Kenia: Sexuelle Bedürfnisse HIV-positiver Jugendlicher ignoriert

Experten wahren vor den Folgen

Von Miriam Gathigah | 13.12.2012

Nairobi. Ein Ringkampf sollte sein Leben verändern. Als Cedric Owino aus dem Elendsviertel Mathare einen Wettstreit gegen einen anderen Jungen austrug, schrie dessen Mutter: "Hör auf! Wenn er dich kratzt, wird er dich mit HIV infizieren." Die Großmutter von Cedric Owino, Mwema Omollo, hatte 15 Jahre lang geschwiegen, um ihrem Enkel eine sorglose Kindheit zu ermöglichen.

Seitdem hat sich das Leben von Cedric Owino komplett verändert. Seiner Großmutter, die ihn seit dem Tod der Eltern großzieht, hatte er nach dem Vorfall im Mathare-Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi schwere Vorhaltungen gemacht, im nicht früher reinen Wein eingeschenkt zu haben. "Das ist nicht leicht", rechtfertigt sich Omollo im IPS-Gespräch. "Wenn du HIV-infizierte Kinder über ihren Zustand aufklärst, kann das das Ende ihrer Kindheit bedeuten. Die meisten Menschen haben immer noch große Angst vor einer HIV-Infektion."

Seit der Enkel unfreiwillig geoutet wurde, hat er zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. "Meine Familie wusste, dass ich infiziert war. Warum haben sie mir vorgemacht, dass die Tabletten, die ich einnehmen muss, gegen Asthma sind?", fragt der Junge frustriert, der die Schule inzwischen abgebrochen hat.

Owino ist nicht der einzige Jugendliche, der mit dem HIV-Status zurechtkommen muss. Der gleichaltrige Anthony Andega hatte vor zwei Jahren von seiner Infektion erfahren und ebenfalls versucht, sich umzubringen. Er verletzte sich mit einem Messer. Die Reaktion seiner Umgebung auf das viele Blut, das aus seiner Wunde quoll, machte ihm schmerzlich bewusst, dass er ein Ausgestoßener ist: Keiner der Umstehenden wollte ihm helfen, aus Angst, sich mit der tödlichen Immunschwäche anzustecken.

"Niemand will anfassen, was du angefasst hast. Du fühlst dich isoliert", berichtet Andega. Hinzu kommt, dass sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. "In diesem Viertel gehen wir alle in dieselben Schulen. Gibt es nur einen, der über dich Bescheid weiß, und schon wissen es alle."

Seelischer Stress

Wie aus dem Kenianischen Faktenpapier zu Bevölkerungsfragen hervorgeht, ist der seelische Druck, unter dem HIV-positive Jugendliche stehen, extrem hoch, und eine Umfrage unter infizierten Teenagern ergab, dass 55 Prozent von ihnen grundsätzlich gegen die Bekanntgabe des HIV/Aids-Status ihrer Familienmitglieder sind.

Zahlen des Gesundheitsministeriums zufolge sind 7,1 Prozent der Kenianer – 1,4 Millionen Menschen – im Alter von 15 bis 64 Jahren HIV-infiziert. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen sind es 3,8 Prozent.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die in Mathare mit den Erziehungsberechtigten HIV-positiver Kinder zusammenarbeitet, ist auch innerhalb der Familien selbst die Bereitschaft, sich als HIV-positiv zu outen, gering. Nur zwei Prozent der Familienmitglieder sind demnach dazu bereit.

Die Verschwiegenheit ist ein ernstes Problem. "Die Infektionsrate droht weiter anzusteigen, denn viele junge Menschen sind sexuell aktiv und stecken ihre Sexualpartner an, ohne es zu wissen", warnt die Krankenschwester Ann Mburu, die für das Programm 'Jugendliche zählen heute' (Adolescents Count Today - ACT) tätig ist, das sich um HIV-positive Teenager kümmert.

Die Nichtregierungsorganisation 'Family Health Options Kenya' (FHOK) hat ACTs im zentralkenianischen Thika und in Eldoret und Nakuru in der Region Rift Valley gestartet. Sie fand heraus, dass 22 Prozent der befragten Jungen und elf Prozent der Mädchen im Alter von 15 Jahren sexuelle Erfahrungen gemacht hatten. Dennoch halten sich 60 Prozent der Heranwachsenden nicht für HIV/Aids-gefährdet.

Isolation durch Unwissenheit der anderen

Die Kinderärztin Alice Muchemi hat viele Teenager kennengelernt, die entsetzlich unter ihrem HIV-Status leiden. "In der Pubertät ist das Selbstvertrauen ohnehin sehr zerbrechlich, und jede Zurückweisung durch das andere Geschlecht wird als Tragödie wahrgenommen", erläutert sie. Dass HIV-positive Teenager häufig wie Paria behandelt werden, führt sie auf Aufklärungsdefizite bei den Gleichaltrigen zurück.

Kenias Nationale Richtlinien für HIV-Tests und -Beratungen erlauben Gesundheitsarbeitern in Fällen, in denen junge HIV-positive Menschen schwanger, verheiratet oder sexuell aktiv werden, diese über ihren Status aufzuklären. Doch tatsächlich wird nicht immer von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Muchemi zufolge liegt das daran, dass Kinder und Jugendlich selten über ihre sexuellen Erfahrungen sprechen, die ihnen meist auch niemand zutraut.

Bevor Owino von seiner Krankheit erfuhr, hatte er mit mehreren Mädchen geschlafen, doch nur ein einziges Mal ein Kondom benutzt. "Ich dachte, dass ausschließlich Erwachsene HIV/Aids bekommen", meint er. Seine ehemaligen Sexualpartnerinnen will er nicht informieren. "Auch wenn die Leute hier Bescheid wissen, werde ich nicht darüber reden."

Das Kinderhilfswerk 'Plan Kenya' hat eine Studie über die Bedürfnisse HIV-positiver Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 19 Jahren erstellt, die in Nairobi und der Region Nyanza leben. Das Ergebnis: Mehr als vier Fünftel von ihnen waren sexuell aktiv und mehr als zwei Drittel unterhalten nach wie vor sexuelle Beziehungen.

Heraus kam ferner, dass Nyanza mit der höchsten HIV-Prävalenzrate in Kenia geschlagen ist. Die Rate ist fast doppelt so hoch wie die im Rest des Landes mit einem Durchschnittswert von 15,3 Prozent.

Paul Ndegwa, an HIV-positiver Aktivist, wirft der Regierung vor, die Nöte und Bedürfnisse von Teenagern, die sich mit der Immunschwäche angesteckt haben, sträflich zu ignorieren. Dem UN-Aidsprogramm UNAIDS zufolge sind die HIV/Aids-Neuinfektionen bei Kindern zwar um 40 Prozent zurückgegangen. "Doch das Problem ist die Übergangszeit vom Kindes- ins Teenageralter", sagt er. " Die Bedürfnisse HIV-positiver Jugendlicher sind real, doch werden sie genauso ignoriert wie die Notwendigkeit, jungen Menschen den Zugang zu Verhütungsmitteln zu ermöglichen."(afr/IPS)

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