Kenia: Streit um Landbesitz in Kibera

Nubier fordern Anerkennung historischer Ansprüche

Von Miriam Gathigah | 13.01.2014

Nairobi. Der Kibera-Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi gehört zu den größten Elendssiedlungen Afrikas. Hier wird immer wieder die Frage diskutiert, wem das Land eigentlich gehört, auf dem die Armen leben. Die Nubier, die seit mehr als 100 Jahre in der Siedlung beheimatet sind, stoßen mit ihren Besitzansprüchen bei Kenianern auf Widerstand.

Die ersten Nubier gelangten als sudanesische Soldaten der britischen Armee Ende des 19. Jahrhunderts nach Kenia, wo sie jedoch erst seit der Volkszählung von 2009 offiziell als Ethnie anerkannt sind. Da sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Heimat zurückkehren konnten, wurden sie und ihre Familien von der Kolonialregierung am südwestlichen Rand von Nairobi angesiedelt.

Dieses Gebiet nannte sich Kibra: das Dorf, das sich später zu Kibera auswuchs. Obwohl die dort lebenden Nubier Kibera stets als ihr Eigentum betrachtet haben, wurden sie nie als Besitzer anerkannt. Offiziell gehören die Grundstücke de Regierung. "Mein Großvater Deyeb Aljab war einer der ersten Nubier, die sich in Kibra niederließen", berichtet Hussein Dong', ein Hauseigentümer. "Er besaß ein insgesamt 0,4 Hektar großes Grundstück. Doch in den Genuss einer Besitzurkunde kam er nie."

Gerechte Landtitelvergabe gefordert

Dong' zufolge ist die nubische Gemeinschaft beunruhigt über die zunehmende Feindseligkeit anderer Ethnien gegenüber den Regierungsplänen, den Nubiern ein 116,5 Hektar großes Gebiet zu überschreiben. Doch wie Gary Otieno betont, der in Makina, einem der insgesamt 13 Slumdörfer, lebt, verlange man lediglich eine faire Aufteilung unter den Ehtnien.

"Einige Nubier haben ihre Hütten bereits an Mitglieder anderer Ethnien verkauft", gibt Otieno zu bedenken. "Werden die neuen Eigentümer also in einer Art 'schwebender Hütten'leben, weil das Land, auf dem diese erbaut wurden, Nubiern gehört, die ihre Behausungen verkauft haben?"

Den offiziellen Angaben zufolge zählt Kenia rund 15.000 Nubier. Doch der Ältestenrat der Nubier widersprach den Angaben. Ihm zufolge waren 2009 mindestens 100.000 Nubier in dem ostafrikanischen Land ansässig. Dong' zufolge konzentrieren sich die meisten Mitglieder der Minderheit in Kenia auf Kibera. Der kleinere Rest verteile sich landesweit auf zwei größere Städte. "Zahlenmäßig legen wir zu", unterstreicht Dong'. "Deshalb ist es nicht gut, dass wir lediglich Landtitel für 116,5 Hektar Kibera-Land erhalten, obwohl uns die Briten ursprünglich das Zehnfache an Land zugewiesen hatten."

Der Menschenrechtsaktivist Felix Omondi, Mitglied der lokalen Organisation 'Bunge la Wananchi' ('Volksparlament') verweist auf den hohen Wert, den der Riesen-Slum auch aufgrund seiner Nähe zum Stadtzentrum von Nairobi hat. "Es sind viele Interessen im Spiel", versichert Omondi. Im September 2013 hatte die Landministerin Charity Ngilu erklärt, dass bereits Immobilien (in den Kibera-Vierteln) Kisumu Ndogo, Gatwekera, Laini Saba und Kianda verkauft worden seien. "Keiner weiß, wem das Land gehört", meint dazu Omondi.

Dem Aktivisten zufolge gibt es in diesem Zusammenhang um mehr Fragen als Antworten. "Wer hat die Grundstücke verkauft? Waren es die Nubier, war es die Regierung? Darüber hinaus ist die Rede von Plänen der Nationalen Umweltmanagement-Behörde NEMA, die Kibera-Bewohner in der Nähe des Flusses Ngong umzusiedeln." Auch ist der Abriss der Hütten nahe der Gleise der kenianisch-ugandischen Eisenbahn im Gespräch, seitdem ein Zugunglück im Dezember zur Zerstörung mehrerer dieser Häuser führte.

Dem Zensus von 2009 zufolge leben in Kibera 170.000 Menschen. Doch das 'Kibera Law Centre' hält die Zahl von mehr als einer Million Menschen für weitaus realistischer. In einem solchen Fall würden sich so viele Menschen auf einem Raum zusammendrängen, der kleiner ist als der New Yorker Central Park.

Der Kibera-Slum ist aufgrund seiner vielen Einwohner für Politiker ein extrem wichtiger Wahlkreis. "Die Mehrheit der dort lebenden Menschen sind ethnische Luo", erläutert Omondi. "Ihr Einfluss ist unglaublich groß." Der Slum verfügt zudem über Massen junger Menschen, die sich leicht für die Teilnahme an Demonstrationen oder gar Gewaltakte mobilisieren lassen wie etwa 2007 im Zusammenhang mit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen. Überhaupt ist in Kibera bereits viel Blut geflossen.

Lage in Kibera gespannt

Otieno zufolge ist die politische Lage im Slum so gespannt, dass sie leicht in ein weiteres Blutbad ausarten könnte. "Die Menschen hier sind bereit, um das zu kämpfen, was ihnen gehört", meint er und fügt hinzu, dass sich die Slumbewohner nie wirklich von den ethnischen Zusammenstößen im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl im Jahr 2007 erholt hätten, die landesweit mehr als 1.000 Menschen das Leben kosteten. "Während der Gewalt hatten viele Vermieter die Kontrolle über ihre Häuser im Kibera-Slum verloren und bis heute nicht wiedererlangt."

Doch der Streit um Kibera ist alt und geht auf die Zeit der Unabhängigkeit 1938 zurück. Und obwohl das Parlament 1971 ein Gesetz verabschiedet hatte, das der Regierung die Demarkierung und Vergabe von Besitzurkunden an die rechtmäßigen Eigentümer abverlangt, wurde der Plan nie ausgeführt.

2009 begann die Regierung mit der Umsetzung eines Umsiedlungsprogramms für die Kibera-Bewohner. Obwohl die vom Staat erbauten neuen Häuser nicht weit von den alten Hütten entfernt standen, stieß das Projekt auf breiten Widerstand. (Ende)

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