Kenia: Strom aus Dampf

Erdwärme läuft Wasserkraft den Rang ab

Von Isaiah Esipisu | 28.10.2015

Olkaria. Im Kenia haben nur 23 Prozent der Landbevölkerung Zugang zu Strom. Um zusätzliche Elektrizität aus verlässlichen, umweltfreundlichen Energiequellen zu erzeugen, nutzt Kenia als erstes Land der Welt temporäre geothermische Bohrlochköpfe. Damit sollen 56 Megawatt Energie ins nationale Stromnetz eingespeist werden.

Bohrlochköpfe in der Region Okaria im Großen Afrikanischen Grabenbruch (Bild: Isaiah Esipisu/IPS)

Wie Ingenieure des kenianischen Energieunternehmens Kenya Electricity Generation Company (KenGen) erklären, erfordert es Jahre, um ein einziges reguläres Erdwärmekraftwerk zu bauen, das mit Wasserdampf aus mehreren Bohrlöchern betrieben wird. Oft würden die Löcher bereits gebohrt, bevor die Anlage fertiggestellt wird und dann jahrelang offen gelassen.

Kenia will es anders machen: "Wir nutzen jedes einzelne Bohrloch, das normalerweise ungenutzt bliebe, um mit Wasserdampf Strom zu generieren", sagt Johnson Ndege, der als leitender Ingenieur für die bei KenGen verwendeten Bohrlochköpfe verantwortlich ist.

Um Erdwärme in Energie umzuwandeln, werden Kraftwerksturbinen mit extrem heißem, aus der Erdkruste quellenden Wasserdampf angetrieben. Der Dampf wird aus Löchern gepumpt, die oft mehr als drei Kilometer tief gebohrt wurden.

Bohrlochköpfe sehen aus wie normale Erdwärmekraftwerke, sind aber wesentlich kleiner. Während ein Geothermiekraftwerk aus Dutzenden Bohrlöchern gespeist wird, nutzt ein Bohrlochkopf lediglich den Dampf eines Loches. Sobald die Hauptanlage fertiggestellt ist, werden die Bohrlochköpfe entfernt und zu anderen Stationen gebracht, damit der Dampf dem eigentlichen Kraftwerk zur Verfügung steht.

Neue Methode zur optimalen Energienutzung

"Die Bohrlochkopftechnik war zunächst nur ein Experiment. Inzwischen hat sie sich aber als gute Methode erwiesen, um Energie aus Bohrlöchern zu gewinnen, die ansonsten jahrelang ungenutzt geblieben wären", erklärt Ndege. Kenia ist daher das erste Land der Welt, das Geothermie direkt mit Hilfe der Bohrlochköpfe produziert.

Bis jetzt hat KenGen elf Bohrlochköpfe konstruiert, durch die 56,1 Megawatt zu der in dem afrikanischen Staat erzeugten Erdwärme hinzukommen. Vier weitere Bohrlochköpfe sind im Bau. Experten gehen davon aus, dass sie in den kommenden vier Monaten insgesamt 20 Megawatt zusätzlichen Strom liefern werden. In Olkaria in der Provinz Rift Valley werden unterdessen das sechste und siebte große geothermische Kraftwerk des Landes gebaut. Bis 2018 sollen die Industrieanlagen fertig sein.

"Wir wollen nichts dem Zufall überlassen. Deshalb haben wir begonnen, Elektrizität mit Hilfe von Bohrlochköpfen zu generieren, während wir immer mehr Erdwärmekraftwerke errichten", sagt Albert Mugo, der Verwaltungsdirektor von KenGen.

Indem Kenia in die fünf großen Erdwärmekraftwerke Olkaria I, II, III, IV und V investiert hat und zusätzliche Energie aus kleineren Quellen wie den Bohrlochköpfen bezieht, hat sich das Land auf globaler Ebene als Produzent von Geothermie positioniert. Inzwischen ist Kenia mit einer installierten Kapazität von 585 Megawatt der weltweit achtgrößte Lieferant von Strom aus Erdwärme geworden. Diese Kapazität entspricht fünf Prozent der globalen Produktion von Geothermie, wie der 'World Geothermal Council' ermittelt hat.

Wasserkraft nur noch an zweiter Stelle

Laut Mugo übersteigt das Potenzial für die Erzeugung von Erdwärme seit Beginn des Baus von Olkaria IV und V mit einer Leistung von insgesamt 280 Megawatt bereits die Kapazität der Wasserkraftwerke. Die beiden Kraftwerke waren im Oktober 2014 von Staatspräsident Uhuru Kenyatta in Auftrag gegeben worden.

Geothermie trägt nun zu 51 Prozent zm Energiemix in Kenia bei. Wasserkraft, noch vor einigen Monaten die wichtigste Energiequelle, hat mittlerweile nur noch einen Anteil von 40 Prozent. Die restliche Energie wird hauptsächlich durch Wärme- und Windkraft erzeugt.

"Geothermische Kraftwerke arbeiten zu mehr als 90 Prozent effizient, Wasserkraftwerke erreichen hingegen nur etwa 70 Prozent", erklärt Mugo. Ein weiterer Vorteil liege darin, dass die Stromerzeugung nicht von klimatischen Faktoren abhängig sei und die Umwelt nicht belaste. "Es handelt sich um saubere Energie", betont er.

Mugo räumt zugleich ein, dass das Land nicht völlig auf die Energiequelle Diesel verzichten kann, weil die Nachfrage nach Elektrizität steigt, Notfälle auftreten können und die Kraftwerke routinemäßig gewartet werden müssen.

"Wir sollten unser Bestes tun, um die Erschließung erneuerbarer Energiequellen zu unterstützen. Auf diese Weise können wir uns den Klimaveränderungen anpassen und ihre Auswirkungen abmildern", meint Wilbur Ottichilo, kenianischer Abgeordneter und Gründer des Parlamentarischen Netzwerks für Erneuerbare Energie und Klimawandel.

Nach Angaben des nationalen Energieministeriums von Kenia wird das Potenzial für die Erzeugung von Erdwärme allein in Rift Valley auf mehr als 10.000 Megawatt geschätzt. "Bis 2018 wollen wir in der Lage sein, weitere 460 Megawatt Erdwärme zu generieren", sagt Mugo. "Wenn dies erreicht ist, könnte der Anteil des Stroms aus Wasserkraft um 28 Prozent gesenkt werden." (afr/IPS)

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