrer Familien ist das ganze Jahr über gesichert, und die Kinder können die Schule besuchen.

Wie Yusuf Aden, ein Hirte aus Marsabit, berichtet, gelten die Versicherungen für zehn Tiere aufwärts. "Für die Absicherung meiner Ziegenherde zahle ich jährlich 20 Dollar", berichtet er. "Das ist bezahlbar, denn der Verkauf einer Ziege reicht aus, um zehn zu versichern."

Der für die Versicherungen zuständige ILRI-Mitarbeiter Andrew Mude berichtet, dass die Hirten gegen den Verlust von mehr als 15 Prozent ihrer Herden abgesichert sind. Der Nutzen sei aber deutlich höher. Für versicherte Haushalte sinke die Gefahr, dass weniger Nahrung bereitstünde, um 33 Prozent. Die Viehnotverkäufe, wie sie in Dürrezeiten üblich sind, gingen um 50 Prozent, die Abhängigkeit von Nahrungsmittelhilfe um 33 Prozent zurück, rechnet er vor.

Wenig lukratives Geschäft

Eine Ausweitung des Projekts auf das ganze Land hält die Versicherungsvertreterin Beatrice Wambui für unwahrscheinlich, weil die Viehschutzversicherungen nicht wirklich lukrativ seien. "Sich gegen Naturkatastrophen abzusichern, ist eine riskante Angelegenheit", meint sie. "Doch in den Regionen, in denen sich die Viehversicherungen für die Versicherungsgesellschaften und die Hirten als Win-Win-Situation herausgestellt haben, kann das Produkt Leben retten."

Njeri ist der Meinung, dass nun auch der restliche Norden gegen den Viehverlust abgesichert werden müsse. Hirten in den Bezirken Samburu, Turkana, Pokot und Marakwet seien nach wie vor gefährdet, ihre Nahrungs- und Einnahmenquellen zu verlieren, warnt er.

Moses Lentoimaga ist ein Hirte aus Samburu, der in der ständigen Angst vor bewaffneten Viehdieben lebt. Die Banditen hatten sein Dorf zuletzt am 18. Oktober überfallen, fünf seiner Nachbarn erschossen und 1.000 Stück Vieh geraubt. Er wäre heilfroh, wenn er wie Ahmed und Aden abgesichert wäre. Seiner Meinung nach sollten zunächst alle kenianischen Hirten in den Genuss dieser Versicherungspolicen kommen, "bevor diese im Nachbarland Äthiopien angeboten werden". (afr/IPS)

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